Amerikas Iran-Krieg im Namen Jesu Christi?

Wie Trumps Kriegsminister Hegseth den Iran‑Konflikt religiös auflädt – und warum das brandgefährlich ist, erläutert der USA-Experte Josef Braml für Focus Online.

Ein moralisch‑religiöses Framing erzeugt innenpolitisch Mobilisierung, verengt aber außenpolitisch die Handlungsspielräume. Es erschwert Deeskalation, delegitimiert Diplomatie und stärkt auf Gegenseite jene Hardliner, die den Konflikt ebenfalls als Glaubenskrieg interpretieren.

Gefährlicher Rückfall amerikanischer Sicherheitspolitik

Insofern ist die Rhetorik von Pete Hegseth, der sich gerne „Kriegsminister“ nennt, weniger Ausdruck strategischer Stärke als ein Rückfall in jene moralische Überdehnung amerikanischer Macht nach „9/11“ und dem Irak-Krieg, deren Folgen die USA – und ihre Verbündeten – seit zwei Jahrzehnten tragen.

Was derzeit aus dem Pentagon zu hören ist, markiert einen gefährlichen Rückfall amerikanischer Sicherheitspolitik. Trumps Minister und Ministrant Pete Hegseth deutet den Krieg gegen den Iran nicht mehr nur strategisch oder militärisch – sondern zunehmend religiös‑moralisch.

Bibelzitate und Gebete als fester Bestandteil der Kriegsrhetorik

In öffentlichen Auftritten, Interviews und sogar bei offiziellen Gebetsveranstaltungen legitimiert er militärische Gewalt explizit im Namen Jesu Christi.

Im Pentagon sprach Hegseth ein Gebet, in dem er dafür bat, dass die US-Truppen „überwältigende Gewalt gegen jene anwenden, die keine Gnade verdienen“. Er schloss mit den Worten: „Wir bitten dies mit fester Zuversicht im allmächtigen Namen Jesu Christi“, den er als „König über alle Könige“ bezeichnete.

Bibelzitate, Gebete um militärischen Erfolg und die Darstellung des Krieges als Kampf gegen das „Böse“ sind mittlerweile fester Bestandteil der offiziellen Kriegsrhetorik.

Damit wird eine Grenze überschritten, die in der amerikanischen Geschichte zwar immer wieder tangiert, bislang aber selten so offen verwischt wurde: die Trennlinie zwischen staatlicher Gewalt und religiöser Mission.

Religiöses Framing: Hegseth zitiert aus Psalmen

Hegseth spricht vom Iran als Reich religiöser Fanatiker, gegen die man nicht nur aus Sicherheitsinteressen, sondern aus moralischer Pflicht vorgehen müsse.

Er zitiert Psalmen, in denen Gott „die Hände für den Kampf“ schult, ruft zum Gebet „im Namen Jesu“ auf und deutet militärischen Erfolg als Ausdruck göttlichen Willens. Der Krieg erscheint so nicht mehr als politisches Mittel unter vielen, sondern als moralisch gebotene Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse.

Das ist mehr als persönliche Frömmigkeit. Es ist ein bewusstes Framing – mit innen‑ wie außenpolitischen Folgen. Denn wer den Gegner religiös dämonisiert, entzieht ihm die politische Rationalität. Verhandlungen wirken dann wie Schwäche, Kompromisse wie Verrat.

Erinnerungen an George W. Bush – aber radikaler

Historisch weckt diese Rhetorik Erinnerungen an die frühen 2000er‑Jahre. Auch George W. Bush sprach nach „9/11“ von einem „Kampf des Guten gegen das Böse“. Die berühmte „Axis of Evil“-Rede erklärte Iran, Irak und Nordkorea zu moralischen Gegnern jenseits normaler Interessenpolitik.

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Bushs Sprache war religiös grundiert, blieb aber institutionell eingebettet. Er vermied es, militärische Gewalt explizit im Namen Christi zu rechtfertigen. Hegseth geht weiter. Er sakralisiert den Krieg selbst.

Damit wird aus geopolitischer Rivalität ein Glaubenskonflikt – mit allen bekannten Risiken religiöser Eskalation.

Ein Geschenk für Teherans Hardliner

Ironischerweise stärkt diese Rhetorik ausgerechnet jene Kräfte im Iran, die Washington eigentlich schwächen will. Das Regime in Teheran inszeniert den Konflikt seit Jahren als Abwehrkampf gegen einen westlichen, christlich geprägten Imperialismus. Wenn nun der US‑Verteidigungsminister selbst religiöse Kriegsbilder bemüht, bestätigt er genau dieses Narrativ.

Für iranische Hardliner ist Hegseths Sprache ein Propagandageschenk: Sie können den eigenen Machtanspruch mit dem Verweis auf einen drohenden „Kreuzzug“ legitimieren und innenpolitische Opposition diskreditieren. Der Konflikt wird dadurch nicht entschärft, sondern verhärtet.

Gefahr für die US‑Armee – und für Europa

Auch innenpolitisch ist diese Entwicklung brisant. Die US‑Streitkräfte sind religiös pluralistisch. Christen dienen dort ebenso wie Juden, Muslime oder Konfessionslose. Wenn der Verteidigungsminister militärisches Handeln mit einer spezifisch christlichen Heilsvorstellung verbindet, droht eine ideologische Spaltung der Truppe – und eine Politisierung des Militärs, die demokratischen Prinzipien widerspricht.

Für Europa kommt ein weiteres Problem hinzu. Verbündete Staaten geraten unter Druck, sich an einer militärischen Eskalation zu beteiligen, die nicht mehr allein sicherheitspolitisch, sondern moralisch‑religiös aufgeladen ist. Wer zögert, riskiert, als unmoralisch oder feige gebrandmarkt zu werden. Das erinnert an den moralischen Konformitätsdruck vor dem Irakkrieg 2003 – mit bekanntem Ausgang.

Lehren aus der Vergangenheit ignoriert

Die USA sollten diese Lektion eigentlich gelernt haben: Moralisch überhöhter Interventionismus führt selten zu Stabilität. Afghanistan, Irak, Libyen – überall dort, wo politische Komplexität durch Heilsversprechen ersetzt wurde, folgten Chaos, Gewalt und Vertrauensverlust.

Gerade deshalb wirkt Hegseths Rhetorik wie ein Rückfall in eine überwunden geglaubte Phase amerikanischer Außenpolitik. Sie mobilisiert kurzfristig Zustimmung, verengt aber langfristig die Handlungsspielräume. Diplomatie wird delegitimiert, Deeskalation unmöglich.

Krieg braucht Strategie – keinen Messianismus

Militärische Gewalt mag in bestimmten Situationen unvermeidlich sein. Doch sie braucht nüchterne Ziele, klare Begrenzungen und politische Kontrolle. Wird sie religiös aufgeladen, entzieht sie sich genau diesen Korrektiven.

Indem US-Kriegsminister Hegseth militärische Gewalt explizit „im Namen Jesu“ rahmt und christliche Symbolik systematisch in die militärische Kommunikation integriert, verschiebt er den Konflikt von einer politisch begrenzbaren Auseinandersetzung hin zu einem sakralisierten Endkampf‑Narrativ. Genau darin liegt die strategische Gefahr: Religiös aufgeladene Kriege kennen keinen klaren Verhandlungsausgang, sondern tendieren zur Eskalation und Totalisierung.

Ein Krieg im Namen Gottes kennt keinen klaren Endpunkt – nur Siege oder Niederlagen im absoluten Sinn. Für eine Welt voller Atomwaffen und regionaler Pulverfässer ist das eine brandgefährliche Logik.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie gläubig Amerikas Verteidigungsminister ist. Sondern ob die mächtigste Militärmacht der Welt bereit ist, ihre Kriege wieder als das zu führen, was sie sein sollten: tragische politische Mittel – nicht moralische Erlösungsakte.

Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission– einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.

Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.

In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.