Die Ära der „Pax Americana“ geht zu Ende. Machtpolitik verdrängt Regeln, Hybris ersetzt Kooperation. USA, China und Russland formen rivalisierende Einflusszonen – mit drastischen Folgen für Europas Sicherheit und Wohlstand, erläutert der USA-Experte Josef Braml in einem Gastbeitrag für die Nordwest-Zeitung.
Die geopolitische Landschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Die Welt entwickelt sich zunehmend zu einer Dreiteilung in Einflusszonen, die von den Großmächten USA, China und – in abgeschwächter Form – Russland sowie der Europäischen Union geprägt werden. Diese Entwicklung erinnert frappierend an George Orwells dystopischen Klassiker „1984“, in dem drei rivalisierende Superstaaten um Macht und Kontrolle ringen. Zwar ist unsere Realität weniger brutal, doch die Tendenz ist eindeutig: Machtpolitik und nationale Eigeninteressen verdrängen zunehmend Recht, Regeln und den Multilateralismus, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Fundament der internationalen Ordnung galt.
Hybris als Schutzmechanismus
Die Hybris der Großmächte ist mehr als bloße Arroganz. Sie ist Ausdruck eines psychologischen Mechanismus: Je größer das innere Unbehagen, desto ausgeprägter das Streben nach Macht und Kontrolle. Die Unsicherheit über die eigene Position in einer sich wandelnden Weltordnung führt zu Überkompensation – sichtbar in aggressiver Rhetorik, protektionistischen Maßnahmen und militärischer Machtdemonstration. Psychologisch betrachtet ist Hybris oft ein grandioser Bluff, dem die Akteure selbst glauben. Diese Selbsttäuschung stabilisiert kurzfristig das eigene Machtgefühl, erhöht aber langfristig die Risiken für globale Stabilität.
So sind Wladimir Putins Annexion der Krim und der Angriffskrieg gegen die Ukraine klassische Überkompensationen einer unsicheren Macht, die wirtschaftlich stagniert und demografisch schrumpft. Die aggressive Rhetorik vom „Schutz der russischen Welt“ und die nukleare Drohkulisse sollen Stärke demonstrieren, verdecken aber die strukturelle Schwäche des Landes. Hybris wird hier zur riskanten Strategie, um innenpolitische Legitimation zu sichern.
Xi Jinpings expansive Projekte wie die „Neue Seidenstraße“ und die militärische Aufrüstung im Südchinesischen Meer spiegeln den Anspruch Chinas auf regionale Hegemonie und globale Führungsrolle. Gleichzeitig sind sie Reaktionen auf innere Unsicherheiten: eine alternde Bevölkerung, wachsende Schulden und die Abhängigkeit von Exportmärkten. Die Rhetorik von „nationaler Wiedergeburt“ und „technologischer Souveränität“ dient als psychologischer Schutzschild gegen die Angst vor Verwundbarkeit.
Donald Trumps „America First“-Politik ist nicht nur Ausdruck von Stärke, sondern auch ein Versuch, die schwindende industrielle Basis und den relativen Machtverlust der USA zu kompensieren. Handelskriege, Strafzölle und der Austritt aus internationalen Abkommen dienen dazu, Kontrolle zurückzugewinnen – ein Bluff, der die Illusion von Unabhängigkeit erzeugt, während die globale Verflechtung real bleibt.
Pax Americana erodiert
Die von den USA dominierte Weltordnung, die sogenannte Pax Americanaerodiert – schleichend, aber unaufhaltsam. Die Ursachen sind vielfältig: innenpolitische Krisen in den USA, der Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen und technologischen Supermacht, Russlands revisionistische Machtpolitik sowie globale Megatrends wie Digitalisierung, Klimawandel und die Fragmentierung von Lieferketten.
Die Weltordnung wird fragmentierter, weniger regelbasiert und riskanter. An die Stelle einer weitgehend offenen Globalisierung tritt eine Blockbildung, die sich in Handelskriegen, Technologiekonflikten und geopolitischen Rivalitäten manifestiert. Nationale Sicherheitsinteressen dominieren wirtschaftliche Entscheidungen. Investitionsströme, Datenflüsse und Energieversorgung werden zunehmend politisiert.
Europa herausgefordert
Für Europa ist diese Entwicklung besonders herausfordernd. Die EU steht zwischen den Machtblöcken und muss ihre strategische Eigenständigkeit ausbauen, um nicht zum Spielball fremder Interessen zu werden. Das erfordert eine realistische Bestandsaufnahme: Europa kann weder die militärische Dominanz der USA noch die wirtschaftliche Dynamik Chinas kopieren. Doch es kann durch eigene militärische Abschreckung, technologische Innovation und gezielte Industriepolitik größere Handlungsspielräume schaffen. Strategische Autonomie bedeutet nicht Autarkie, sondern die Fähigkeit, in kritischen Bereichen – Sicherheit, Technologie und Energie – unabhängig entscheiden zu können.
Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.
In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.