Medienkrise: Der Verlust der gemeinsamen Wirklichkeit

Screens, microphones, phones, and newspapers arranged around a dark central void

Donald Trump will den Presseraum im Weißen Haus zum Schwimmbad umbauen – eine Provokation mit System. Denn Amerikas Medien verlieren nicht nur ihre Unabhängigkeit, sondern auch das Vertrauen des Publikums. Wenn Fakten zur politischen Glaubensfrage werden, gerät die Demokratie selbst ins Wanken. Ein Warnsignal, das Europa ernst nehmen sollte. Ein Gastbeitrag des USA-Experten Josef Braml für The Pioneer.

Amerika versteht sich als Land der Meinungs- und Pressefreiheit. Das First Amendment gilt als unverrückbare Grundlage der Demokratie. Umso alarmierender ist ein aktueller Befund des Meinungsforschungsinstituts Gallup: Nur noch 69 Prozent der Amerikaner sind der Ansicht, dass die Medien in ihrem Land über große Freiheit verfügen. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2010. Im Jahr 2022 waren noch 86 Prozent dieser Auffassung.

Gleichzeitig vertrauen lediglich 33 Prozent der Bürger den Massenmedien zu, Nachrichten vollständig, korrekt und fair zu verbreiten. Zwar bedeutet das gegenüber dem historischen Tiefstand von 28 Prozent im Jahr 2025 eine leichte Erholung. Doch das Vertrauen bleibt weit von seinem Höchstwert von 72 Prozent im Jahr 1976 entfernt. Jeweils ein weiteres Drittel der Amerikaner erklärt, nur wenig beziehungsweise überhaupt kein Vertrauen in die Medien zu haben.

Diese Zahlen offenbaren ein tieferes Problem: Die Krise der amerikanischen Medien ist nicht nur eine Frage ihrer formalen Freiheit. Sie ist vor allem eine Krise des Vertrauens und damit des gemeinsamen demokratischen Verständigungsraums.

Gespaltenes Land, gespaltene Wirklichkeiten

In meinem aktuellen Buch Die narzisstische Nation beschreibe ich, wie sich die amerikanische Gesellschaft zunehmend entlang psychologischer Bruchlinien organisiert. Kränkungsgefühle, Statusverlustängste und Identitätskonflikte beeinflussen die politische Wahrnehmung mindestens ebenso stark wie materielle Interessen und überprüfbare Tatsachen. Die Medien sind nicht bloß Beobachter dieses Prozesses. Sie sind längst Teil davon geworden.

Ihre traditionelle Rolle bestand darin, einen gemeinsamen Informationsraum bereitzustellen. Bürger konnten aus denselben Fakten unterschiedliche politische Schlussfolgerungen ziehen. Heute zerfällt dieser öffentliche Raum zunehmend in voneinander abgeschottete Wahrheitsgemeinschaften.

Die Daten von Gallup zeigen, wie weit dieser Prozess bereits fortgeschritten ist. Während 91 Prozent der Republikaner sagen, die Medien verfügten über große Freiheit, teilen nur 68 Prozent der Unabhängigen und 57 Prozent der Demokraten diese Einschätzung. Noch 2024 hatte es bei dieser Frage keine aussagekräftige parteipolitische Kluft gegeben.

Beim Vertrauen zeigt sich ein anderes, aber ebenso polarisiertes Bild: 50 Prozent der Demokraten, 31 Prozent der Unabhängigen und nur 22 Prozent der Republikaner trauen den Massenmedien eine vollständige, korrekte und faire Berichterstattung zu. Der republikanische Wert hat sich zwar gegenüber dem Rekordtief von acht Prozent im Jahr 2025 deutlich erholt. Dennoch vertrauen Demokraten den Medien weiterhin mehr als doppelt so häufig wie Republikaner.

Die Befunde legen nahe, dass Medien von vielen Amerikanern nicht mehr als verlässliche Vermittler eines gemeinsamen Faktengerüsts wahrgenommen werden. In der polarisierten Auseinandersetzung erscheinen sie zunehmend selbst als Teil des politischen Konflikts.

Der Angriff auf unabhängige Vermittler

Diese Entwicklung ist nicht zufällig. Präsident Donald Trump hat früh verstanden, ein zentrales Element narzisstischer Politik zu nutzen: die Delegitimierung unabhängiger Vermittlungsinstanzen. Wer seine Anhänger dauerhaft an sich binden will, muss zunächst die Glaubwürdigkeit konkurrierender Informationsquellen beschädigen.

Der Vorwurf der „Fake News“ war deshalb nie bloß Ausdruck von Medienkritik. Er war ein strategisches Instrument, um eine eigene Wirklichkeit zu etablieren. Der narzisstische Politiker beansprucht eine unmittelbare Beziehung zu seinem Publikum. Journalisten, Gerichte, Wissenschaftler und andere Kontrollinstanzen stören diese Inszenierung, weil sie seine Aussagen prüfen, einordnen und gegebenenfalls widerlegen.

Inzwischen beschränkt sich dieser Konflikt nicht mehr auf rhetorische Angriffe. Am 18. September 2026 kündigte Donald Trump an, CNN, MS NOW und Politico den Zugang zum Weißen Haus zu entziehen. Am folgenden Tag wurden Journalisten dieser Medienorganisationen tatsächlich am Zutritt gehindert. Als Begründung führte der Präsident zunächst eine aus seiner Sicht falsche und negative Berichterstattung an. Das Argument, die Berichte gefährdeten die nationale Sicherheit, brachte die Regierung erst später vor.

Ein Bundesrichter ordnete zunächst die Wiederherstellung des Zugangs an und verlängerte diesen Schutz später durch eine einstweilige Verfügung. Richter Timothy Kelly stellte fest, dass die drei Medienorganisationen mit ihren Einwänden wegen mangelnden rechtlichen Gehörs, Vergeltung und Diskriminierung aufgrund ihrer redaktionellen Haltung voraussichtlich Erfolg haben würden. Nach seiner Einschätzung deuteten die Äußerungen des Präsidenten darauf hin, dass der Entzug der Presseausweise die Berichterstattung über ihn verändern sollte. Ein abschließendes Urteil in der Hauptsache steht allerdings noch aus.

In der Zwischenzeit wurden Berichte öffentlich, nach denen der US-Präsident erwägt, den gesamten Presseraum dichtzumachen und zum Schwimmbad umzufunktionieren. Trump selbst deutete das auf sozialen Netzwerken an. Ein Umbau, dem eine hohe symbolische Bedeutung zugerechnet wird.

Zwar bildet das First Amendment weiterhin eine starke verfassungsrechtliche Grundlage der amerikanischen Pressefreiheit. Doch formaler Verfassungsschutz bedeutet nicht automatisch, dass Journalisten ohne politischen oder regulatorischen Druck arbeiten können.

Die Deutungshoheit über den Irankrieg

Besonders brisant wird dieser Druck in Kriegszeiten. Nachdem amerikanische Medien über Schäden an US-Tankflugzeugen infolge eines iranischen Angriffs berichtet hatten, bezeichnete Donald Trump entsprechende Darstellungen als irreführend. Er warf den betreffenden Medien sogar vor, Amerika im Krieg schaden zu wollen.

Dabei blieb es nicht bei verbalen Attacken des Präsidenten. Brendan Carr, Vorsitzender der Federal Communications Commission (FCC), der US-Bundesbehörde zur Regulierung des Rundfunks, warnte terrestrische Rundfunkanbieter, die angebliche Falschmeldungen und Verzerrungen über den Irankrieg verbreiteten, sie hätten Gelegenheit, ihren Kurs vor der nächsten Verlängerung ihrer Sendelizenzen zu korrigieren. Ein unmittelbarer Lizenzentzug erfolgte zwar nicht. Doch bereits die Verknüpfung redaktioneller Berichterstattung mit staatlichen Lizenzentscheidungen kann eine erhebliche Einschüchterungswirkung entfalten.

Die Interventionen erwecken den Eindruck, dass die Administration nicht nur einzelne Berichte korrigieren, sondern eine unabhängige und realistische Bilanz ihres kurzsichtigen Irankrieges erschweren will. Wer über militärische Fehlschläge, materielle Verluste oder politische Fehleinschätzungen berichtet, muss damit rechnen, als unpatriotisch, staatsgefährdend oder illoyal diffamiert zu werden.

Das Committee to Protect Journalists wertete die Äußerungen der Administration als Einschüchterungsversuch und warnte vor einer abschreckenden Wirkung auf die freie Informationsvermittlung. Einschränkungen dessen, was Medien berichten dürfen und wie sie darüber berichten, gefährden nicht nur die Arbeit einzelner Journalisten – sie beschneiden das Recht der Öffentlichkeit, über Entscheidungen informiert zu werden, die in ihrem Namen getroffen werden.

Genau hierin liegt die eigentliche Gefahr. Die Regierung beansprucht zunehmend nicht nur politische Entscheidungsgewalt, sondern auch die Deutungshoheit über die Folgen ihrer Entscheidungen. Gerade im Krieg ist eine unabhängige Presse unverzichtbar. Ohne sie können Bürger weder überprüfen, ob militärische Ziele erreicht wurden, noch welche Kosten, Risiken und langfristigen Konsequenzen mit dem Einsatz verbunden sind.

Die Ökonomie der Empörung

Die Verantwortung für die amerikanische Medienkrise liegt jedoch nicht allein bei Donald Trump oder seiner Administration. Die ökonomische Transformation des Medienmarktes verschärft die Entwicklung.

Wo Aufmerksamkeit zur entscheidenden Währung wird, besitzen Empörung, Polarisierung und Zuspitzung einen erheblichen Wettbewerbsvorteil. Digitale Plattformen, soziale Netzwerke und ein rund um die Uhr arbeitender Nachrichtenbetrieb erzeugen einen permanenten Kampf um Reichweite. Differenzierung ist kompliziert, Entrüstung dagegen leicht vermittelbar.

Dadurch entsteht ein Mediensystem, das psychologische Bedürfnisse immer stärker bedient. Viele Menschen konsumieren Informationen nicht mehr in erster Linie, um die Welt besser zu verstehen. Sie suchen Bestätigung ihrer Identität und ihrer Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft. Nachrichten werden zum Instrument der Selbstvergewisserung.

Genau darin zeigt sich die narzisstische Dynamik unserer Zeit. Wer sich wirtschaftlich bedroht, kulturell entwertet oder gesellschaftlich zurückgesetzt fühlt, reagiert besonders empfindlich auf Informationen, die das eigene Weltbild infrage stellen.

Medienunternehmen reagieren ihrerseits auf diese Nachfrage. Sie bieten ihren jeweiligen Zielgruppen nicht nur Informationen, sondern auch emotionale Zugehörigkeit. Das Publikum erhält die Bestätigung, auf der richtigen Seite zu stehen, während Andersdenkende als ignorant, manipuliert oder moralisch verwerflich erscheinen.

Ein demokratischer Teufelskreis

Sinkendes Vertrauen fördert die Abwanderung in ideologisch homogene Informationswelten. Diese verstärken wiederum das Misstrauen gegenüber konkurrierenden Quellen. Je weiter sich die Informationsräume voneinander entfernen, desto schwieriger wird gesellschaftliche Verständigung.

Besonders alarmierend ist das geringe institutionelle Ansehen der Medien. In der Gallup-Erhebung äußern nur 17 Prozent der Amerikaner großes oder ziemlich großes Vertrauen in Zeitungen. Damit rangieren die klassischen Nachrichtenmedien in der Nähe des unteren Endes der amerikanischen Vertrauensskala.

Für eine Demokratie ist das weit mehr als ein Branchenproblem. Es berührt die Funktionsfähigkeit der politischen Ordnung selbst.

Demokratische Systeme leben davon, dass politische Gegenspieler die Legitimität demokratischer Verfahren anerkennen und sich zumindest auf einen Kern überprüfbarer Tatsachen verständigen können. Wenn dieser Konsens verloren geht, verwandelt sich politische Konkurrenz in einen Kampf gegeneinander abgeschotteter Wirklichkeiten.

Dann geht es nicht mehr um die Frage, wie ein gemeinsam erkanntes Problem gelöst werden soll. Umstritten ist bereits, ob das Problem überhaupt existiert. Wahlen, Gerichtsurteile, Wirtschaftsdaten und militärische Entwicklungen werden nur noch dann anerkannt, wenn sie das eigene politische Lager bestätigen.

Die Warnung an Europa

Europa sollte diese Entwicklung aufmerksam beobachten. Die Vereinigten Staaten zeigen, was geschieht, wenn ein fragmentierter Medienmarkt, parteipolitische Polarisierung und staatlicher Druck auf unabhängige Berichterstattung zusammentreffen.

Die eigentliche Lehre der amerikanischen Medienkrise lautet nicht, dass die Pressefreiheit bereits abgeschafft wäre. Gefährdet ist vielmehr die Fähigkeit einer Gesellschaft, Wahrheit, Vertrauen und demokratische Legitimität gemeinsam zu organisieren.

Die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie wirken diesseits des Atlantiks nicht weniger stark. Auch hier geraten traditionelle Medien unter finanziellen Druck, während politische Akteure versuchen, Journalisten als Gegner, Aktivisten oder Vertreter einer abgehobenen Elite darzustellen.

Die amerikanische Medienkrise ist ein Frühwarnsignal für die Zukunft westlicher Demokratien. Nicht der Mangel an Informationen bedroht sie. Gefährlich wird der Verlust einer gemeinsamen Wirklichkeit.

Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des soeben erschienenen Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.