Iran und Venezuela sind Schlachten in Amerikas Energiekrieg gegen China, von dem Russland profitiert, analysiert USA-Experte Josef Braml für Focus Online.
Mit Angriffen auf Iran und Venezuela will US-Präsident Donald Trump Chinas Achillesferse treffen: die Energieversorgung. Die Verwerfungen auf den Ölmärkten treffen Peking empfindlich. Doch die Strategie hat einen Haken.
Statt China zu schwächen, treibt Washington die Volksrepublik näher an Russland – und stärkt damit genau jene Machtkonstellation, die für die USA langfristig am gefährlichsten ist.
Eine größere geopolitische Logik
Was auf den ersten Blick wie eine Eskalation regionaler Konflikte aussieht, folgt einer größeren geopolitischen Logik. Die US‑amerikanischen Angriffe auf Venezuela und den Iran richten sich nicht nur gegen ungeliebte Regime in Lateinamerika und im Nahen Osten. Sie sind Teil einer indirekten Strategie gegen den eigentlichen Hauptgegner der Vereinigten Staaten: China.
Im Zentrum steht dabei ein politisches Instrument, das in Washington zunehmend an Bedeutung gewinnt – Energie. China ist heute der weltweit größte Ölimporteur. Sein Wirtschaftsmodell, seine industrielle Leistungsfähigkeit und nicht zuletzt seine politische Stabilität hängen in hohem Maße von verlässlichen Energielieferungen ab. Genau hier setzt die amerikanische Strategie an.
Chinas Achillesferse liegt auf See
Besonders verwundbar ist China bei seinen maritimen Lieferwegen. Die Volksrepublik importierte 2025 im Durchschnitt rund 11,6 Millionen Barrel Rohöl pro Tag und ist damit der größte Ölimporteur der Welt. Ein erheblicher Teil dieser Mengen stammt aus dem Nahen Osten und muss zwangsläufig die Straße von Hormus passieren – das strategisch wichtigste Nadelöhr der globalen Energieversorgung.
Durch die nur wenige Kilometer breite Meerenge zwischen Iran und Oman fließen laut Internationaler Energieagentur (IEA) täglich etwa 20 Millionen Barrel Öl – rund 20 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs und etwa ein Viertel des globalen Seeverkehrs mit Rohöl. Mehr als 80 Prozent dieser Lieferungen sind für asiatische Abnehmer bestimmt, vor allem für China, Indien, Japan und Südkorea.
Für China ist die Abhängigkeit besonders ausgeprägt: Rund die Hälfte seiner gesamten Ölimporte stammt aus sechs Golfstaaten, deren Exporte nahezu vollständig über Hormus abgewickelt werden. Allein aus Iran bezog China 2025 im Schnitt 1,38 Millionen Barrel pro Tag, was etwa ein Siebtel der chinesischen Seerohölimporte entsprach. Auch Saudi‑Arabien, Chinas wichtigster Lieferant, verschifft den Großteil seines Öls über diese Route.
Als Iran auf die US‑Angriffe mit einer zeitweisen Sperrung der Straße von Hormus reagierte und Reedereien aus Sicherheits‑ und Versicherungsgründen den Transit einstellten, traf das daher nicht in erster Linie die USA oder Europa, sondern China. Während nur rund vier Prozent der durch Hormus transportierten Rohölmengen nach Europa gehen und die USA kaum noch direkt von dieser Route abhängig sind, entfällt der Löwenanteil auf asiatische Märkte – mit China als größtem Endabnehmer.
Die unmittelbaren Folgen waren messbar: Tanker mieden die Meerenge, Versicherungsprämien für Fahrten in den Persischen Golf stiegen sprunghaft an, und die Charterkosten für Supertanker auf Routen nach Ostasien überschritten zeitweise 200.000 Dollar pro Tag. Für China bedeutet das nicht nur höhere Importpreise, sondern ein strukturelles Risiko für die Versorgungssicherheit seiner energieintensiven Wirtschaft.
Energie als geopolitische Waffe
Genau auf diese Verwundbarkeit zielt Washington. Sanktionen und militärischer Druck auf Iran und Venezuela – beides zentrale Energielieferanten Chinas – sollen Pekings Aufstieg verteuern. Energie wird zur geopolitischen Waffe. Die Logik dahinter ist simpel: Wenn Öl knapper und teurer wird, leidet das Wachstum, der innenpolitische Druck steigt, der außenpolitische Handlungsspielraum schrumpft.
Doch diese Rechnung greift zu kurz. Denn geopolitischer Druck erzeugt nicht nur Schwäche, sondern Anpassung. Und diese Anpassung führt China nicht weg von problematischen Partnerschaften – sondern tiefer in sie hinein.
Der große Gewinner heißt Russland
Der wichtigste Ausweichlieferant ist Russland. Für China ist Moskau der ideale Ersatz: geografisch nah, politisch kalkulierbar und unabhängig von maritimen Engpässen. Öl und Gas können über Pipelines, Schiene oder arktische Routen geliefert werden – jenseits amerikanischer Kontrolle. Bereits heute zählt Russland zu Chinas wichtigsten Energielieferanten. Die jüngsten Verwerfungen beschleunigen diesen Trend weiter.
Für Russland ist das ein strategischer Gewinn. Während westliche Sanktionen den Zugang zu europäischen Märkten beschneiden, findet Moskau in China einen aufnahmefähigen Großabnehmer. Gleichzeitig vertieft sich eine Partnerschaft, die längst über Energie hinausgeht: militärische Kooperation, diplomatische Abstimmung und ein gemeinsames Interesse an der Schwächung westlicher Dominanz.
Amerikas Bumerang‑Strategie
Aus Sicht der USA ist das eine gefährliche Entwicklung. Während Washington versucht, Rivalen isoliert unter Druck zu setzen, entsteht ein engeres eurasisches Machtzentrum. China gewinnt an Versorgungssicherheit außerhalb amerikanischer Einflusszonen, Russland an wirtschaftlicher Stabilität und geopolitischem Gewicht.
Diese Strategie trägt paradoxerweise zur Entwicklung einer Weltordnung bei, die Washington eigentlich zu verhindern versucht: einer multipolaren Struktur, in der die Vereinigten Staaten nicht länger als unverzichtbarer und dominierender Akteur auftreten. Je stärker Energie politisiert wird, desto größer wird der Anreiz für andere Akteure, sich der amerikanischen Kontrolle zu entziehen.
Die Angriffe auf Iran und Venezuela zeigen kurzfristig Entschlossenheit, stärken jedoch strategisch die Gegenseite. Statt China zu isolieren, wird seine Partnerschaft mit Russland gefestigt – was langfristig größere Schwierigkeiten für die USA bedeutet als eine Blockade der Straße von Hormus.
Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.
In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.