Trumps autoritäre Tendenzen und globale Spannungen: Was für Europa auf dem Spiel steht

Inwiefern sich die radikalen Veränderungen der US-Politik unter Donald Trump auf die globale Ordnung auswirken, analysiert der USA-Experte Josef Braml im Interview-Gespräch mit Petra Joos von der Pforzheimer Zeitung. Er erklärt, warum autoritäre Tendenzen, Machtpolitik und geopolitische Spannungen zwischen den Großmächten die Welt an einen Wendepunkt führen – und was das für Europa und die Demokratie bedeutet.

In Russland und China herrschen schon lange Diktatoren, in den USA mit Donald Trump mittlerweile auch?

Donald Trump strebt eine starke, nahezu unkontrollierte Führungsposition an. Dennoch besteht Hoffnung, dass die Republikaner bei den Kongresswahlen im November eine Kammer verlieren und die Demokraten Trumps Macht einschränken könnten. Auch das Oberste Gericht könnte Trumps Handlungsspielraum begrenzen, etwa bei seinen Zoll-Maßnahmen unter Berufung auf nationale Sicherheit.

Laut einer YouGov-Umfrage glauben 40 Prozent der Amerikaner, dass aufgrund des Politikwechsels in den USA ein Bürgerkrieg wahrscheinlich ist. Sie auch?

Trumps Anhänger sehen in ihm den Retter aus einer existenziellen Krise. Selbst Gegner sind von seiner Entschlossenheit beeindruckt. Diese Dynamik ist typisch für revolutionäre Bewegungen: Wenn die bestehende Ordnung als Problem gilt, entstehen Umbrüche. Trump instrumentalisiert staatliche Machtmittel, unter anderem auch die Justiz, um seine Gegner zu verfolgen. Er setzt auch das Militär im eigenen Land ein. Seine Rhetorik und die seines Beraters Stephen Miller deuten auf autoritäre Tendenzen hin. Besonders bedenklich ist Trumps Aufforderung an das Militär, sich auf den „Feind im Inneren“ vorzubereiten – ein historisch belasteter Begriff. Die Ignoranz gegenüber solchen Warnsignalen gefährdet die Demokratie.

Wie in George Orwells Science-Fiction-Roman „1984“ scheint sich die Weltordnung auf drei Großmächte konzentriert zu haben: Bei Orwell heißen sie Ozeanien, Eurasien und Ostasien, im Jahr 2026 USA, Russland und China. Wird die Realität diesbezüglich auch so enden wie der Roman: Der permanente Krieg zwischen den drei Großmächten geht ewig weiter, weil Wahrheit vollständig der Macht untergeordnet ist?

Die Weltordnung ähnelt tatsächlich zunehmend Orwells „1984“: Drei Großmächte – USA, Russland, China – dominieren. Die US-Sicherheitsstrategie akzeptiert faktisch Einflusssphären: Die USA beanspruchen Führung in Amerika, Russland und die EU in Europa, China in Asien – solange das Gleichgewicht gewahrt bleibt. Diese Logik regionaler Vormachtstellung wird offiziell selten benannt, prägt aber das Handeln der Großmächte.

Nach dem Beschuss im Iran und in Venezuela sowie den Drohungen gegenüber weiteren Ländern: Wird das die künftige Außenpolitik der USA unter Trump sein – auch mit Blick auf Russland und China sowie deren imperialistischem Vorgehen?

Russland und China verfolgen aktiv Expansionspläne. Die USA unter Trump setzen auf eine entschlossene Zurückdrängung dieser Mächte aus der sogenannten „Westlichen Hemisphäre“. Das „Trump-Korollar“ zur Monroe-Doktrin untersagt nicht-hemisphärischen Konkurrenten wie China und Russland, strategische Vermögenswerte in Amerika zu kontrollieren. Angriffe auf das Maduro-Regime in Venezuela und das verstärkte Interesse an Grönland sind Teil dieser Strategie. Grönlands Rohstoffe und seine Lage in der Arktis sind geopolitisch zentral.

Hat die knallharte Machtpolitik die bisher geltende Weltordnung – die Rechtstaatlichkeit – bereits abgelöst?

Das Recht des Stärkeren verdrängt zunehmend die internationale Rechtsordnung. Großmächte setzen ihre Interessen durch, völkerrechtliche Normen werden zweitrangig. Die USA beschränken gezielt den Einfluss Russlands und Chinas und stärken ihre eigenen Interessen. Universelle Rechtsgrundsätze verlieren an Bedeutung, Machtpolitik prägt das internationale Geschehen.

Was kann der Rest der Welt dagegen tun?

Um dem entgegenzuwirken, müssen Organisationen wie die Vereinten Nationen und die Welthandelsorganisation WTO reformiert und gestärkt werden. Kleinere Staaten sollten durch Koalitionen mehr Gewicht gewinnen. Regionale Bündnisse wie die EU oder ASEAN können als Gegengewicht zu globaler Machtpolitik wirken. Eine stärkere wirtschaftliche und sicherheitspolitische Vernetzung reduziert Abhängigkeiten.

Wie sollte sich Europa positionieren?

Europa muss sich vom „Juniorpartner“ der USA zu einem eigenständigen Akteur entwickeln. Das erfordert Investitionen in Sicherheit, Technologie und Diplomatie sowie Reformen der Entscheidungsmechanismen. Eigene militärische Abschreckungskapazitäten und technologische Unabhängigkeit sind entscheidend. Die EU sollte das Einstimmigkeitsprinzip in der Außen- und Sicherheitspolitik aufgeben und eine Führungsachse etablieren: Deutschland, Frankreich, Italien und Polen. Neue Allianzen und eine Diversifizierung der Märkte können Europas Position stärken.

Wenn sich Trump Grönland „einverleiben“ sollte, bedeutet das tatsächlich das Ende Nato, so, wie Dänemarks Ministerpräsidentin das formuliert hat?

Ein militärischer Zugriff der USA auf Grönland würde die NATO und das Vertrauen im Bündnis erschüttern. Artikel 5 gilt zwar auch für Grönland, aber ein Bündnisfall gegen die USA ist praktisch ausgeschlossen. Bislang prüft Trump noch verschiedene Wege, den US-Einfluss in Grönland zu stärken – von politischer Einflussnahme bis zu wirtschaftlichen Anreizen. Europa muss geschlossen und strategisch reagieren, um die Souveränität Grönlands und Dänemarks zu sichern.

Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.

Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.

In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.