Warum die von Moskau unterstützte Huthi-Eskalation die USA mächtig unter Druck setzt und vor allem der Ukraine und Europa schadet, erläutert der USA- und Geopolitik-Experte Josef Braml für Focus Online.
Der Huthi-Vormarsch zwingt Donald Trump zu einer Entscheidung. Muss Amerika seine Verbündeten und die globalen Handelswege schützen, oder hält US-Präsident Trump am Versprechen fest, die USA aus neuen Kriegen herauszuhalten? Der größte Nutznießer dieses Dilemmas sitzt in Moskau.
Die jüngste Eskalation im Nahen Osten ist mehr als eine weitere Episode im jemenitischen Bürgerkrieg. Die vom Iran unterstützten Huthi bedrohen inzwischen nicht nur den Schiffsverkehr im Roten Meer. Berichten zufolge haben sie die strategisch wichtige Hafenstadt Mokka sowie Inseln nahe der Meerenge Bab al-Mandab eingenommen.
Unabhängig überprüfen lassen sich noch nicht alle Angaben. Doch bereits die Gefahr, dass nach der Straße von Hormus ein zweites Nadelöhr des Welthandels unsicher wird, treibt Öl-, Fracht- und Versicherungskosten nach oben.
Gleichzeitig wurde Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline durch Drohnen aus dem Irak angegriffen und vorsorglich stillgelegt. Diese Pipeline sollte eigentlich die Straße von Hormus umgehen und saudisches Öl zum Roten Meer transportieren. Werden nun sowohl die Pipeline als auch Bab al-Mandab bedroht, geraten die Ausweichrouten selbst unter Druck.
Huthi-Eskalation stürzt Trump in innenpolitisches Dilemma
Für Donald Trump ist die Lage politisch gefährlich. Seine „America First“-Basis erwartet, dass er kostspielige Auslandskriege vermeidet. Gleichzeitig inszeniert er sich als Präsident der Stärke, der amerikanische Interessen, Verbündete in der Region und Handelswege schützt. Lässt er Saudi-Arabien im Stich, riskiert er den Vorwurf der Schwäche. Reagiert er militärisch, muss er erklären, warum Amerika erneut tiefer in einen Krieg im Nahen Osten hineingezogen wird.
Hinzu kommt die ökonomische Front. Die amerikanische Inflationsrate lag im August bei 3,4 Prozent. Energie verteuerte sich innerhalb eines Jahres um 16,3 Prozent, Benzin sogar um 27,4 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung der Federal Reserve stieg nach Veröffentlichung der Daten deutlich.
Damit erreicht die Krise die amerikanischen Wähler unmittelbar an der Zapfsäule. Außenpolitische Konflikte werden in den USA meist erst dann wahlentscheidend, wenn sie den Alltag verteuern oder amerikanische Soldaten gefährden. Beides könnte hier zusammenkommen.
Die Huthi-Frage wird zum Midterm-Thema
Bei den Zwischenwahlen wird kaum jemand über die komplizierten Machtverhältnisse im Jemen abstimmen. Sehr wohl aber über Benzinpreise, Inflation und die Frage, ob Trump die Lage unter Kontrolle hat. Bleiben die Energiepreise hoch, werden die Demokraten argumentieren, dass seine Nahostpolitik Amerika unsicherer und das Leben teurer gemacht habe.
In Trumps eigener Bewegung droht eine Spaltung. Isolationisten werden jeden neuen Militäreinsatz ablehnen. Republikanische Sicherheitspolitiker und einflussreiche Unterstützer aus der Energie- und Wirtschaftswelt dürften hingegen entschlossenes Handeln verlangen. Trump wird versuchen, begrenzte Schläge als Demonstration überwältigender Stärke darzustellen, ohne sich auf einen langwierigen Krieg einzulassen. Doch eine solche Eskalation lässt sich nicht beliebig kontrollieren.
Sein politisch einfachster Ausweg könnte deshalb darin bestehen, weitere Ressourcen aus Europa abzuziehen. Trump könnte behaupten, die Europäer müssten die Ukraine nun selbst verteidigen, während Amerika seine Kräfte im Nahen Osten konzentriert. Das Fallenlassen der Ukraine wäre dann nicht nur Ausdruck seiner bekannten Skepsis gegenüber Kiew, sondern die unmittelbare Folge amerikanischer Überdehnung.
Lässt Trump jetzt die Ukraine fallen, zahlt Europa den Preis
Für Europa entsteht daraus eine doppelte Gefahr. Erstens treffen höhere Öl-, Gas- und Transportkosten europäische Volkswirtschaften besonders hart. Schon jetzt verteuern sich neben Rohöl auch Erdgas, Diesel und Frachtraten. Zweitens könnte Washington seine militärische Unterstützung für die Ukraine weiter reduzieren und von den Europäern verlangen, die entstandene Lücke zu schließen.
Europa darf die Ereignisse im Jemen deshalb nicht als entfernten Regionalkonflikt betrachten. Die Fronten in der Ukraine, im Iran und am Roten Meer sind strategisch miteinander verbunden. Russland und Iran kooperieren, weil sie dasselbe Ziel verfolgen: die Vereinigten Staaten abzulenken, ihre Kräfte zu verzetteln und den westlichen Zusammenhalt zu schwächen.
Wenn Europa darauf keine gemeinsame Antwort findet, könnte Putins Rechnung aufgehen. Russland muss die USA nicht militärisch besiegen. Es genügt, Washington vor so viele Krisen gleichzeitig zu stellen, dass am Ende jene Front aufgegeben wird, die Europa am unmittelbarsten betrifft: die Ukraine.
Das geopolitisches Muster hinter der Huthi-Eskalation
Hinter der regionalen Eskalation zeichnet sich ein größeres geopolitisches Muster ab. Iran bleibt der wichtigste Unterstützer der Huthi und versorgt sie seit Jahren mit Waffen, Komponenten und technologischem Wissen. Nach Angaben des amerikanischen Militärgeheimdienstes wurden zwischen 2015 und 2024 mindestens 20 iranische Schmuggelschiffe mit Raketenkomponenten, Drohnen, Panzerabwehrwaffen und weiteren Rüstungsgütern für die Huthi abgefangen.
Zugleich mehren sich in Washington Hinweise auf wachsende operative, nachrichtendienstliche und beschaffungsbezogene Beziehungen der Huthi zu Russland. Bei einer Anhörung im US-Repräsentantenhaus Anfang September war ausdrücklich von sich vertiefenden Verbindungen zu Moskau die Rede.
Westliche Geheimdienste und Medienberichte sprechen von russischen Zielinformationen für Angriffe auf Schiffe im Roten Meer, Kontakten zwischen russischen Militärberatern und den Huthi sowie Gesprächen über Waffenlieferungen. Zwar sind nicht alle Vorwürfe unabhängig bestätigt, doch aus Sicht Washingtons und mehrerer europäischer Regierungen deutet vieles darauf hin, dass Moskau die Huthi zunehmend nutzt, um amerikanische Aufmerksamkeit und Ressourcen vom Krieg in der Ukraine abzulenken.
Russlands Kalkül für eine Huthi-Unterstützung
Russlands Kalkül liegt auf der Hand: Je stärker Iran und seine Verbündeten amerikanische Aufmerksamkeit, Aufklärungskapazitäten, Luftverteidigung und Präzisionsmunition im Nahen Osten binden, desto weniger politischer und militärischer Spielraum bleibt Washington für die Ukraine. Moskau führt damit faktisch einen Zwei-Fronten-Krieg.
In Europa greift Russland die Ukraine direkt an. Im Nahen Osten kann es Iran und mittelbar dessen Verbündete mit Waffen, Technologie und Geheimdienstinformationen stärken, um die Fähigkeiten der USA zu überdehnen.
Das bedeutet nicht, dass Moskau jeden Angriff der Huthi steuert. Aber Russland hat ein offensichtliches Interesse daran, dass die Vereinigten Staaten vor einer Alternative stehen: entweder ihre Partner und die globalen Handelswege im Nahen Osten zu schützen oder ihre Unterstützung für die Ukraine aufrechtzuerhalten. Genau diese Überforderung ist Teil der russischen Strategie.
Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des soeben erschienenen Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.
