Die Beziehungen zwischen den USA und Großbritannien kühlen deutlich ab. Der Streit wächst – und eröffnet Europa neue strategische Chancen. Großbritannien steht vor einer strategischen Neuorientierung – das „besondere Verhältnis“ zu den USA wird auf beiden Seiten infrage gestellt. Wenn Europa jetzt klug handelt, kann es geopolitisch viel gewinnen, analysiert Josef Braml für Focus Online.
Staatsbesuch kaschiert Krise mit Washington
Dass König Charles III. zu einem Staatsbesuch bei US-Präsident Donald Trump eintrifft, ist mehr als royales Ritual. Es soll die angespannte Stimmung glätten – eine Art diplomatische Charmeoffensive mit der Krone als Trumpf.
Tatsächlich befinden sich Washington und London in einer Phase spürbarer Verstimmungen. Beobachter ziehen gar Parallelen zu 1956, als amerikanischer Druck die Briten beim Suez-Abenteuer zum Rückzug zwang.
Streit um Iran verschärft die transatlantische Krise deutlich
Auch diesmal liegt der Konfliktherd im Nahen Osten: Trump wirft dem britischen Premierminister Sir Keir Starmer mangelnde Unterstützung im Krieg gegen Iran vor. „When we needed them, they weren’t there“ – bei Bedarf seien die Briten kein verlässlicher Partner gewesen, polterte Trump. Und Starmer kontert ungewohnt schroff: Man werde „nicht vor Washington kuschen“. Die gegenseitigen Ressentiments sitzen immer tiefer. Der Bruch zeigt sich dabei nicht nur in aktuellen Entwicklungen, sondern entspringt tieferliegenden strukturellen Veränderungen – und prägt das Verhältnis nachhaltig.
Brexit: Die Brücke ist weg – und Amerika wendet sich ab
Großbritanniens Austritt aus der EU hat seine alte Rolle als transatlantische Brückenmacht entwertet. Früher vermittelte London oft zwischen Washington und Europa; nun fehlt dieser Kanal.
Zugleich verschiebt sich der strategische Fokus der USA – weg von Europa, hin zum indo-pazifischen Raum, wo Herausforderer China die Vormachtstellung der Amerikaner testet. Für Großbritannien bedeutet das, dass sein Stellenwert in den Augen Washingtons sinkt.
Trump – ohnehin ein Präsident mit wenig Sinn für Diplomatie und Bündnistreue – hat mehrfach erkennen lassen, dass seine Regierung primär nach Partnerschaftspragmatismus bewertet: Wer sofort nützt, zählt. Das „besondere“ Verhältnis ist längst nicht mehr so besonders.
Umfragen zeigen großen Vertrauensverlust
Zusätzlich verstärkt ein Kultur- und Wertewandel die Entfremdung. Großbritannien hält (wie die meisten EU-Länder) an Regeln, Bündnissen und einem gewissen Anstandsrahmen in der Außenpolitik fest – Trump aber schert sich kaum um Konventionen oder Allianzen. Seine „America First“-Maxime, sei es in Handelsfragen oder beim Klimaschutz, kollidiert mit britischen Positionen.
Meinungsumfragen machen deutlich, wie weit die Entfremdung zwischen Großbritannien und den USA inzwischen fortgeschritten ist: Laut einer YouGov-Umfrage halten nur noch rund ein Drittel der Briten die USA für einen echten Freund und Verbündeten – ein historischer Tiefstand, der das abgekühlte Vertrauen der britischen Öffentlichkeit in die USA verdeutlicht.
Auch auf amerikanischer Seite hat laut einer repräsentativen Gallup-Umfrage der Respekt gegenüber Großbritannien nachgelassen, wenn auch auf höherem Niveau. Beide Gesellschaften entfremden sich – ein Gift für die „special relationship“, die ja lange vom gegenseitigen Grundvertrauen lebte.
Sicherheitskooperation funktioniert noch, doch Risse werden sichtbar
Trotz aller politischen Spannungen: Militärs und Geheimdienste in Washington und London arbeiten noch eng zusammen. Britische Offiziere tauschen sich etwa im Ukraine-Krieg intensiv mit amerikanischen Kollegen aus; die legendäre „Five Eyes“-Allianz teilt weiterhin Informationen zwischen USA, Großbritannien und drei weiteren anglophonen Partnern.
Doch auch hier gibt es Risse: Kritische Stimmen in den USA fordern provokativ, den traditionellen Geheimdienstverbund mit den Briten zugunsten neuer Partner (wie Israel oder Japan) infrage zu stellen – ein Tabubruch, der vor wenigen Jahren undenkbar war. Gleichzeitig mehren sich skeptische Untertöne im US-Verteidigungsestablishment, ob das einstige Musterland Großbritannien militärisch noch viel zu bieten hat.
Militärische Schwächen untergraben globalen Anspruch
London schmückt sich weiterhin mit globalen Insignien – von ständigen UNO-Sicherheitsratssitz über Nuklearstreitmacht bis zu zwei neuen Flugzeugträgern. Doch die Realität ist ernüchternd: Großbritanniens Armee ist ausgedünnt. Experten bescheinigen ihr, sie würde heute Schwierigkeiten haben, auch nur eine einzige kampfstarke Brigade aufzubieten, von einer Division wie noch im Irakkrieg ganz zu schweigen.
Luftverteidigung und Artillerie sind lückenhaft, viele Waffensysteme veraltet oder in Wartung. Selbst die Vorzeigeflotte hat Schlagseite: Beide modernen Flugzeugträger lagen zuletzt wegen technischer Probleme im Hafen, und Personalmangel erschwert den Betrieb. Großbritannien kann militärisch ohne die USA kaum ernsthaft agieren – seine strategische Verteidigungsfähigkeit hängt zu einem guten Teil vom großen Bruder ab.
Warum Europa Großbritannien braucht – und umgekehrt
Hier liegt Europas große Chance. In einer Welt, in der auf den Schutz der USA kein Verlass mehr ist und große Mächte wie China an Einfluss gewinnen, würde es beide Seiten schwächen, isolierte Wege zu gehen. Gemeinsam können EU und Großbritannien ein deutlich größeres geopolitisches Gewicht entfalten als getrennt.
Europa bekäme hochwertige sicherheitspolitische Ressourcen an Bord: Großbritannien verfügt über jahrzehntelange globale Diplomatie-Erfahrung, einen Sitz im UNO-Sicherheitsrat, erstklassige Nachrichtendienste sowie eine ausbaufähige Armee und nukleare Fähigkeiten.
Umgekehrt bietet die EU dem Vereinigten Königreich die Einbettung in eine starke Wertegemeinschaft, ein riesiges Wirtschafts- und Technologiebündnis und strategische Mitgestaltungsmöglichkeiten – statt der zunehmend undankbaren Rolle eines Juniorpartners in der transatlantischen Achse. Zusammen könnten London und Brüssel wieder eher auf Augenhöhe mit Mächten wie den USA oder China agieren.
Konkrete Angebot könnten London zurück an Europa binden
Damit diese Win-Win-Strategie Realität werden kann, muss Europa aktiv auf Großbritannien zugehen. Konkrete Anreize liegen auf der Hand: So könnte die EU London in gemeinsame Verteidigungs- und Rüstungsprojekte einbinden – vom Kampfjet-Programm bis zur Raketentechnologie. EU und UK könnten industrielle und technologische Initiativen eng verzahnen, etwa bei Künstlicher Intelligenz, Cybersicherheit oder Energieprojekten.
Außenpolitisch ließe sich die Koordination institutionalisieren, zum Beispiel durch neue Konsultationsformate, in denen London wieder eine Stimme neben Paris und Berlin erhält. Großbritannien könnte angedockt werden an Elemente der EU-Sicherheits- und Verteidigungspolitik – etwa als ständiger Partner in einer europäischen Sicherheitskooperation oder sogar mit einem Sitz in einem neu zu schaffenden „Europäischen Sicherheitsrat“.
Finanzplatz London bleibt Schlüssel für Europas Autonomie
Und auf dem Gebiet der Wirtschaft ließe sich privilegierter Marktzugang in bestimmten Zukunftsbranchen in Aussicht stellen, wenn die Briten dafür liefern, zum Beispiel mit gemeinsamen Investitionsprogrammen.
Bislang fehlt es Europa an ausreichend Finanzmarkt-Kompetenz, um Europa im Bereich der Kapitalmärkte eigenständiger und weniger abhängig von der Vorherrschaft New Yorks zu machen. Gerade im Zusammenspiel mit den europäischen Partnern könnte Großbritanniens Expertise dabei helfen, die Finanzlandschaft auf dem Kontinent zu stärken und strategisch weiterzuentwickeln.
Kurzum: Europa sollte die Hand ausstrecken – etwa durch exklusive Partnerschaftsangebote jenseits klassischer EU-Mitgliedschaft. Londons künftige Regierungen – sei es die heutige Labour unter Starmer oder irgendwann wieder die Tories – dürften empfänglich sein, solange man ihnen Respekt und Teilhabe auf Augenhöhe zusichert.
Ohne Annäherung droht Großbritannien abzurutschen
Erodiert die „special relationship“, entsteht ein Vakuum, das Europa füllen kann – oder eben jemand anderes. Heute droht Großbritannien ohne starken Partner in der globalen Machtverschiebung zu verzwergen. Für Europa wäre das eine vergeudete Chance.
Jetzt, zehn Jahre nach dem Brexit, ist der richtige Moment, alte Gräben zuzuschütten. Beide Seiten sollten verstehen, dass sie vereint wesentlich mehr bewirken können. Denn ein integriertes Europa mit Großbritannien ist eine Voraussetzung dafür, dass der „alte Westen“ auch im 21. Jahrhundert eine entscheidende Stimme behält und in turbulenten Zeiten ein Stück globale Gestaltungsmacht rettet.
Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen. In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.