Wer die amerikanischen Zwischenwahlen, die Rückkehr Donald Trumps oder die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China verstehen will, begeht oft denselben Fehler: Er schaut auf die politischen Symptome, nicht auf die eigentliche Krankheit, erläutert der USA-Experte Josef Braml für Focus Online.
Die amerikanische Krise begann nicht mit Donald Trump. Sie wird auch nicht mit ihm enden. Trump ist weder Ursache noch Lösung der Probleme Amerikas. Er ist Ausdruck einer tieferliegenden Entwicklung, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat und die inzwischen nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern den gesamten Westen erfasst hat.
Die eigentliche Herausforderung liegt tiefer: Sie betrifft das Selbstverständnis einer Gesellschaft, die lange Zeit davon überzeugt war, historisch einzigartig, moralisch überlegen und unverzichtbar zu sein.
Auf dem Höhepunkt ihrer Macht entwickelte die USA eine narzisstische Selbstwahrnehmung
Nach dem Ende des Kalten Krieges standen die Vereinigten Staaten auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Die Sowjetunion war zerfallen, wirtschaftlich dominierte Amerika die Weltwirtschaft, militärisch war keine andere Macht auch nur annähernd vergleichbar.
Aus diesem historischen Erfolg entwickelte sich jedoch zunehmend eine problematische Selbstwahrnehmung. Amerika verstand sich nicht mehr nur als führende Nation, sondern als unentbehrliche Nation. Aus berechtigtem Selbstbewusstsein wurde ein Anspruch auf globale Führungsrolle, der sich immer stärker von den tatsächlichen Machtverhältnissen entfernte.
Psychologen sprechen von narzisstischen Verhaltensmustern, wenn Individuen ihr Selbstwertgefühl aus der ständigen Bestätigung ihrer Bedeutung beziehen und Kritik als Bedrohung ihrer Identität empfinden.
Ähnliche Mechanismen lassen sich heute bei Großmächten beobachten. Je mehr die relative Macht Amerikas schwindet, desto größer wird die Versuchung, den eigenen Führungsanspruch rhetorisch, politisch und militärisch zu überhöhen.
Die größte Gefahr kommt von innen
In Europa konzentriert sich die Debatte häufig auf äußere Bedrohungen: China, Russland, Migration, Handelskonflikte oder geopolitische Rivalitäten.
Doch die größte Gefahr für die USA und den Westen entsteht im Inneren. Seit Jahrzehnten wächst die soziale Ungleichheit. Die Aufstiegschancen vieler Menschen verschlechtern sich. Das Vertrauen in politische Institutionen, Medien, Unternehmen, Universitäten und staatliche Autoritäten sinkt kontinuierlich.
Gleichzeitig nimmt die Polarisierung dramatisch zu. Politische Gegner werden nicht mehr als Konkurrenten betrachtet, sondern als Feinde. Kompromissfähigkeit wird als Schwäche ausgelegt. Die politische Mitte schrumpft.
Ein solcher Prozess untergräbt die Integrationskraft demokratischer Gesellschaften. Wirtschaftlicher Wohlstand allein reicht nicht aus, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten. Stabilität entsteht vor allem durch Vertrauen, gemeinsame Regeln und die Überzeugung, dass das System grundsätzlich fair ist. Genau dieses Vertrauen geht verloren.
Warum die Eliten die Krise unterschätzen
Besonders problematisch ist, dass große Teile der politischen, wirtschaftlichen und medialen Eliten die strukturelle Natur der Krise nicht erkennen. Noch immer dominiert die Vorstellung, die westliche Ordnung sei grundsätzlich alternativlos und dauerhaft stabil. Gesellschaftliche Spannungen werden häufig als vorübergehende Störungen interpretiert.
Doch viele Entwicklungen weisen in eine andere Richtung. Die politische Polarisierung ist keine Episode. Das Misstrauen gegenüber Institutionen ist kein Betriebsunfall. Die kulturellen Konflikte sind keine kurzfristige Verirrung. Sie sind Ausdruck einer tieferen Entfremdung zwischen gesellschaftlichen Gruppen, die sich immer weniger als Teil eines gemeinsamen Projekts verstehen. Wer diese Entwicklung ignoriert, riskiert Fehlentscheidungen nach innen und nach außen.
Europa darf nicht zum Zuschauer werden
Die amerikanische Krise hat unmittelbare Folgen für Europa. Über Jahrzehnte konnten sich die europäischen Staaten auf amerikanische Sicherheitsgarantien verlassen. Die transatlantische Partnerschaft bleibt auch künftig unverzichtbar. Gleichzeitig wird jedoch immer deutlicher, dass Europa seine eigenen strategischen Fähigkeiten stärken muss.
Nicht als Gegenmodell zu Amerika. Sondern weil die Weltordnung des 21. Jahrhunderts keine Fortsetzung der Nachkriegszeit mehr sein wird. Die wirtschaftlichen und politischen Gewichte verschieben sich nach Asien. Neue Machtzentren entstehen. Staaten des Globalen Südens vertreten ihre Interessen selbstbewusster als früher.
Europa kann auf diese Entwicklung nicht mit Nostalgie reagieren. Es muss lernen, in einer multipolaren Welt eigenständig zu handeln.
Die entscheidende Frage unserer Zeit
Die Entstehung einer multipolaren Welt ist kein historischer Unfall und auch keine Katastrophe. Sie entspricht vielmehr den langfristigen Verschiebungen wirtschaftlicher und demografischer Macht.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie der Westen seine frühere Dominanz bewahren kann. Entscheidend ist, ob es Amerika und Europa gelingt, ihre inneren Grundlagen zu erneuern.
Großmächte scheitern selten an äußeren Gegnern. Häufiger scheitern sie daran, dass ihre gesellschaftlichen Fundamente erodieren, während ihre Eliten an überholten Selbstbildern festhalten.
Deshalb wird die Zukunft des Westens nicht zuerst durch geopolitisches Strategien in Washington, Peking oder Moskau entschieden. Sie entscheidet sich in der Fähigkeit unserer Gesellschaften, Vertrauen wiederherzustellen, soziale Spaltungen zu überwinden und den Bürgern das Gefühl zurückzugeben, Teil eines gemeinsamen Projekts zu sein. Genau dort verläuft heute die wichtigste geopolitische Frontlinie.
Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des soeben erschienenen Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.
