Warum Europas Anpassung an Trump problematisch ist und weshalb Newsom zurecht mehr Rückgrat fordert, erläutert der USA-Experte Josef Braml für Focus Online.
Beim Weltwirtschaftsforum in Davos schlug der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom ungewöhnlich deutliche Töne an. In einer pointierten Rede kritisierte er nicht nur US Präsident Donald Trumps Auftreten und politischen Stil, sondern wandte sich explizit an die europäischen Staaten. Sein Vorwurf: Europa habe sich in den letzten Jahren zu sehr an Trump angepasst, sich ihm untergeordnet und damit eigene Werte und Prinzipien hintangestellt.
Newsom wählte starke Bilder, sprach von „Kniepolstern“ für Staats- und Regierungschefs und forderte unmissverständlich: „Es ist an der Zeit, Haltung zu zeigen.“
Seine Diagnose: Trump handle narzisstisch, Europa verhalte sich unterwürfig – man könnte es auch ko-narzisstisch bezeichnen.
Psychologischer Hintergrund: Narzissmus und Ko-Narzissmus
Um Newsoms Argumentation nachvollziehen zu können, sind psychologische Konzepte hilfreich. Narzissmus beschreibt eine Persönlichkeitsstruktur, die durch ein übersteigertes Bedürfnis nach Bewunderung, mangelnde Empathie und ein grandioses Selbstbild geprägt ist. Narzisstische Personen erwarten Bestätigung und ordnen ihre Umgebung diesem Ziel unter. Sie reagieren auf Kritik oft mit Abwertung oder Aggression und wollen stets als Sieger dastehen.
Der Begriff des Ko-Narzissmus stammt ebenso aus der Psychologie und beschreibt ein Beziehungsmuster, in dem sich Menschen übermäßig an die Bedürfnisse eines narzisstischen Gegenübers anpassen. Sie vermeiden Konfrontationen, bestätigen und belohnen narzisstisches Verhalten und fürchten, durch Widerspruch den Kontakt oder die Beziehung zu verlieren. Ko-narzisstische Muster entstehen oft aus dem Wunsch nach Harmonie, Stabilität oder aus Angst vor Eskalation.
Trumps Auftreten als Narzisst
Newsoms Einschätzung, dass Donald Trump narzisstische Züge aufweist, ist nicht neu. Zahlreiche Beobachter, Psychologen und Kommentatoren haben Trumps Verhalten in diese Richtung beschrieben. Sein Kommunikationsstil ist geprägt von Selbstlob, dem ständigen Bedürfnis nach öffentlicher Aufmerksamkeit und dem Insistieren auf Loyalität. Trump stellt sich immer wieder als Opfer von Intrigen dar, wertet Kritik als „Fake News“ ab und nutzt jede Bühne, um sich selbst zu inszenieren. Typisch narzisstisch ist dabei auch, dass er wenig Empathie für andere zeigt und politische Gegner nicht nur inhaltlich, sondern persönlich attackiert.
Gerade auf internationaler Bühne wurde dieses Verhalten sichtbar: Trumps dominante Forderungen an die NATO-Partner, seine Drohungen mit Strafzöllen, u.a. auch, um Grönland zu annektieren, illustrieren, wie er andere Akteure in eine defensive, reaktive Position drängt. Trump agiert nach dem Prinzip „Recht des Stärkeren“ und erwartet, dass sich andere diesem Führungsstil unterordnen.
Selbst der Nato-Chef erniedrigt sich vor Trump
Gegenüber Trump verhalten sich europäische Verantwortliche oft überangepasst: Sie vermieden offene Konflikte, beschwichtigten nach außen und übten Kritik meist nur hinter verschlossenen Türen.
Beispiele dafür sind zahlreich. In der NATO-Frage haben mehrere EU-Staaten versucht, Trumps Forderungen nach höheren Verteidigungsausgaben nachzukommen, oft ohne die dahinterliegenden politischen Ziele offen zu diskutieren.
Angesichts des dominanten Verhaltens des US-Präsidenten vergisst Mark Rutte hin und wieder seine aktuelle Rolle als NATO-Generalsekretär wenn er sich selbst und damit Europa erniedrigt und Trump in die „Vater“-Rolle erhebt, der hoffentlich seine „Kinder“ nicht verlässt.
Das Treffen zwischen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Donald Trump auf dessen Golfplatz in Schottland am 27. Juli 2025 ist besonders aufschlussreich.
„Warum tun die Menschen öffentlich nicht das, was sie privat sagen?”
Statt eines Dialogs auf Augenhöhe wirkte die Begegnung wie eine Machtdemonstration: Der US-Präsident diktierte Bedingungen, die von den Europäern willfährig akzeptiert wurden. Beim Thema Handelszölle suchte die EU nach Kompromissen, um einen offenen Handelskrieg zu vermeiden, während sie sich öffentlich zurückhaltend, intern aber sehr kritisch äußerten.
Diese doppelte Kommunikation – öffentliches Beschwichtigen, private Kritik – ist typisch für ko-narzisstische Dynamiken. Newsom beschreibt es treffend: „Warum tun die Menschen öffentlich nicht das, was sie privat sagen? Warum handeln sie nicht nach dem, von dem sie wissen, dass es richtig ist?“
Die Angst vor Eskalation, vor dem Verlust der transatlantischen Beziehungen oder wirtschaftlichen Nachteilen führte dazu, dass Europa lieber nachgab, anstatt offen zu widersprechen.
Verlust an moralischer Autorität und politischem Gewicht
Die Folgen eines solchen ko-narzisstischen Verhaltens sind gravierend. Zum einen signalisiert es dem narzisstischen Akteur – in diesem Fall Trump –, dass sein Verhalten nicht nur toleriert, sondern indirekt belohnt wird. Dadurch werden Grenzüberschreitungen und Regelverstöße wahrscheinlicher, weil sie keine Konsequenzen nach sich ziehen.
Zum anderen untergräbt es die eigene Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit: Wer nach außen Prinzipien und Werte verteidigt, diese aber im entscheidenden Moment nicht vertritt, verliert an moralischer Autorität und politischem Gewicht.
Für Europa bedeutet das: Die Rolle als Verteidigerin multilateraler Ordnung, als Vorreiterin in Klimafragen oder als Stimme für Menschenrechte wird geschwächt, wenn man sich aus Rücksicht auf einen unberechenbaren Partner selbst beschränkt.
Newsom benennt dies als „Komplizenschaft“ und mahnt, dass diese Art von Diplomatie letztlich zur Unterwerfung führt – und nicht zum Ausgleich oder gegenseitigen Respekt.
Newsoms Forderung nach Haltung und Konsequenz
Im Zentrum von Newsoms Rede steht die Forderung nach Haltung. Für ihn ist klar: Es reicht nicht, Trumps Verhalten zu kritisieren oder sich hinter verschlossenen Türen zu empören. Europa müsse nun offen und entschlossen für seine Werte einstehen und sich nicht länger von Angst oder Opportunismus leiten lassen.
„Es ist an der Zeit, Prinzipien zu haben. Es ist an der Zeit, Stärke zu zeigen“, fordert Newsom. Er sieht die Gefahr, dass die Weltbühne von Machtpolitik und dem „Gesetz des Dschungels“ beherrscht wird, wenn demokratische Staaten nicht gemeinsam und geschlossen auftreten.
Dabei geht es nicht um Konfrontation um jeden Preis, sondern um Selbstachtung und Konsequenz. Wer sich dauerhaft anpasst, läuft Gefahr, die eigenen Maßstäbe zu verlieren und zum Spielball fremder Interessen zu werden.
Newsom fordert Europa auf, nicht weiter „Kronen zu verteilen“ oder „Nobelpreise zu verschenken“, sondern sich der eigenen Verantwortung bewusst zu werden. Die Zeit des Zauderns sei vorbei: „Alarmstufe Rot“ – jetzt müsse gehandelt werden.
Adressaten des Appells: Wer kann wirklich etwas bewirken?
Newson hätte noch entschlossener gewirkt, wenn er seinen Appell nicht nur an die europäischen Staatschefs, sondern an die in Davos ebenso anwesenden amerikanischen Wirtschaftseliten gerichtet hätte – also an jene Wirtschaftsführer, Meinungsbildner und andere opportunistische Akteure in den USA.
Denn sie verfügen über potenziell größeren Einfluss und machtvollere Ressourcen, um destruktive Entwicklungen in den USA sowie die daraus entstehenden Folgen für die Welt zu bremsen und den Kurs zu korrigieren.
Gerade die Führungskräfte der amerikanischen Wirtschaft, die im globalen Kontext agieren, sind in der Lage, Trump und ähnliche Akteure in ihre Schranken zu weisen und damit Schlimmeres zu verhindern. Ihre Haltung und ihr Engagement sind von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, demokratische Werte und internationale Ordnung zu verteidigen.
Warum Europa jetzt Stärke zeigen muss – und wer noch gefordert ist
Letztlich liegt es in der Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten, ihre Demokratie zu bewahren. Es erscheint unangemessen, wenn europäische Akteure sich dazu berufen fühlen würden, in diesem inner-amerikanischen politischen Prozess eine Rolle einzunehmen.
Die europäischen Entscheidungsträger müssen indes auch die Folgen ihrer bisher zurückhaltenden und wenig prinzipientreuen Haltung erkennen: Das Verhalten von Präsident Trump ist bislang durch Anpassungsreaktionen der europäischen Verantwortlichen unterstützt worden. Diese Dynamik ist gefährlich, weil sie langfristig die Grundlagen für eine selbstbewusste, wertegeleitete Außenpolitik untergräbt und autoritären Tendenzen Vorschub leistet.
Europas Stärke liegt in der Vielfalt, der Verteidigung demokratischer Prinzipien und dem Eintreten für internationale Ordnung. Es ist Zeit, Haltung zu zeigen – im Sinne politischer Reife und Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.
Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.
In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.