Warum US-Präsident Donald Trump die Lage im Iran eskaliert – und dennoch vor dem allerletzten Schritt bei seinem Vorhaben zurückschreckt, erläutert der USA-Experte Josef Braml für Focus Online.
Massive Militärverlegungen, gezielte Luftschläge, Tötung des iranischen Führungspersonals sowie scharfe Drohungen aus dem Weißen Haus lassen die Sorge vor einem umfassenden Krieg zwischen den USA und Iran wachsen.
Trotz aller Eskalation ist ein amerikanischer Bodeneinsatz äußerst unwahrscheinlich. Donald Trump verfolgt eine andere Logik: maximale Abschreckung, begrenzte Gewalt und strategische Unklarheit – ohne die politische Verantwortung eines großen Krieges zu übernehmen. Trump droht mit Krieg, um ihn zu vermeiden – nicht aus Pazifismus, sondern aus politischem Kalkül.
Hinter Trumps martialischer Fassade verbirgt sich ein nüchternes Kalkül
Die Spannungen zwischen den USA und Iran erreichen gerade einen neuen Höhepunkt. US‑Flugzeugträger im Persischen Golf, weitere gemeinsame Luftschläge mit Israel, verschärfte Sanktionen und eine aggressive Rhetorik aus Washington erzeugen den Eindruck einer unaufhaltsamen Eskalation. Doch hinter der martialischen Fassade verbirgt sich ein nüchternes Kalkül.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Donald Trump eskaliert, sondern wie weit – und vor allem wo er bewusst stoppt. Denn die aktuell gestellte Frage, ob die USA unter Trump Bodentruppen entsenden würden, um einen Regimewechsel im Iran zu erzwingen, greift zu kurz. Ein solches Szenario ist aus heutiger Sicht äußerst unwahrscheinlich.
Trumps kontrollierte Eskalation ruht auf vier Säulen
Statt eines offenen Bodenkrieges verfolgt Trump eine Strategie kontrollierter Eskalation, die auf vier Säulen ruht:
1. Begrenzte militärische Abschreckung: Gezielte Luft‑ und Raketenangriffe, Cyberoperationen und militärische Präsenz sollen Irans Fähigkeiten schwächen, ohne eine Eskalationsspirale auszulösen. Die jüngsten Schläge dienen vor allem der Signalwirkung.
2. Maximale rhetorische Eskalation: Trump nutzt Sprache als Machtinstrument. Ultimaten, Drohungen und öffentliche Demütigungen ersetzen politische Feinsteuerung. Rhetorik wird zur psychologischen Kriegsführung.
3. Wirtschaftlicher Würgegriff: Sanktionen, sekundäre Strafmaßnahmen und Druck auf Drittstaaten bleiben zentrale Instrumente. Ziel ist nicht sofortiger Regimewechsel, sondern die systematische Einschränkung iranischer Handlungsspielräume.
4. Strategische Unklarheit: Trump vermeidet feste rote Linien. Gerade diese Unklarheit erhöht den Druck auf Teheran – und hält Washington flexibel.
Warum ein Bodeneinsatz politisch kaum vorstellbar ist
Ein offener Bodeneinsatz im Iran wäre kein begrenztes militärisches Unternehmen, sondern der Einstieg in ein regionales Chaos mit globalen Folgen.
Iran ist kein Irak des Jahres 2003 und kein Libyen von 2011. Es handelt sich um einen großen, bevölkerungsreichen Staat mit funktionierenden Sicherheitsstrukturen, regionalen Stellvertretern und der Fähigkeit, zentrale Handelsrouten wie die Straße von Hormus massiv zu stören – einen Engpass, durch den rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels laufen. Schon kurzfristige Unterbrechungen könnten erhebliche Preissteigerungen auslösen. Steigende Energiepreise könnten Trumps zentrales Wahlkampf-Thema der Bezahlbarkeit untergraben, mit möglichen Folgen für die Kongresswahlen im November 2026.
Ein umfangreicher Krieg würde die republikanische Basis weiter spalten. Seine MAGA‑Bewegung ist nicht isolationistisch im klassischen Sinn, aber zutiefst kriegsmüde. Sie lehnt langwierige, teure Auslandseinsätze ab, die weder klaren Sicherheitsgewinn noch wirtschaftlichen Nutzen versprechen. Trumps politisches Versprechen lautet, amerikanische Ressourcen im Inland einzusetzen – nicht in einem neuen „Forever War“.
Ein Krieg mit Bodentruppen würde US‑Verluste, steigende Energiepreise, neue Inflationsschübe und erhebliche Belastungen für die US-Wirtschaft nach sich ziehen. Genau diese Kombination ist für Trump innenpolitisch toxisch.
Iran von innen: Ein Regime unter massivem Druck
Dass Washington dennoch eskaliert, erklärt sich auch aus der Lage im Iran selbst. Das Regime steht unter enormem innenpolitischem Stress. Seit Ende 2025 erlebt das Land die heftigsten Proteste seit Jahren: ausgelöst durch wirtschaftlichen Niedergang, Inflation, Währungsverfall und soziale Ungleichheit. Die Proteste sind landesweit, klassenübergreifend und zunehmend offen regimekritisch.
Zwar verfügt der Staat weiterhin über einen schlagkräftigen Repressionsapparat – Revolutionsgarden, Basij‑Milizen, Sicherheitsdienste –, doch die Kosten dieser Repression steigen. Internetabschaltungen, Massenverhaftungen und tödliche Gewalt sichern kurzfristig Kontrolle, vertiefen aber langfristig die Legitimationskrise. Das Regime ist nicht unmittelbar sturzreif, aber strukturell brüchiger denn je.
Für Washington ergibt sich daraus ein Kalkül: äußerer Druck kann inneren Stress verstärken – ohne selbst militärisch die Verantwortung für einen Regimewechsel zu übernehmen.
Israel: Militärischer Taktgeber, politischer Beschleuniger
Ein zentraler Treiber der Eskalation ist Israel. Für die israelische Führung stellt Irans Nuklear‑ und Raketenprogramm eine existenzielle Bedrohung dar. Entsprechend drängt Israel auf präventives Handeln, gezielte Schläge und maximale Schwächung Teherans, um eine mögliche, zukünftige Bedrohung zu verhindern.
Die USA und Israel agieren dabei arbeitsteilig. Israel erhöht den operativen Druck, die USA sichern Abschreckung und internationale Rückendeckung. Doch die Interessen sind nicht deckungsgleich: Während Israel bereit ist, höhere Eskalationsrisiken einzugehen, wähnt sich Washington nicht unmittelbar vom Iran bedroht und wägt wirtschaftliche und politische Kosten ab.
Trump versucht, Israels Sicherheitsbedürfnisse zu berücksichtigen, ohne sich in einen umfassenden Krieg hineinziehen zu lassen – ein Balanceakt mit offenem Ausgang.
Die Golfstaaten: Verbündete ohne Kriegswillen
Auch die Reaktionen der meisten Golfstaaten wirken bremsend. Während Saudi‑Arabien insgeheim auf die Schwächung des Erzrivalen drängte, setzen die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Oman auf Stabilität. Sie sind sicherheitspolitisch auf die USA angewiesen, fürchten aber weitere iranische Vergeltungsschläge auf Infrastruktur, Städte und Energieanlagen.
Viele Golfstaaten verweigern deshalb aktive Unterstützung für einen Großkrieg und drängen hinter den Kulissen auf Deeskalation. Eine breite regionale Koalition für einen offenen Krieg gegen Iran existiert nicht.
Europa zahlt den Preis – ohne mitzuentscheiden
Der Konflikt ist ebenso für Europa heikel. Steigende Öl‑ und Gaspreise, Inflationsrisiken, Belastungen für Industrie und Verbraucher sowie mögliche neue Fluchtbewegungen treffen den Kontinent direkt. Die USA sprechen vom Middle East, Europa nennt die Region Naher Osten. Gleichzeitig verfügt Europa kaum über geopolitische Hebel, um den Konflikt in seiner Nachbarschaft zu beeinflussen.
Europa ruft zur Deeskalation – trägt aber die wirtschaftlichen Kosten einer Eskalation, die anderswo entschieden wird.
Die Lehren aus Irak, Afghanistan und Libyen
Die Zurückhaltung gegenüber Bodentruppen speist sich auch aus historischen Erfahrungen. Irak, Afghanistan und Libyen zeigen: Regime lassen sich stürzen, stabile Ordnungen nicht importieren. Militärische Siege münden häufig in politische Desaster.
Trump kennt diese Geschichte. Und er weiß: Ein weiterer gescheiterter Regimewechsel würde seine Präsidentschaft definieren – nicht seine Stärke.
Fazit: Macht ohne Verantwortung
Donald Trumps Iran‑Politik ist kein irrationaler Zickzackkurs, sondern eine kalkulierte Mischung aus Härte und Selbstbegrenzung. Er setzt auf Abschreckung statt Besatzung, auf Eskalation ohne Endverantwortung. Er droht mit Krieg, um ihn zu vermeiden.
Ein Regimewechsel im Iran durch US‑Bodentruppen bleibt daher äußerst unwahrscheinlich – nicht aus moralischen Gründen, sondern aus innenpolitischem Kalkül. Die Republikaner befürchten, dass ein langwieriger oder kostspieliger Konflikt ihre Aussichten bei den kommenden Zwischenwahlen weiter verschlechtert. Sollte Präsident Trump das Abgeordnetenhaus oder den Senat an die Demokraten verlieren, wären seine Möglichkeiten für innenpolitische Maßnahmen deutlich eingeschränkt.
Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.
In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.