Trumps Wirtschaftskrieg um Grönland

Der Streit um Grönland eskaliert. Mit Zolldrohungen erhöht Trump den Druck. Was nun droht und wie Europa reagieren sollte, erläutert der USA-Experte Josef Braml für Focus Online.

Am 17. Januar 2026 kündigte US-Präsident Donald Trump zehn Prozent Zölle auf Importe aus mehreren europäischen Ländern an, um Dänemark zum Verkauf Grönlands zu bewegen. Betroffen sind neben Dänemark auch Norwegen, Schweden, Frankreich, Deutschland, das Vereinigte Königreich, die Niederlande und Finnland – Länder, die sich seiner Forderung nach einem Anschluss Grönlands an die USA entgegenstellen.

Die Zollsätze sollen am 1. Juni sogar auf 25 Prozent steigen und so lange Bestand haben, bis eine Vereinbarung über den „vollständigen und totalen Erwerb Grönlands abgeschlossen“ wurde.

Die USA setzen auf wirtschaftsnationalistische Hebel und militärische Drohungen als Teil einer größeren Strategie: der Neuauflage einer machtpolitischen Monroe-Doktrin, die nicht nur China und Russland, sondern auch Europa zurückdrängen und US-Dominanz im Nordatlantik sichern soll.

Hintergrund: Grönland als geopolitisches Spielfeld

Grönland, die größte Insel der Welt und ein autonomes Territorium innerhalb des Königreichs Dänemark, ist längst mehr als ein entlegener Außenposten im Nordatlantik. Durch den Klimawandel werden bislang unzugängliche Gebiete erschlossen, was das Interesse weiter steigert.

Seine geostrategisch wichtige Lage an den nördlichen Seewegen, sein Potenzial für Rohstoffförderung (Erdöl, Gas, Seltene Erden) und die Möglichkeit, neue militärische Infrastrukturen zu errichten, machen die Insel für die USA, aber auch für China und Russland, äußerst attraktiv.

Trump argumentiert, der Erwerb Grönlands sei notwendig, um die strategischen Interessen der USA im arktischen Raum zu sichern und den zunehmenden Aktivitäten Chinas und Russlands entgegenzuwirken.

Streit sorgt bei Grönländern für große Unsicherheit über Zukunft

Aus Sicht des US-Präsidenten bedarf es „starker Maßnahmen“, um die globale Sicherheit zu schützen und die Vorherrschaft in dieser Region nicht zu verlieren.

Dänemark betont, dass die USA auf ihrer Militärbasis auf Grönland ohnehin freie Hand haben, aber Grönland unverkäuflich bleibt. Die Insel besitzt Autonomie; ihre Regierung will selbstbestimmt entscheiden, ohne äußeren Druck. Der Streit sorgt bei den Grönländern für große Unsicherheit über ihre Zukunft.

Die politischen Motive hinter den Zollandrohungen

Bereits im Vorfeld entsandten europäische Staaten militärische und diplomatische Delegationen nach Grönland, um einer potenziellen Übernahme durch die USA entgegenzuwirken. Präsident Trump wertete dies als Provokation und reagierte mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen.

Die nun angekündigten Zölle sind als deutliches Signal an Dänemark und die betroffenen europäischen Staaten zu verstehen, dass die USA bereit sind, zur Durchsetzung ihrer geopolitischen Interessen wirtschaftlichen Druck auszuüben.

Unklar bleibt bislang, ob die neuen US-Zölle zusätzlich zu den bestehenden 15 Prozent EU-Zöllen und zehn Prozent UK-Zöllen erhoben werden – eine Konstellation, die frühere Handelsabkommen gefährden und zu einer regelrechten Spirale gegenseitiger Handelsbeschränkungen führen könnte.

Mit der geplanten Erhöhung auf 25 Prozent ab Juni droht eine weitere Eskalation, die nicht nur die betroffenen Volkswirtschaften belastet, sondern auch die gesamte Weltwirtschaft destabilisieren könnte.

Trumps neue Zoll-Drohung: Besonders betroffen wären vier Branchen

Insbesondere die Wirtschaften Europas und der USA sind eng miteinander verbunden. Zölle treffen nicht nur Unternehmen, sondern auch Verbraucher beider Seiten. Die Gefahr eines Handelskriegs mit unabsehbaren Folgen wächst.

Die betroffenen europäischen Länder haben die geplanten Zölle scharf kritisiert und prüfen Gegenmaßnahmen. Auch für die Weltwirtschaft insgesamt wäre eine Eskalation des Handelskonflikts ein Risiko – insbesondere, wenn Europa und andere Staaten mit eigenen Zöllen oder Sanktionen reagieren.

Unternehmen könnten gezwungen sein, ihre Lieferketten zu überdenken, Produktionsstandorte zu verlagern oder Investitionen einzufrieren. Besonders betroffen wären Branchen wie Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie und Landwirtschaft, die eng mit den USA verflochten sind.

Rechtliche Unsicherheiten und internationale Reaktionen

Viele Unternehmen setzen weiterhin auf die Kontrollmechanismen der Gewaltenteilung in den USA. Während im Kongress aufgrund der Loyalität vieler Republikaner gegenüber dem Präsidenten nur begrenzter Widerstand zu erwarten ist, könnte das Oberste Gericht, der Supreme Court, ein Machtwort gegen Trumps Zölle sprechen.

Trump stützt sich auf den International Emergency Economic Powers Act (IEEPA), der im Notfall weitreichende Maßnahmen erlaubt. Ob dieses Vorgehen jedoch mit der US-Verfassung und internationalen Abkommen vereinbar ist, wird derzeit vom Supreme Court geprüft.

Die EU-Kommission sieht in den einseitigen US-Handlungen einen klaren Verstoß gegen das Prinzip des freien Handels und droht mit Vergeltungszöllen. Auch das Vereinigte Königreich, das nach dem Brexit eine eigenständige Handelspolitik verfolgt, hat angekündigt, die Auswirkungen zu analysieren und gegebenenfalls zu reagieren.

Zoll-Eskalation ist Ausdruck von grundlegendem Geopolitik-Wandel

Die von Präsident Trump angekündigten Zölle sind mehr als ein kurzfristiges Druckmittel im Streit um Grönland. Sie sind Ausdruck eines grundlegenden Wandels in der internationalen Politik, in der wirtschaftliche Macht zunehmend als Waffe zur Durchsetzung geopolitischer Interessen eingesetzt wird.

Die EU und die betroffenen Staaten stehen nun vor der Herausforderung, einerseits ihre wirtschaftlichen Interessen zu schützen und andererseits die politische Einheit zu wahren.

Politisch könnte Trumps Vorgehen zu einer weiteren Zerreißprobe Europas werden: während einige Länder auf Dialog setzten, präferieren andere eher konfrontative Maßnahmen.

Europa auf der Suche nach einer koordinierten Linie

Europa steht vor der Herausforderung, auf die strategischen Manöver von Präsident Trump – insbesondere das Ausspielen europäischer Länder gegeneinander – mit einer klugen, kohärenten und machtpolitisch informierten Antwort zu reagieren.

Entscheidend ist eine koordinierte EU-Linie in Bezug auf Grönland und arktische Fragen. Bilaterale Alleingänge sind zu vermeiden, da sie von Trump gezielt als Spaltpilz genutzt werden könnten.

Druck mit Gegendruck beantworten

Da Zölle Trumps bevorzugtes Druckmittel sind und seinem bekannten Muster von Druck, Verunsicherung und anschließendem „Deal“-Angebot folgen, sollte die EU mit Binnensolidarität auf US-Zölle reagieren.

Zielgerichtete Gegenmaßnahmen, etwa auf Basis des Anti-Coercion Instrument (ACI) der EU, und eine Stärkung der europäischen Industriepolitik sind notwendig, um die eigene Verwundbarkeit gegenüber US-Protektionismus zu reduzieren.

Europa muss in der Lage sein, „Druck mit Druck“ zu beantworten, sollte dabei jedoch vorschnelle Eskalationen vermeiden, da Trump gezielt auf emotionale Überreaktionen setzt.

Gezielte Unterstützung für Dänemark und Grönland

Trumps Strategie wirkt besonders effektiv, wenn kleine Länder wie Dänemark und Grönland isoliert sind. Daher sollte Europa Grönland wirtschaftlich enger an die EU binden, beispielsweise durch Investitionen in Infrastruktur, Rohstoffprojekte und Ausbildungsprogramme. Politisch braucht Kopenhagen Rückendeckung, um US-Spaltungsversuche abzufedern.

Transparente Angebote sind wichtig, damit Grönland nicht allein auf US-„Deals“ angewiesen bleibt. Empfehlenswert wäre, ein gemeinsames Format zwischen der EU, Dänemark und Grönland einzurichten und ein europäisches Arktis-Paket zu entwickeln, das Themen wie Sicherheit, Energie, Infrastruktur und Investitionen umfasst.

Stärkung der strategischen Autonomie Europas

Europa muss auf die geopolitischen Ambitionen der USA reagieren und eine eigene Strategie im arktischen Raum entwickeln. Die Arktis-Sicherheit sollte europäisiert werden, um einem möglichen „fait accompli“ der USA zuvorzukommen.

Trump akzeptiert eine Welt mit Einflusszonen und zwingt Europa dazu, sich selbst zu behaupten. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, eine eigenständige europäische Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit zu entwickeln und die Abhängigkeit von US-Sicherheitsgarantien zu verringern.

Kommunikation: Souveränität betonen, nicht Anti-Amerikanismus

In der öffentlichen Debatte sollte Europa dennoch Wert darauf legen, die Auseinandersetzung nicht als Konfrontation „EU gegen USA“ zu präsentieren, sondern als legitimen Schutz europäischer Hoheitsrechte und völkerrechtlicher Regeln.

Im Vordergrund stehen Respekt vor territorialer Integrität und die Verteidigung internationaler Prinzipien, was besonders gegenüber den nordischen Partnern die eigene Legitimität stärkt.

Europa steht vor der schwierigen Aufgabe, gemeinsam und entschlossen auf diese Herausforderung zu reagieren, die eigenen Interessen und Werte zu verteidigen.

Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.

Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.

In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.