Londons Entrückung von Washington

Three professionals discussing geopolitical strategy with a digital map and data charts showing connections between USA, UK, and Europe

Großbritannien steht vor einer strategischen Neuorientierung: Die Beziehung zu den USA ist angespannt – für Europa könnten daraus neue Chancen entstehen, analysiert der USA-Experte Josef Braml in einem Beitrag für The Pioneer.

Der USA‑Besuch von König Charles III. wirkt auf den ersten Blick wie ein routinemäßiger Akt diplomatischer Symbolik. Tatsächlich aber ist er Ausdruck einer strategischen Verunsicherung: Großbritannien ringt um seinen Platz in einer Weltordnung, in der die vertraute Gewissheit der britisch‑amerikanischen „special relationship“ bröckelt. Für Europa ist das keine Randnotiz – sondern eine Gelegenheit.

Denn seit der Suez‑Krise 1956 war das Verhältnis zwischen London und Washington selten so belastet wie heute. Der Krieg gegen Iran, unterschiedliche Erwartungen an Europas Rolle, der zunehmend transaktionsgetriebene Politikstil der USA und die strategische Fixierung auf China verschärfen die Entfremdung. Öffentliche Meinungsumfragen zeigen, wie tief sie reicht: Während die Zustimmung der Amerikaner zu Großbritannien sinkt, ist das Ansehen der USA in Großbritannien dramatisch eingebrochen.

Ein Brückenpfeiler ist weggebrochen

Lange war Großbritannien die politische, sicherheitspolitische und kulturelle Brücke zwischen den USA und Europa. Mit dem Brexit ist diese Rolle weitgehend erodiert. Gleichzeitig verlangen die USA – unabhängig davon, wer im Weißen Haus regiert – von Europa mehr Eigenverantwortung. Die strategische Hauptachse Washingtons verläuft längst nicht mehr über den Atlantik, sondern in den indo‑pazifischen Raum.

Für Großbritannien ist das auf doppelte Weise problematisch. Einerseits hält London traditionell an einer regel‑ und bündnisorientierten Ordnung fest, während die amerikanische Politik zunehmend skeptisch gegenüber Institutionen und Allianzen auftritt. Andererseits wird immer deutlicher, dass Großbritanniens reale militärische Fähigkeiten nicht mehr mit seinem sicherheitspolitischen Anspruch Schritt halten.

Eingeschränkte Verlegefähigkeit, Lücken in Luftverteidigung und Artillerie, Wartungsprobleme bei Flugzeugträgern, Abhängigkeiten bei der nuklearen Abschreckung – vieles funktionierte bislang nur, weil die USA diese Schwächen kompensierten.

Doch genau diese Verlässlichkeit wird fragiler. Selbst lange als sakrosankt geltende Formate wie die „Five Eyes“-Geheimdienstkooperation (bestehend aus den USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland) werden in Washington nicht mehr unhinterfragt akzeptiert. Die Annahme, man könne sich im Zweifel immer auf Amerika stützen, trägt nicht mehr.

Die operative Zusammenarbeit trifft auf strategische Leere

Unterhalb der politischen Oberfläche funktioniert die militärische und nachrichtendienstliche Kooperation zwischen London und Washington zwar erstaunlich gut. Doch strategisch fehlt Großbritannien immer stärker der Halt. Es steht vor einer Wahl, die es lange vermeiden konnte: Weiter auf eine exklusiv gedachte Nähe zu den USA setzen – trotz zunehmender Unwägbarkeiten. Oder das Verhältnis zu Europa neu definieren.

Für Europa wiederum stellt sich die strategische Gegenfrage: Will man Großbritannien als exzentrischen Nachbarn behandeln – oder als sicherheits‑ und außenpolitischen Multiplikator?

Gerade in einer fragmentierten Weltordnung wäre Europa gut beraten, Großbritannien enger an sich zu binden. Nicht aus nostalgischen Gründen, sondern aus nüchternem Eigeninteresse. Gemeinsam verfügen EU und Großbritannien über wirtschaftliche, militärische und diplomatische Hebel, die einzeln an Gewicht verlieren, zusammen aber strategische Relevanz entfalten können.

Großbritannien bringt Fähigkeiten und Erfahrungen ein, die Europas strategische Defizite mildern können: globale diplomatische Reichweite, erstklassige Geheimdienste, nukleare Abschreckung, militärische Interventionsfähigkeit, starke Verbindungen zum indopazifischen Raum. Europa wiederum bietet dem Vereinigten Königreich, was die USA zunehmend nicht mehr garantieren: langfristige Einbettung, institutionelle Verlässlichkeit und strategische Mitgestaltung statt bloßer Gefolgschaft.

Was Europa konkret anbieten sollte

Damit aus diesem Interesse reale Politik wird, braucht es Anreize statt Appelle:

Erstens: eine institutionalisierte sicherheitspolitische Einbindung Großbritanniens, etwa durch regelmäßige EU‑UK‑Formate auf Minister‑ und Arbeitsebene, die über ad‑hoc‑Kooperation hinausgehen – inklusive gemeinsamer Lagebilder, Rüstungsplanung und Einsatzlogik.

Zweitens: gezielte Integration in europäische Verteidigungsprojekte. London sollte systematisch in ausgewählte EU‑Rüstungs‑ und Infrastrukturprogramme eingebunden werden – nicht als Bittsteller, sondern als Mitgestalter.

Drittens: privilegierter Zugang zu industrie‑ und technologiepolitischen Initiativen. Gerade bei Zukunftsthemen wie KI, Cyber‑Sicherheit oder Dual‑Use‑Technologien (also für zivile als auch für militärische Zwecke) könnte Europa Großbritannien bewusst als strategischen Partner behandeln.

Viertens: außenpolitische Koordinierung auf Augenhöhe. Europa sollte Signale setzen, dass London bei China‑, Nahost‑ oder Indien‑Politik nicht nur angehört, sondern gebraucht wird.

Ein Moment strategischer Klarheit

Großbritannien ist heute weder das imperiale Kraftzentrum vergangener Zeiten noch der unangefochtene Juniorpartner der USA. Europa wiederum ist sicherheitspolitisch stärker, als es oft glaubt – aber schwächer, als es in seiner Rhetorik häufig vorgibt. In dieser neuen Weltordnung gilt: Gemeinsam wären beide deutlich durchsetzungsfähiger.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Großbritannien sich Europa weiter annähert. Sondern ob Europa bereit ist, London strategisch ernst zu nehmen – und damit sein eigenes geopolitisches Gewicht zu erhöhen. Wer diese Chance verstreichen lässt, darf sich nicht wundern, wenn Entscheidungen weiter andernorts getroffen werden.

Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.

Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.

In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.