9/11 verletzte Amerikas Selbstbild. Die überzogene Reaktion schwächt die USA und den Westen bis heute. Europa muss eigenständiger werden. Eine Analyse des USA-Experten Josef Braml für Focus Online.
Die Anschläge vom 11. September verletzten Amerikas Selbstbild – und lösten eine Überreaktion aus, deren Folgen den Westen bis heute schwächen.
Statt grenzenloser Machtdemonstration brauchen die USA strategische Selbstbegrenzung und Europa endlich mehr Eigenständigkeit.
Die Anschläge vom 11. September trafen nicht nur Menschen und Gebäude, sondern Amerikas Selbstbild. Aus dem Trauma erwuchs ein grenzenloser „Krieg gegen den Terror“, der den USA enorme Kosten aufbürdete, ihre Demokratie beschädigte und Europas strategische Abhängigkeit offenlegte. Die wichtigste Lehre: Reife Macht kennt ihre Grenzen.
Der Angriff auf Amerikas Selbstbild
Viele Menschen erinnern sich noch genau daran, wo sie waren, als am 11. September 2001 die Flugzeuge in das World Trade Center und das Pentagon einschlugen und ein weiteres nach dem Widerstand seiner Passagiere in Pennsylvania abstürzte. Fast 3.000 Menschen starben. Doch 9/11 wurde nicht allein wegen dieser unmittelbaren Opferzahl zu einem welthistorischen Ereignis. Der Anschlag erschütterte die Selbstwahrnehmung der damals einzig verbliebenen Supermacht – und löste eine politische Reaktionskette aus, deren Folgen uns bis heute beschäftigen.
Die USA befanden sich 2001 auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Die Sowjetunion war zerfallen, die amerikanische Wirtschaft dominierte, das liberale Gesellschaftsmodell schien weltweit auf dem Vormarsch. Amerika verstand sich nicht nur als stärkste, sondern als unverzichtbare Nation. Dann genügten 19 Terroristen mit Messern und Teppichschneidern, um die Symbole amerikanischer Finanz-, Militär- und Staatsmacht anzugreifen.
Die Demütigung traf den empfindlichsten Punkt der amerikanischen Psyche: den Glauben an die eigene Unverwundbarkeit. Mit politischem Narzissmus ist dabei keine klinische Diagnose einer Bevölkerung gemeint. Gemeint ist ein instabiles kollektives Selbstwertgefühl, das Größe und Unfehlbarkeit demonstrieren muss, weil es Statusverlust und Kontrollverlust fürchtet.
Aus Ohnmacht wurde Überreaktion
Die USA hatten jedes Recht, Al-Qaida zu verfolgen, ihre Strukturen zu zerschlagen und weitere Anschläge zu verhindern. Der Fehler lag nicht in der entschlossenen Antwort, sondern in ihrer strategischen Entgrenzung. Washington behandelte 9/11 nicht vor allem als ein beispielloses Verbrechen, das mit Geheimdiensten, Polizei, Justiz, Diplomatie und begrenzter militärischer Gewalt zu bekämpfen war. Es erklärte einen globalen „Krieg gegen den Terror“.
Doch Terrorismus ist keine Armee, sondern eine Methode politischer Gewalt. Gegen eine Methode lässt sich kein Krieg mit eindeutigem Gegner, Schlachtfeld oder Endpunkt führen. So entstand ein potenziell permanenter Ausnahmezustand.
Afghanistan war als Rückzugsraum Al-Qaidas unmittelbar mit den Anschlägen verbunden. Der Irak war es nicht. Trotzdem nutzte die Regierung von George W. Bush das Klima der Angst, um eine nicht vorhandene Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen zu dramatisieren. Aus Terrorbekämpfung wurde der Anspruch, ganze Regionen militärisch neu zu ordnen.
Darin zeigte sich ein typischer Reflex gekränkter Macht: Nach einer Erfahrung der Ohnmacht sollte demonstrative Stärke die Kontrolle zurückbringen. Die USA konnten Regime rasch stürzen. Sie konnten aber keine tragfähigen politischen Ordnungen erzwingen. Aus schnellen Siegen wurden langjährige Besatzungen, aus Demokratieexport Instabilität und aus militärischer Überlegenheit strategische Überdehnung.
Der Preis war höher als jede Kriegsrechnung
Die Bilanz ist verheerend. Nach Berechnungen des Costs-of-War-Projekts der Brown University starben infolge unmittelbarer Kriegsgewalt in den US-geführten Konflikten nach den Anschlägen vom 11. September 2001 schätzungsweise 905.000 bis 940.000 Menschen. Berücksichtigt man auch indirekte Kriegsfolgen wie Hunger, Krankheiten sowie den Zusammenbruch von Gesundheits- und Versorgungssystemen, könnte die Gesamtzahl der Todesopfer bei mindestens 4,5 bis 4,7 Millionen liegen. Die Vereinigten Staaten gaben für diese Kriege bis 2021 mehr als acht Billionen US-Dollar aus oder verpflichteten sich zu entsprechenden Ausgaben.
Diese Schuldenkriege hatten enorme Opportunitätskosten. Während Amerika im Ausland Staaten aufbauen wollte, verfielen zu Hause Brücken, Schulen und öffentliche Einrichtungen. Während Washington andere Gesellschaften demokratisieren wollte, wuchsen im eigenen Land Ungleichheit, regionale Spaltung und Misstrauen.
Der Anti-Terror-Krieg beschädigte Amerikas moralische Autorität
Noch schwerer wog der Verlust moralischer Autorität. Guantánamo, Abu Ghraib, Geheimgefängnisse, Waterboarding und außerordentliche Überstellungen beschädigten das Bild der USA als rechtsstaatliche Führungsmacht. Al-Qaida konnte die amerikanische Demokratie nicht militärisch besiegen. Doch Amerikas Reaktion untergrub das liberale Selbstverständnis, das seine Macht attraktiver gemacht hatte.
Auch im Inneren normalisierte sich der Ausnahmezustand. Überwachung wurde ausgeweitet, die Exekutive gestärkt, rechtliche Grenzen verschoben. Was als Notmaßnahme begann, wurde institutioneller Alltag. Die Sprache des Krieges wanderte schließlich in die Innenpolitik: Gegner galten nicht mehr als legitime Konkurrenten, sondern als existenzielle Feinde.
Von „Freedom Agenda“ zu „America First“
Auf den ersten Blick ist Donald Trumps „America First“ das Gegenteil des Interventionismus von George W. Bush. Bush wollte die Welt nach Amerikas Bild verändern; Trump will Amerika vor einer angeblich feindlichen Welt schützen. Psychologisch liegen beide Reaktionen jedoch näher beieinander, als es scheint.
Die eine Erzählung lautet: Wir müssen unsere Überlegenheit beweisen, indem wir die Welt beherrschen. Die andere: Wir müssen unsere Größe wiederherstellen, weil die Welt uns ausnutzt. Beide setzen Amerika ins Zentrum, verlangen sichtbare Stärke und tun sich schwer damit, Grenzen der eigenen Macht anzuerkennen.
Die Folgen von 9/11 reichen bis in die US-Innenpolitik
Die gescheiterten Kriege verstärkten das Misstrauen vieler Amerikaner gegenüber Regierung, Geheimdiensten, Medien, Wissenschaft und außenpolitischen Eliten. Versprochen worden waren schnelle Siege und demokratische Transformation; zurück blieben nicht gefundene Massenvernichtungswaffen, Instabilität und enorme Rechnungen. Aus der Mobilisierung nach außen wurde eine Radikalisierung nach innen.
9/11 hat Donald Trump nicht zwangsläufig hervorgebracht. Doch der Anschlag beschleunigte Entwicklungen, die autoritäre Politik begünstigen: die Ausweitung exekutiver Macht, die Politik der Angst, Freund-Feind-Denken, die Geringschätzung rechtlicher Grenzen und die Vorstellung, nur maximale Stärke könne Sicherheit schaffen.
Europa muss erwachsen werden
Für Europa ist diese Geschichte mehr als eine amerikanische Angelegenheit. Der Irakkrieg spaltete die Europäer und offenbarte ein bis heute ungelöstes Dilemma: Europas Sicherheit hängt von den USA ab, auf zentrale Entscheidungen Washingtons hat es aber nur begrenzten Einfluss.
Die Antwort kann weder antiamerikanische Abkehr noch bequeme Gefolgschaft sein. Europa muss handlungsfähiger werden: militärisch durch gemeinsame Beschaffung, interoperable Streitkräfte und einen stärkeren europäischen Pfeiler in der Nato; wirtschaftlich durch mehr Resilienz bei Energie, Technologie und kritischer Infrastruktur; politisch durch den Schutz von Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Öffentlichkeit.
Sicherheit darf dabei nicht mit kultureller Ausgrenzung verwechselt werden. Wer Terrorismus pauschal mit Migration oder Religion gleichsetzt, vertieft Polarisierung und spielt Extremisten in die Hände. Eine offene Gesellschaft muss wehrhaft sein, ohne ihre Offenheit preiszugeben.
Die eigentliche Lehre von 9/11
Die Anschläge verlangten eine entschlossene Reaktion. Sie verlangten aber keine grenzenlose. Die größte strategische Leistung besteht nicht darin, jede Provokation mit maximaler Gewalt zu beantworten. Sie besteht darin, notwendige Verteidigung von selbstschädigender Überreaktion zu unterscheiden.
Narzisstische Macht kann Kränkungen nicht verarbeiten. Sie muss sie rächen, verdrängen oder durch neue Stärkeinszenierungen überdecken. Reife Macht dagegen kennt ihre Grenzen, kontrolliert ihre Impulse und unterscheidet zwischen dem, was sie tun kann, und dem, was sie tun sollte.
Für Amerika geht es deshalb um den Weg von demonstrativer zu reflektierter Macht. Für Europa geht es darum, aus strategischer Abhängigkeit herauszutreten, ohne die transatlantische Partnerschaft aufzugeben. Und für alle westlichen Demokratien bleibt die wichtigste Lehre: Ihre Stärke zeigt sich nicht darin, dass sie keine Angst kennen – sondern darin, dass sie sich von der Angst nicht beherrschen lassen.
Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des soeben erschienenen Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.
