Mit Bondi-Entlassung bringt sich Trump selbst ins Dilemma

Six heroes in battle stances with glowing powers and weapons in front of a large shadowy figure and American flag backdrop.

Nach Bondis Entlassung zeigt sich Trumps Problem: Er verlangt Gefolgschaft statt Widerspruch – und scheitert an Gerichten, Senat und sich selbst. Warum Trumps Machtanspruch an Grenzen stößt, erläutert der USA-Experte Josef Braml für Focus Online.

Donald Trump hat wieder zugeschlagen. Nach nur 14 Monaten im Amt musste Justizministerin Pam Bondi gehen. Es ist bereits die zweite prominente Entlassung in kurzer Zeit – und sie zeigt, dass Trumps eigentliches Problem nicht das Personal ist, sondern sein Verständnis von Macht, Loyalität und Recht.

Denn kaum ein Job in Washington ist unter Trump so riskant wie der des Attorney General. Der Präsident erwartet nicht nur politische Gefolgschaft, sondern juristische Gefügigkeit. Das Justizministerium soll nicht nur Gesetze durchsetzen, sondern politische Gegner bekämpfen. Wer dabei nicht liefert, fliegt. Wer liefert, scheitert vor Gericht. Es ist ein System mit eingebauter Selbstzerstörung.

Trump will mehr als Loyalität – er will Gefolgschaft

Pam Bondi wurde nicht entlassen, weil sie Trump widersprochen hätte. Im Gegenteil: Ihr größter Fehler war, ihm nicht zu widersprechen. Bondi sagte selten Nein – auch dann nicht, wenn rechtliche Grenzen überschritten wurden. Genau das machte sie für Trump zunächst attraktiv. Und am Ende untragbar.

Besonders deutlich wurde das beim Umgang mit den sogenannten Epstein‑Akten. Bondi kündigte öffentlich „große Enthüllungen“ an, die nie kamen. Das Ergebnis: Verschwörungstheorien explodierten, der Eindruck einer Vertuschung verfestigte sich – und Trump stand erneut im Zentrum eines politischen Skandals, den er selbst nicht kontrollieren konnte. Was Bondi als Loyalität verstand, erwies sich als politische Sprengladung.

Wenn das Recht zur Waffe wird

Hinzu kamen juristische Fehlentscheidungen mit Signalwirkung. Bondi versuchte wiederholt, nicht vom Senat bestätigte Staatsanwälte einzusetzen – Gerichte stoppten sie. Anklagen gegen prominente Trump‑Kritiker wie Ex‑FBI‑Chef James Comey oder New Yorks Generalstaatsanwältin Letitia James wurden von Richtern abgewiesen.

Das Muster ist eindeutig: Trumps „Lawfare“ – der Versuch, das Recht zur politischen Waffe zu machen – scheitert regelmäßig an der Justiz selbst. Und es beschädigt den Präsidenten mehr als seine Gegner. Jeder verlorene Prozess verstärkt den Eindruck, dass hier nicht Recht gesprochen, sondern Macht demonstriert werden soll.

Der Präsident als größter Gegner seiner eigenen Agenda

Trump betrachtet den Attorney General als politischen Vollstrecker. Doch genau das ist das Dilemma. Ein Justizminister ist kein unabhängiger Akteur – aber er schuldet dem Präsidenten ehrliche Rechtsberatung. Auch dann, wenn diese unbequem ist.

Ein Beispiel aus Trumps erster Amtszeit zeigt das deutlich: Bill Barr. Er verteidigte Trump aggressiv, nahm politische Schläge auf sich – und zog dennoch eine klare Linie. Als Trump nach der Wahl 2020 massive Betrugsvorwürfe erhob, erklärte Barr öffentlich, es gebe dafür keine ausreichenden Beweise. Trump war wütend. Barr musste gehen. Doch er hatte getan, was ein Attorney General tun muss: dem Recht den Vorrang geben.

Genau diese Mischung aus Loyalität und Standfestigkeit scheint Trump nicht zu tolerieren. Und genau deshalb findet er keinen funktionierenden Justizminister.

Wer wagt es, Trump zu bremsen?

Als mögliche Nachfolgerin wird Jeanine Pirro gehandelt – eine der lautesten Trump‑Verbündeten. Doch sie gilt als juristisch angreifbar und politisch kaum „senatsfähig“ – ihre Ernennung würde vom Senat nicht bestätigt. Ermittlungen ohne belastbare Grundlage, aggressive Auftritte – all das macht sie zur Wunschkandidatin für Trump, aber zum Risiko für seine Präsidentschaft.

Als ernsthafte Alternative gilt Jay Clayton, früherer Chef der Börsenaufsicht SEC. Er ist politisch erfahren, gut vernetzt – und vor allem jemand, der Trump rechtlich bremsen könnte. Genau das ist sein größter Vorteil. Und aus Trumps Sicht womöglich sein größter Makel.

Selbst die eigene Partei zieht rote Linien

Doch Trumps Problem endet nicht im Weißen Haus – es beginnt im Senat. Ausgerechnet ein Republikaner könnte zur größten Hürde für den nächsten Justizminister werden: Senator Thom Tillis aus North Carolina, Mitglied des mächtigen Justizausschusses.

Tillis gilt als der härteste Prüfer von Trump‑Nominierten innerhalb der GOP, der Republikanischen Partei. In einem CNN‑Interview machte er nun unmissverständlich klar: Jeder künftige Attorney General müsse eine „klare Haltung“ zu den Ereignissen vom 6. Januar 2021 haben. Wörtlich sagte Tillis: „Ich werde keinen Kandidaten unterstützen, der irgendeinen Teil des 6. Januar für entschuldbar hält.“

Das ist mehr als Symbolik. Tillis sitzt im Justizausschuss des Senats – und wegen der knappen Mehrheitsverhältnisse kann er im Alleingang verhindern, dass ein Kandidat überhaupt zur Abstimmung ins Plenum gelangt. Schon in der Vergangenheit hatte er zwei Kandidaten für das Justizministerium zu Fall gebracht, weil sie Trumps Relativierung des Kapitolsturms nicht klar zurückwiesen.

Der Senator hat bereits bewiesen, dass er bereit ist, die Blockade‑Karte zu ziehen: Aktuell hält er sogar mehrere Nominierungen für die US‑Notenbank zurück – aus Protest gegen strafrechtliche Ermittlungen rund um Fed‑Chef Jerome Powell. Die Botschaft ist eindeutig: Loyalität zu Trump reicht nicht mehr.

Trumps Dilemma wird größer

Für Trump verschärft sich damit das Dilemma dramatisch. Er sucht einen Justizminister, der bereit ist, politische Gegner juristisch unter Druck zu setzen – stößt dabei aber zunehmend an institutionelle Grenzen. Ein Kandidat, der Trumps Narrative zum 6. Januar teilt, ist im Senat kaum durchsetzbar. Ein Kandidat, der sich klar vom Kapitolsturm distanziert, läuft Gefahr, Trumps Zorn auf sich zu ziehen.

Genau hier zeigt sich, warum der Job des Attorney General unter Trump ein Schleudersitz bleibt: Der Präsident verlangt Gefolgschaft, während selbst Teile seiner eigenen Partei auf rechtsstaatliche Mindeststandards pochen.

Was als Machtdemonstration gedacht ist, droht erneut in einem politischen Patt zu enden. Trumps Wunsch nach einem „durchgreifenden“ Justizministerium kollidiert mit den letzten Sicherungen des Systems – diesmal nicht nur bei Gerichten, sondern im republikanisch geführten Senat selbst.

Ein Präsident, der sich selbst sabotiert

Die Entlassung von Pam Bondi ist kein Einzelfall. Sie ist Symptom eines tieferen Problems. Trump verlangt Loyalität ohne Widerspruch – und bekommt Chaos. Er setzt auf juristische Angriffe – und erntet richterliche Niederlagen. Er will Stärke demonstrieren – und wirkt zunehmend getrieben.

Ironischerweise schadet Trump sich mit seiner Strategie selbst. Die Politisierung des Justizministeriums mobilisiert seine Gegner, verunsichert Verbündete und untergräbt das Vertrauen in staatliche Institutionen. Bereits früher zeigte sich: Aggressive „Lawfare“ kann zurückschlagen.

Trump braucht keinen weiteren „Yes‑Man“ im Justizministerium. Er braucht jemanden, der ihn stoppt, wenn er sich selbst im Weg steht. Doch genau das widerspricht seinem Führungsstil.

Solange Donald Trump Loyalität mit Rechtsbeugung verwechselt, bleibt der Job des Attorney General ein Schleudersitz. Und jede neue Entlassung erzählt dieselbe Geschichte: Nicht das System scheitert an Trump – Trump scheitert an den Grenzen des Systems.

Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.

Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.

In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.