Welches Kalkül steckt wirklich hinter Trumps Militärschlägen gegen den Iran – und welche Risiken birgt sein unberechenbarer Kurs? Der USA-Experte Josef Braml in einem Beitrag für Focus Online.
Die USA und Israel haben eine gemeinsame, breit angelegte Offensive gegen Iran gestartet. Präsident Donald Trump spricht von „umfassenden Kampfhandlungen“ mit dem Ziel, Irans Raketen und Nuklearfähigkeiten zu zerstören und einen politischen Umbruch zu begünstigen. Die „Operation Epic Fury“ umfasst See- , Luft-, Boden- und Weltraumkomponenten. Eingesetzt werden unter anderem Tomahawk Marschflugkörper, Luftschläge sowie umfangreiche Marinekräfte (mehr als ein Dutzend US-Kriegsschiffe).
Militärschläge als politisches Signal
Trump macht unmissverständlich klar, wie er Macht versteht. Für ihn sind Militärschläge nicht bloß ein sicherheitspolitisches Instrument, sondern vor allem ein politisches Signal – sowohl nach innen als auch nach außen. Sie dienen dazu, Stärke zu demonstrieren, Gegner einzuschüchtern und Verbündeten zu zeigen, dass die USA bereit sind, ihre Interessen notfalls mit Gewalt durchzusetzen.
Was zunächst entschlossen wirkt, wirft langfristig jedoch kritische Fragen auf: über die Rolle der Vereinigten Staaten, die Grenzen militärischer Macht und die Zukunft der internationalen Ordnung.
Stärke als innenpolitische Währung
Innenpolitisch erfüllen die Militärschläge für Trump eine eindeutige Funktion. Sie passen zu seinem Selbstbild als durchsetzungsstarker Präsident, der handelt statt zu diskutieren. Außenpolitische Härte wird zur innenpolitischen Währung.
Durch militärische Aktionen kann Trump Führung demonstrieren, ohne langwierige parlamentarische Prozesse durchlaufen zu müssen. Gerade in einem politisch polarisierten System verschafft ihm die Außenpolitik Handlungsspielräume, die ihm innenpolitisch oft verwehrt bleiben.
Darüber hinaus lenken militärische Eskalationen die öffentliche Aufmerksamkeit weg von innenpolitischen Konflikten – beispielsweise von Haushaltsfragen, sozialen Spannungen oder institutionellen Auseinandersetzungen, etwa die jüngste Begrenzung von Trumps Zollpolitik durch das Oberste Gericht.
Der US-Präsident setzt auf ein bekanntes Muster: Wenn es innenpolitisch schwierig wird, rückt die Weltpolitik in den Fokus. Die Botschaft an die eigene Anhängerschaft lautet: Amerika ist stark, und dieser Präsident ist bereit, diese Stärke einzusetzen.
Amerika als Macht, nicht als Ordnungsmacht
Außenpolitisch markieren Trumps Militärschläge eine deutliche Verschiebung. Die USA präsentieren sich weniger als Hüter einer regelbasierten internationalen Ordnung, sondern zunehmend als Akteur, der nationale Interessen konsequent und notfalls unilateral verfolgt. Multilaterale Abstimmung, völkerrechtliche Legitimation oder langfristige Stabilisierung treten in den Hintergrund. Entscheidend ist, dass amerikanische Interessen sichtbar gewahrt werden.
Für Verbündete bedeutet dies ein ambivalentes Signal: Einerseits demonstriert Washington Entschlossenheit und militärische Handlungsfähigkeit, andererseits wächst die Unsicherheit. Entscheidungen werden oft kurzfristig getroffen, Konsultationen bleiben aus, Verlässlichkeit wird durch Unberechenbarkeit ersetzt.
Gegner wiederum erhalten den Eindruck, dass militärische Gewalt für die USA ein normales Mittel politischer Durchsetzung geworden ist – was sowohl Abschreckung als auch Eskalation begünstigt.
Unklare Haltung der USA zum iranischen Atomprogramm
Ein zentrales Problem ist die Inkonsistenz der US-Regierung bezüglich des iranischen Nuklearprogramms. Präsident Trump behauptete mehrfach, das Nuklearprogramm Irans bereits zerstört zu haben, nur um wenig später erneut militärische Maßnahmen gegen das gleiche Programm anzuordnen. Diese widersprüchlichen Aussagen untergraben die Glaubwürdigkeit der US-Strategie und werfen Zweifel an der Ernsthaftigkeit und Stringenz der politischen Führung auf.
Iranische Führungspersönlichkeiten haben wiederholt erklärt, keine Atomwaffen anzustreben – eine Position, die in internationalen Abkommen festgehalten und öffentlich bekräftigt wurde.
Sollte die Verhinderung eines iranischen Atomwaffenprogramms tatsächlich das einzige Ziel der US-Regierung sein, bieten sich diplomatische Wege zur Konfliktlösung an. Die Fortführung und Stärkung internationaler Abkommen wie des Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) könnten zur Nichtverbreitung beitragen und eine Basis für vertrauensvolle Zusammenarbeit schaffen.
Wechselnde und unklare „rote Linien“
Die Weigerung, diplomatische Optionen zu nutzen, signalisiert indes eine strategische Engführung und erhöht das Risiko einer militärischen Eskalation ohne Perspektive auf eine dauerhafte Lösung.
Die US-Regierung zeichnet sich durch wechselnde und unklare „rote Linien“ aus. Mal wird ein vollständiges Verbot der iranischen Urananreicherung gefordert, dann eine begrenzte Duldung, später stehen Raketenprogramme, regionaler Einfluss oder nun sogar ein Regimewechsel im Fokus.
Einer der gravierendsten Mängel der aktuellen US-Politik gegenüber Iran ist das Fehlen klar definierter Kriegsziele. Die USA schwanken zwischen dem Ziel eines überprüfbaren Abkommens zur Nichtverbreitung von Atomwaffen und dem Wunsch nach einem Regimewechsel. Beide Optionen erfordern unterschiedliche Ansätze und Ressourcen. Alles dazwischen ist ein gefährliches Glücksspiel mit Menschenleben und regionaler Stabilität.
Regimewechsel aus der Luft?
Die Vorstellung, einen Regimewechsel im Iran allein durch Luftangriffe herbeiführen zu können, ist – so wünschenswert ein Ende der Repression für die misshandelten Menschen im Land auch wäre – historisch und militärisch kaum haltbar.
Erfahrung und Forschung zeigen: Nachhaltige Regimewechsel lassen sich nicht aus der Luft erzwingen. Sie erfordern in der Regel den Einsatz von Bodentruppen, Kontrolle über Territorium und vor allem die Bereitschaft, über Jahre politische Verantwortung für ein zutiefst fragmentiertes Land zu übernehmen.
Genau an diesem Punkt offenbart sich die Realitätsferne des aktuellen amerikanischen Vorgehens. Die USA haben sich bislang nicht klar zu einer solchen langfristigen Verantwortung bekannt.
Es gibt weder einen belastbaren Plan für die Zeit nach einem möglichen Zusammenbruch des Regimes noch eine politische oder gesellschaftliche Debatte darüber, was ein solcher Schritt konkret bedeuten würde. Luftschläge mögen militärische Infrastruktur zerstören und Macht demonstrieren – sie schaffen aber keine neue Ordnung.
Risiko mit Blick auf Trumps MAGA-Basis
Für Donald Trump käme hinzu, dass ein tatsächlicher Regimewechsel im Iran ihn in einen fundamentalen innenpolitischen Widerspruch treiben würde. Ein groß angelegtes militärisches Engagement mit Bodentruppen und jahrelanger Präsenz würde unweigerlich einen politischen Bürgerkrieg innerhalb seiner eigenen MAGA‑Basis auslösen.
Schließlich hatte Trump im Wahlkampf versprochen, Amerika aus „dummen, endlosen Kriegen“ herauszuhalten. Ein Iran‑Abenteuer mit offenem Ausgang wäre genau das Gegenteil dieses Versprechens – und würde zeigen, wie dünn die Trennlinie zwischen martialischer Rhetorik und strategischer Verantwortungslosigkeit geworden ist.
Warnungen regionaler Verbündeter
Die USA haben sich bislang nicht klar zu einer solchen Verantwortung bekannt, was die Realitätsferne der aktuellen Strategie verdeutlicht. Ein militärischer Eingriff ohne die Bereitschaft zur Übernahme politischer Verantwortung birgt immense Risiken für die Stabilität der Region und die Sicherheit der Bevölkerung.
Selbst Staaten, die dem iranischen Regime feindlich gegenüberstehen, warnen vor einer unkontrollierten Eskalation. Sie befürchten, dass ungezielte militärische Gewalt die gesamte Region destabilisieren könnte und die Gefahr von Flächenbränden, Flüchtlingsströmen und neuen Konflikten steigt.
Die Warnungen regionaler Verbündeter unterstreichen die Notwendigkeit einer vorsichtigen und verantwortungsvollen Strategie, die die langfristigen Folgen militärischer Aktionen berücksichtigt.
Eine Eskalation ohne klare Ziele und einen Plan zur Stabilisierung der Region kann zu einem massiven Vertrauensverlust gegenüber den USA und einer nachhaltigen Beeinträchtigung der internationalen Zusammenarbeit führen.
Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.
In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.