Iran-Krieg: Trump kürt sich bald zum Kriegs-Sieger – weil er es muss

Die Realität in dem auch für die USA desaströsen Iran-Krieg nötigt Trump zur Kapitulation – mit weitreichenden Folgen für die Region und Europa, analysiert der USA-Experte Josef Braml für Focus Online.

Angesichts wachsender Skepsis in der US-Bevölkerung deutet vieles darauf hin, dass US-Präsident Trump bald einen vorläufigen Schlussstrich unter einen Konflikt zieht, dessen Fortsetzung innenpolitisch immer riskanter wird. Er wird wohl einen Sieg im Iran-Krieg erklären.

Die Rechnung zahlt jemand anderes. Die Verantwortung wandert nach Europa, die Risiken ins Bündnis, die strategischen Folgen in die Zukunft. Was kurzfristig innenpolitisch funktioniert, beschädigt langfristig die amerikanische Führungsrolle.

Trump verkündet nun, dass die Vereinigten Staaten ihre strategischen Ziele im Krieg gegen den Iran fast vollständig erreicht hätten. Doch es ist klar zu erkennen, dass es Trump eben bislang offensichtlich nicht gelungen ist, auch nur eines seiner zahlreichen und auch widersprüchlichen Kriegsziele im Iran zu verwirklichen.

Zugleich wies Trump den Vorwurf zurück, die USA führten einen Krieg ohne klare Strategie, und stellte die Angriffe als notwendig für die Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten dar. Für den hohen Ölpreis machte er iranische Aggression verantwortlich und forderte andere Staaten auf, die Sicherung der Straße von Hormus künftig selbst zu übernehmen. Die USA seien auf Öl aus der Region nicht angewiesen.

Aber durch Irans Blockade dieser für die weltweiten Öllieferungen wichtigen Meerenge sind die Ölpreise stark gestiegen. Gerade das setzt den US-Präsidenten innenpolitisch stark unter Druck und wird ihn letztlich zu dem wahrscheinlichen Rückzug zwingen. Denn steigende Kosten treffen die amerikanische Bevölkerung spürbar und machen eine Fortsetzung des Konflikts politisch kaum haltbar.

Des Kaisers neue Kleider

Betrachtet man die aktuelle Lage, drängt sich eine literarische Analogie auf: „des Kaisers neue Kleider“. Donald Trump verfolgt seinen militärischen Kurs gegenüber dem Iran, doch in seinem unmittelbaren Umfeld herrscht auffälliges Schweigen.

Kaum jemand spricht offen aus, dass der Waffengang strategisch schlecht durchdacht ist – und politisch zunehmend zum Risiko wird. Wie beim berühmten Kaiser scheint auch hier niemand den Mut zu haben, auf die offensichtliche Leerstelle hinzuweisen: auf die fehlenden Erfolge, die wachsenden Kosten und die schwindende Unterstützung.

Dabei geht es längst nicht nur um Außenpolitik. Innenpolitisch droht der Konflikt die Ausgangslage der Republikaner zu verschlechtern – und zugleich die Chancen der Demokraten bei den kommenden Kongresswahlen zu verbessern. Doch statt eine ehrliche Bilanz zu ziehen, deutet vieles darauf hin, dass Trump den Konflikt bald politisch beenden wird: mit einer Siegerklärung, nicht mit einer Lösung.

Parteiübergreifende Skepsis setzt dem Präsidenten enge Grenzen

Die Umfragen liefern dafür den entscheidenden Anreiz. Laut Pew halten 59 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner den Krieg für eine „falsche Entscheidung“, bei Fox News lehnen 58 Prozent ihn ab. Andere Erhebungen – etwa von Ipsos oder AP‑NORC – zeichnen ein ähnlich klares Bild: Die Ablehnung übersteigt die Zustimmung um mehr als vier zu eins.

In einer Economist/YouGov‑Umfrage befürworten nur 14 Prozent der Amerikaner den Einsatz von US‑Bodentruppen im Iran, während 62 Prozent ihn ablehnen. Selbst unter Republikanern gibt es keine Mehrheit für eine Bodenintervention: 37 Prozent lehnen den Einsatz ab, nur 30 Prozent sprechen sich dafür aus.

Diese parteiübergreifende Skepsis setzt dem Präsidenten enge Grenzen. Mehrheitsfähig ist allenfalls ein stark begrenztes Szenario: In einer Reuters/Ipsos‑Umfrage unterstützen 34 Prozent kleine Einsätze von Spezialkräften, während 55 Prozent jegliche Bodentruppen ablehnen. Ein längerer, verlustreicher Konflikt findet keine Akzeptanz.

Hinzu kommt eine geringe Bereitschaft, Opfer zu akzeptieren. In einer Washington-Post‑Umfrage hielten 63 Prozent der Befragten die Zahl der sieben gefallenen und 140 verwundeten Amerikaner bereits Mitte März für „nicht akzeptabel“. Parallel steigen die politischen Risiken im Inland, etwa durch höhere Benzinpreise.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Trump die politische Flucht nach vorn antreten dürfte. Ein Sieg lässt sich verkünden, ohne dass die strukturellen Probleme gelöst sind. Entscheidend ist nicht der Zustand vor Ort, sondern die innenpolitische Erzählung. Und diese lautet: Amerika hat Stärke gezeigt – jetzt sind andere am Zug.

Trump belastet die NATO

Genau hier rückt die Straße von Hormus ins Zentrum. Statt selbst dauerhaft militärische Präsenz zu garantieren, könnte Washington versuchen, die Verantwortung für die Sicherung dieser strategisch wichtigen Seeroute auf andere abzuwälzen – insbesondere auf Verbündete, darunter NATO‑Partner. Die Botschaft wäre eindeutig: Die USA haben geliefert, nun sollen Europa und andere Akteure die Lasten tragen.

Das fügt sich in ein bekanntes Muster. Trump stellt nicht nur einzelne Einsätze, sondern das Bündnisdenken selbst infrage. Wenn Verbündete nicht bereit oder in der Lage sind, amerikanische Interessen mitzutragen, so die implizite Logik, dann verliert auch das Bündnis seine Legitimation. Sicherheit wird zur Transaktionsfrage.

Geopolitische Rivalen wie Russland und China profitieren von der Verunsicherung

Noch brisanter sind die außenpolitischen Nebenwirkungen in der Region. Das Vertrauen vieler arabischer Staaten in das amerikanische Schutzversprechen ist sichtbar erschüttert. Zugleich profitieren geopolitische Rivalen wie Russland und China von der Verunsicherung. Diese Verschiebungen schwächen die internationale Position der USA – bleiben im Weißen Haus jedoch weitgehend unerwähnt.

Die öffentliche Meinung gibt Trump dennoch Rückendeckung – zumindest indirekt. Unabhängig von der Zieldebatte ist der Wunsch nach einem schnellen Ende überwältigend: In einer CBS/YouGov‑Umfrage sagten 92 Prozent, es sei wichtig, den Konflikt so schnell wie möglich zu beenden. Ipsos fand 66 Prozent, die ein rasches Ende selbst dann befürworten, wenn nicht alle Ziele erreicht werden.

Die Bewertungen des bisherigen Verlaufs sind stark parteipolitisch geprägt. Republikaner sehen die Lage überwiegend positiv, Demokraten und viele Unabhängige hingegen negativ. Doch über Parteigrenzen hinweg eint die Mehrheit ein Punkt: Dieser Konflikt soll nicht eskalieren – und schon gar nicht zu einem offenen Bodenkrieg werden.

Trump wälzt die Verantwortung seines Krieges auf Verbündete ab

Für Trump bedeutet das: Der innenpolitische Nutzen eines erklärten Sieges überwiegt die Risiken einer Fortsetzung. Die Kosten werden externalisiert, die Verantwortung verschoben, das Bündnis unter Druck gesetzt. Ob das die Lage im Nahen Osten stabilisiert, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass der Präsident innenpolitisch handlungsfähig bleibt.

Wie im Märchen vom Kaiser bleibt am Ende die entscheidende Frage: Wer spricht aus, dass die Erfolge unsichtbar sind? Der wahre Konflikt verlagert sich damit von Teheran nach Brüssel – und auf die Frage, wie viel Verantwortung Europas Staaten bereit sind zu übernehmen, wenn Washington sich zurückzieht und zugleich die Grundlagen des Bündnisses infrage stellt.

Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.

Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.

In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.