Jobmotor KI

Professional working on a laptop at a desk in a bright city office

Noch feiern wir den „Jobmotor KI“, doch die Folgen können verheerend werden. Für Focus Online prognostiziert der USA-Experte Josef Braml Amerikas nächste soziale Zerreißprobe.

Die Verheißung vom „Jobmotor KI“ unterschätzt das Tempo und die gesellschaftliche Wucht des Umbruchs. Künstliche Intelligenz könnte Millionen Angestellte überflüssig machen, die Ungleichheit verschärfen und die politische Radikalisierung der USA weiter vorantreiben.

Die Optimisten haben ein starkes historisches Argument: Technischer Fortschritt habe zwar immer wieder Tätigkeiten verdrängt, am Ende aber mehr Wohlstand und neue Arbeitsplätze geschaffen. Auch Künstliche Intelligenz (KI) werde Menschen nicht ersetzen, sondern produktiver machen. Beschäftigte könnten sich auf anspruchsvollere Aufgaben konzentrieren, während Maschinen Routinearbeiten übernehmen.

Wem kommen enorme Produktivitätsgewinne zugute?

Diese Hoffnung ist nicht unbegründet. Doch sie übersieht einen entscheidenden Punkt: Es genügt nicht, dass durch KI irgendwann neue Tätigkeiten entstehen. Entscheidend ist, wie viele Arbeitsplätze zunächst wegfallen, wie schnell dies geschieht, welche Qualifikationen für die neuen Stellen benötigt werden und vor allem, wem die enormen Produktivitätsgewinne zugutekommen.

Die KI-Revolution unterscheidet sich von früheren Technologieschüben durch ihr Tempo und ihre Reichweite. Erstmals können Maschinen in großem Umfang kognitive Tätigkeiten übernehmen.

Firmen investieren nicht aus humanitären Gründen Milliarden in KI

Damit geraten nicht nur Fabrikarbeiter unter Druck, sondern auch Buchhalter, Bankangestellte, Programmierer, Übersetzer, Journalisten, Juristen, Versicherungsmitarbeiter und Beschäftigte in Verwaltungen.

Häufig heißt es beschwichtigend, KI werde keine ganzen Berufe beseitigen, sondern lediglich einzelne Aufgaben automatisieren. Doch wenn eine Bank, Versicherung oder Rechtsabteilung dieselbe Arbeit künftig mit drei statt mit zehn Beschäftigten erledigt, bleibt das Berufsbild zwar bestehen. Für sieben Menschen ist der Arbeitsplatz dennoch verschwunden.

Unternehmen investieren nicht aus humanitären Gründen Milliarden in KI. Sie wollen Kosten senken, Abläufe beschleunigen und Gewinne erhöhen. Wenn Software Texte erstellt, Verträge prüft, Daten auswertet, Kundenanfragen beantwortet oder Programmcode schreibt, steigt der wirtschaftliche Anreiz, Personal einzusparen.

Was als „Transformation“ begann, weitet sich zum Tsunami aus

Die Warnungen kommen mittlerweile aus dem Zentrum der Wirtschaft. Kristalina Georgieva, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), schätzt, dass in den entwickelten Volkswirtschaften rund 60 Prozent der Arbeitsplätze von KI betroffen sein werden.

Manche Tätigkeiten werden produktiver, andere grundlegend verändert oder beseitigt. Georgieva vergleicht die Entwicklung mit einem „Tsunami“, der den Arbeitsmarkt trifft. Besonders unter Druck stünden mittlere Qualifikationen, junge Arbeitnehmer und die Mittelschicht.

Hälfte aller Büroarbeiter nicht mehr benötigt?

Auch führende Manager sprechen mittlerweile ungewöhnlich offen aus, was lange hinter Euphemismen wie „Transformation“ und „Effizienzsteigerung“ verborgen wurde. Jim Farley, Vorstandsvorsitzender von Ford, prognostizierte, KI werde „buchstäblich die Hälfte aller Büroarbeiter“ in den USA ersetzen.

Einen belastbaren Zeitplan für diese weitreichende Prognose lieferte er zwar nicht. Bemerkenswert ist dennoch, dass der Chef eines der größten amerikanischen Industrieunternehmen nicht mehr nur von Unterstützung durch KI spricht, sondern ausdrücklich von Ersetzung.

Tech-Milliardäre bilden eine neue Herrschaftsschicht von Plutokraten

Selbst wenn KI das Wirtschaftswachstum erhöht, bedeutet das noch lange nicht, dass der neue Wohlstand bei der Mehrheit ankommt. Produktivitätsgewinne können in höhere Löhne fließen. Sie können aber ebenso den Eigentümern der Unternehmen, Rechenzentren, Datenbestände und KI-Modelle zugutekommen.

Genau hier liegt die politische Sprengkraft. Die Schlüsseltechnologien werden vor allem von wenigen Konzernen kontrolliert. Tech-Milliardäre, die sich neue Technologien weitgehend unkontrolliert zunutze machen können, bilden eine neue Herrschaftsschicht von Plutokraten. Wirtschaftliche Macht konzentriert sich zunehmend in Händen von Akteuren, die keiner vergleichbaren demokratischen Kontrolle unterliegen.

Für die USA ist die Entwicklung besonders brisant

Auch Larry Fink, Chef von BlackRock, warnte in Davos, KI könne für Angestellte ähnliche Folgen haben wie die Globalisierung einst für Industriearbeiter. Die frühen Gewinne flössen vor allem an die Eigentümer von Modellen, Daten und Infrastruktur. Ohne einen glaubwürdigen Plan für eine breite Beteiligung droht sich die Ungleichheit weiter zu verschärfen.

Für die USA ist das besonders brisant. Zum bestehenden Prekariat, also Menschen mit unsicheren, schlecht bezahlten oder temporären Beschäftigungsverhältnissen, könnten nun Teile der bislang relativ gut abgesicherten Mittelschicht hinzukommen. Hochschulbildung ist dann kein zuverlässiger Schutz mehr vor sozialem Abstieg.

Umschulung allein wird das Problem nicht lösen

Die Standardantwort der Politik lautet Weiterbildung. Natürlich müssen Schulen, Hochschulen und Unternehmen Menschen auf den Wandel vorbereiten. Doch „Umschulung“ darf nicht zum politischen Beruhigungswort werden. Sie hilft nur, wenn tatsächlich genügend neue, angemessen bezahlte Arbeitsplätze entstehen.

Nicht jeder entlassene Sachbearbeiter kann zum Datenwissenschaftler oder KI-Entwickler werden. Zudem dürften viele Menschen nicht in höherwertige Tätigkeiten wechseln, sondern in schlechter bezahlte Dienstleistungsberufe ausweichen, während die Produktivitätsgewinne ihrer bisherigen Arbeit privatisiert werden.

Jamie Dimon, Vorstandschef von JPMorgan Chase, erwartet, dass seine Bank in fünf Jahren trotz weltweiten Wachstums weniger Menschen beschäftigen wird. Er warnt ausdrücklich davor, dass die Veränderungen zu schnell für die Gesellschaft verlaufen und soziale Unruhen auslösen könnten.

Menschen werden nicht tatenlos zusehen, wenn sie sozial absteigen

Die Verdrängung ist also kein fernes Zukunftsszenario. Sie beginnt schleichend: durch Einstellungsstopps, natürliche Fluktuation und vor allem den Abbau von Einstiegspositionen. Gerade das trifft junge Menschen. Wenn KI jene Arbeiten erledigt, an denen Berufsanfänger bisher gelernt haben, fehlt künftig die erste Stufe der Karriereleiter.

Menschen werden nicht tatenlos zusehen, wenn sie sozial absteigen, während eine kleine Elite immer reicher wird. In den USA ist bereits zu beobachten, wie wirtschaftliche Unsicherheit in politische Wut umschlägt. Wer sich von Globalisierung, Automatisierung und politischen Institutionen im Stich gelassen fühlt, wird empfänglicher für einfache Feindbilder und autoritäre Versprechen.

KI könnte diesen Prozess beschleunigen, weil sie nun auch jene Mittelschichten bedroht, die bislang glaubten, Ausbildung und Leistung würden sie vor dem Abstieg schützen. Wenn das amerikanische Aufstiegsversprechen seine Glaubwürdigkeit verliert, sind Nationalismus, Protektionismus und der Ruf nach einem starken Mann mögliche politische Folgen.

Damit wird die KI-bedingte Ungleichheit auch zu einem außenpolitischen Risiko. Historisch wurden auch in den Vereinigten Staaten äußere Feinde immer wieder genutzt, um innere Konflikte zu überdecken. Internationale Konfrontationen ermöglichen einen patriotischen „Rally around the flag“-Effekt und können von sozialen Problemen im eigenen Land ablenken.

Die Antwort kann nicht darin bestehen, KI aufzuhalten

Je tiefer die innere Spaltung Amerikas, desto größer könnte die Versuchung werden, gesellschaftliche Spannungen nach außen abzuleiten. Für Europa ist KI deshalb nicht nur eine Frage der Arbeitsmarkt- oder Digitalpolitik. Sie betrifft auch die politische Stabilität der westlichen Führungsmacht und damit unsere eigene Sicherheit.

Die Antwort kann nicht darin bestehen, KI aufzuhalten. Sie kann Forschung beschleunigen, medizinische Diagnosen verbessern, Ressourcen effizienter einsetzen und Menschen von monotoner Arbeit entlasten. Doch technologischer Fortschritt wird erst dann zu gesellschaftlichem Fortschritt, wenn seine Erträge breit verteilt werden.

Wer kontrolliert die Technologie, wer Gewinne, wer trägt die Lasten des Übergangs?

Dafür braucht es Investitionen in Bildung und soziale Sicherung, eine angemessene Besteuerung der durch KI entstehenden Gewinne, Beteiligungsmöglichkeiten für Beschäftigte und Regeln gegen monopolistische Macht. Unternehmen, die von öffentlich finanzierter Forschung, gesellschaftlichen Datenbeständen und gut ausgebildeten Arbeitnehmern profitieren, dürfen die Folgekosten der Verdrängung nicht einfach dem Staat überlassen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob KI Arbeitsplätze schafft oder vernichtet. Sondern: Wer kontrolliert die Technologie, wer erhält ihre Gewinne und wer trägt die Lasten des Übergangs?

Überlassen demokratische Staaten diese Entscheidungen allein den Tech-Plutokraten, könnte KI tatsächlich enormen Wohlstand erzeugen. Doch dieser Wohlstand würde die gesellschaftlichen Gräben nicht schließen, sondern vertiefen.

Die Maschinen wären dann produktiver, die Konzerne wertvoller und ihre Eigentümer reicher. Für Millionen Menschen aber bliebe vom versprochenen Fortschritt vor allem die Erfahrung, nicht mehr gebraucht zu werden.

Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des soeben erschienenen Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.