Trump regiert nach dem Prinzip Kränkung, Dominanz und Vergeltung. Hinter Trumps Lärm steckt ein brutales Machtkalkül: Wer ihn verstehen will, muss seinen Narzissmus verstehen. Im Vorfeld seiner Keynote beim HORIZONT Kongress erklärt der USA-Experte Josef Braml im Interview, warum Europas größte Gefahr nicht nur in Washington, sondern in der eigenen Schwäche liegt.
Herr Braml, Tag für Tag gibt es eine Flut von Meldungen zur US-Außenpolitik, die sich dann schnell als falsch oder überholt erweisen. Man hat auch den Eindruck, dass sich Donald Trump am Spiel mit der Desinformation beteiligt. Wie schaffen Sie es, sich ein verlässliches Bild der Lage zu machen?
Ich versuche, Entwicklungen frühzeitig einzuschätzen und nicht erst dann, wenn sie passieren. Ich arbeite seit einigen Jahren mit Mathew Burrows zusammen, der früher bei US-Nachrichtendiensten für die strategische Vorausschau verantwortlich war. Wir haben zwar keine geheimdienstlichen Informationen, aber wir wissen, worum es geht, welche Strukturen zählen. Deshalb konnten wir auch früh die Wiederwahl Trumps prognostizieren. Und auch beim Iran-Krieg haben wir nur die Frage nach dem Wann, nicht nach dem Ob gestellt. Was die Informationsflut angeht: Trump versucht permanent, die Medien zu überfordern, indem er sie mit Unsinn flutet. Das hat ihm sein ehemaliger Berater Steve Bannon beigebracht. Aber es ist wie im Fußball: Man darf sich nicht von den Körpertäuschungen des Gegners ablenken lassen, sondern muss schauen, wo der Ball liegt.
Sie sehen also eine konsistente Strategie hinter Trumps Handeln, kein erratisches Vorgehen?
Ja. Die Strategie folgt zwei Linien. Die eine ist er selber. Man muss seinen Narzissmus verstehen. Ich stelle gerade ein Buch mit dem Titel „Die narzisstische Nation“ fertig. Da geht es um die Wurzeln seiner psychologischen Ausrichtung in Kindheit und Jugend. Trump hat, wie viele Narzissten, ein schwaches Selbstwertgefühl. Um sich selbst zu erhöhen, muss er andere herabwürdigen. Ich glaube, dass es bei ihm immer noch darum geht, seinem Vater zu beweisen, dass er der richtige Nachfolger für das harte Immobiliengeschäft war und nicht sein älterer Bruder Freddy, der Alkoholiker war und schon mit 42 Jahren verstorben ist.
Und die zweite Linie?
Das ist die nationale Ebene. Bisher hatten wir die Dominanz der USA, die unipolare Ordnung nach dem Untergang der Sowjetunion. Jetzt kommen andere Mächte wie Russland in regionaler Hinsicht und vor allem auch China hinzu. Nun herrscht eine multipolare Weltordnung. Und sie ist auch von Psychologie getrieben. Die Russen handeln aus der Motivation heraus, dass sie sich lange nicht ernst genommen fühlten. Auch die Chinesen wollen das Jahrhundert der Demütigungen wettmachen. Es kratzt am Narzissmus Trumps und den gesamten USA, dass sie Nummer 2 werden könnten. Daher wird Amerika alles in seiner Macht Stehende tun, um seine Position zu verteidigen. Trump ist davon überzeugt, dass er dazu keine Freunde braucht. Aus seiner Sicht gibt es nur Rivalen, nicht nur China, sondern mittlerweile auch Europa. Deshalb hat er ein Interesse daran, Europa zu spalten und damit zu schwächen. Und es gibt in der EU viele antieuropäische Parteien, die ihm als trojanische Esel dabei helfen.
Wird die neue Weltordnung noch auf irgendwelchen Regeln basieren? Oder herrscht jetzt nur noch das Recht des Stärkeren?
Trump hält sich im eigenen Land nicht mehr an Regeln, warum sollte er es außerhalb tun? Auch Trumps Vorgänger haben sich schon weniger auf eine „Rule of law“, sondern auf das Recht des militärisch Stärkeren gestützt. Wer das nicht glaubt, soll sich die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA ansehen. Sie benennt klare geopolitische Einflussbereiche. Deswegen auch die – zunächst verbalen – Angriffe auf Grönland, ein souveränes Gebiet eines europäischen NATO-Partners. Und die Chinesen schmeißt man nicht nur aus Panama, sondern auch aus Venezuela heraus. Man gesteht aber China und Russland, den beiden anderen Großmächten, ihre jeweiligen Einflussbereiche zu.
Was bedeutet das für Europa?
Wir können entweder tributpflichtige Vasallen werden, die keinen Schutz mehr erhalten, oder wir überwinden endlich unsere nationalistischen Eitelkeiten und werden ein eigener starker Pol in der multipolaren Weltordnung.
Sollte sich Europa auch von der regelbasierten Außenpolitik verabschieden? Es gibt ja aktuell eine große Debatte über die Zukunft des Völkerrechts.
Diese Frage stellt sich gar nicht, weil wir militärisch blank dastehen. Ich habe schon vor vielen Jahren gefordert, dass Deutschland im Tandem mit Frankreich eine nukleare Abschreckung aufbaut. Das wird jetzt besprochen, zwei Kanzlerschaften später. Friedrich Merz macht aus meiner Sicht außenpolitisch eine sehr gute Figur. Er versucht jetzt nachzuholen, was die Regierungen zuvor versäumt haben. Das würde auch für den Fall wichtig bleiben, dass es einen politischen Wechsel in den USA gibt, denn die Musik spielt für die USA jetzt in Asien. Da findet die künftige Wertschöpfung statt, da ist das Bevölkerungswachstum, da gilt es, den Herausforderer China in die Schranken zu weisen. Deshalb werden auch künftige amerikanische Regierungen wenig daran interessiert sein, das Museum Europa zu verteidigen.
Womit kann Europa überhaupt Selbstbewusstsein zeigen? Wie kann es Trump unter Druck setzen, wenn es um Themen wie den NATO-Beistand geht? Wie lassen sich faire Deals erreichen?
Faire Deals sind grundsätzlich schwierig, weil sie Trumps narzisstischer Natur widersprechen. Für Trump ist ein Deal ein Dominanzbeweis, also eine Möglichkeit, seine Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden. Für ihn ist ein Deal nur dann ein guter Deal, wenn der andere benommen und gedemütigt davon geht. Sollte das nicht eintreffen, wird er den Deal später einfach infrage stellen. Und nicht nur dann: Er wird ihn auch infrage stellen, weil er dieses Erhöhungsgefühl immer wieder braucht. Es gibt zwei Möglichkeiten, einem Narzissten wie ihm gegenüberzutreten: Kampf oder Flucht. In die richtige Richtung wies die Rede, die Kanadas Premierminister Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos gehalten hat. Er rief alle Länder dazu auf, die Welt endlich so zu nehmen, wie sie ist, und sich nicht klein zu machen. Das erinnert mich an Immanuel Kant, der gesagt hat: „Wer sich zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, dass er mit Füßen getreten wird.“ Ich glaube, in Davos haben wir den aufrechten Gang wieder entdeckt.
Welche Trümpfe kann Europa denn gegen die USA ausspielen?
Europa ist wirtschaftlich immer noch ein wichtiger Faktor. Wir können mit Zöllen und Einfuhrbeschränkungen drohen, wir können die großen Tech-Konzerne besteuern und vieles mehr. Wir müssen auch nicht unbedingt Amerikas Wirtschaften auf Pump unterstützten. Die USA haben bekanntlich sehr hohe Schulden, die vom Ausland finanziert werden. Wenn wir militärisch ohnehin keinen Schutz mehr bekommen, können wir diese Trümpfe in anderen Auseinandersetzungen ausspielen. Wir riskieren ja nicht mehr viel.
Wie stark sind Ihre Szenarien für die US-Politik an die Person Donald Trump gebunden? Würden sich die Aussichten mit einem Präsidenten J.D. Vance oder auch Marco Rubio verändern?
Es ist ein gewisser Vorteil, dass Trump keine Ideologie und kein Wertesystem hat. Man kann ihn kaufen, wie es zum Beispiel die Saudis demonstrieren. Gefährlich wird es, wenn jemand mit Ideologie kommt, wie eben J.D. Vance. Er hat Prinzipien, die noch stärker gegen uns gerichtet sind als die Aversionen Trumps. Im Hintergrund sind die mächtigen Tech-Milliardäre. Dann droht ein weiterer Abbau demokratischer Strukturen und eine Plutokratie, die zurzeit noch von der MAGA-Bewegung gebremst wird. Trump tut zumindest noch im Ansatz so, als ob er sich für die einfacheren Leute einsetzen würde. Vance und seine Hintermänner denken ja eher an die Renaissance, wo eine kleine Elite Großartiges leisten muss, zum Mars fliegen kann und die Zivilisation ganz ohne Staat beherrscht. Das ist aber zunächst Zukunftsmusik.
Nun kommen erstmal die Midterm-Wahlen, bei denen Trump die Rechnung für den Iran-Krieg bekommen könnte.
Ja. Und es gibt viele weitere Faktoren, die Amerikas Wirtschaft schwer herausfordern. Sie ist auf sehr dünnes Eis gerutscht. Damit könnte auch der Zauber seiner möglichen Nachfolger vorbei sein, ein Sieg der Demokraten ist denkbar.
Kann man denn in den USA noch von lupenrein demokratischen Meinungsbildungsprozessen sprechen? Trump hat weite Teile der Öffentlichkeit auf seine Linie gebracht.
Allerdings. Die Medien haben seinen Aufstieg begünstigt, weil sie immer nur auf Reichweite und Klicks aus waren. Da war Trump nützlich, und er hat sie geschickt ausgenutzt. Nun haben viele Medienhäuser regelrecht Angst vor Repressionen. Aber nicht nur sie, sondern auch Anwaltskanzleien, die sich nicht mehr trauen, die Opposition zu vertreten, oder Eliteuniversitäten. Auch die Wirtschaftsbosse ordnen sich unter. Wir haben ja gesehen, wer alles bei Trumps Amtsantritt Spalier gestanden hat. Es ist eine Struktur entstanden, mit der er sich an seinen früheren Widersachern rächt. Dazu setzt er gezielt die Justiz und die Steuerbehörden ein. Ich mache mir um diese Demokratie daher sehr große Sorgen.
Wie gut sind denn die Demokraten aktuell aufgestellt? Können sie Trumps Schwachpunkte nutzen?
Sie sind aufgestellt wie ein Hühnerhaufen. Und ich sage das als ehemaliger Mitarbeiter eines demokratischen Abgeordneten. Die Demokraten machen den Feher, Trump nicht dort zu stellen, wo er verwundbar ist. Sie haben immer noch nicht kapiert, warum Kamala Harris die Wahl verloren hat. Das wichtigste Thema ist die Wirtschaft, und sie arbeiten sich an Lifestyle-Themen ab, die die Amerikaner nicht interessieren. Ich sehe auch niemanden, der wirklich das Wort führen könnte.
Der Iran-Krieg wird von der amerikanischen Bevölkerung stark abgelehnt. Kann das China ermuntern, jetzt nach Taiwan zu greifen? Trump könnte vor einer weiteren Auseinandersetzung zurückschrecken.
Die Chinesen verfolgen die Entwicklung natürlich sehr genau. Der Ukrainekrieg hat ihnen noch mal eine Verschnaufpause verschafft, weil sich die Augen der Amerikaner schon unter Obama auf Taiwan gerichtet hatten. Bei der Taiwanfrage geht es um die Weltmachtrolle der USA. Sollten die Amerikaner Taiwan verlieren, würden sie ihre Weltmachtrolle preisgeben. Dann hätte China in seiner eigenen Umgebung Dominanz, und dann könnte auch Japan nicht mehr geschützt werden. Daher würden sie hier wohl eingreifen. Die Chinesen werden daher abwarten. Sie haben ja auch Zeit und können den USA erstmal dabei zusehen, wie sie sich selbst zerlegen.
Zum Abschluss noch eine schwierige Frage: Wie wird der Ukrainekrieg enden?
Ich glaube, die Europäer sind gut beraten, nicht Trump für sich verhandeln zu lassen. Wir sollten nicht dabei zuzuschauen, wie Putin und Trump sich nicht nur die Pfründe in der Ukraine aufteilen für den sogenannten Frieden, sondern auch Europa. Aber wir sitzen zurzeit nicht mal am Katzentisch. Daher müssen wir aufpassen, dass wir statt an nicht auf den Verhandlungstisch kommen. Wir müssen Putin mit Stärke, aber eben auch mit Verhandlungsbereitschaft entgegentreten. Ohne diese Stärke wird er uns als Verhandlungspartner nicht ernst nehmen. Ich glaube, dass die Ukraine mehr oder weniger perspektivisch in die EU gehört und damit auch die Kampfkraft der Ukraine. Sie hat bewiesen, dass sie sich mit Herz und Verstand verteidigen kann. Wenn die Ukraine mittlerweile den arabischen Staaten hilft, sich vor iranischen oder russischen Drohnen zu schützen, dann hat sich was gedreht.
Der HORIZONT Kongress findet am 2. und 3. Juni 2026 im Radialsystem in Berlin statt. Einer der Höhepunkte ist die Verleihung des HORIZONT Award an die Männer und Frauen des Jahres. Alle Informationen gibt es auf der Website des HORIZONT Kongresses.
Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.
In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.