Frist abgelaufen: Im Iran-Krieg steigt US-Druck auf Trump

Man speaking at podium with US seal in front of screen displaying 'Iran Conflict Washington Power Struggle'

Der Iran-Krieg sollte schnell gewonnen sein – doch jetzt wird er für US-Präsident Trump zum Risiko. In Washington droht ein Machtkampf, während sich die wirtschaftliche Lage weltweit zuspitzt. Eine Analyse von Josef Braml für Focus Online.

Donald Trump setzt im Konflikt mit Iran weiter auf Eskalation. Militärisch durch eine Seeblockade, wirtschaftlich durch massiven Druck, politisch durch demonstrative Härte. Doch ausgerechnet jetzt gerät der Präsident unter Zeitdruck. Der Druck kommt nicht aus Teheran, sondern aus Washington.

Nach der „War Powers Resolution“ darf ein US-Präsident ohne Zustimmung des Kongresses nur 60 Tage lang Krieg führen. Diese Frist ist erreicht – mitten in einem Konflikt, der längst aus dem Zeitplan gefallen ist. Ursprünglich hatte Trump den Krieg auf „vier bis fünf Wochen“ begrenzen wollen. Inzwischen dauert er fast doppelt so lange.

Damit steht der Präsident vor einer strategischen und verfassungsrechtlichen Bewährungsprobe: Holt er sich die Zustimmung des Kongresses – oder setzt er den Krieg gegen innenpolitischen Widerstand fort?

Krieg ohne Mandat – und ohne klaren Endpunkt

Offiziell erklärt die US-Regierung, die Feindseligkeiten seien beendet. Trump spricht davon, der Krieg habe „terminiert“. Doch tatsächlich bleibt die militärische Realität unverändert: Die USA halten ihre Blockade iranischer Häfen aufrecht, während Iran die Straße von Hormus kontrolliert und den globalen Ölverkehr massiv einschränkt.

Die strategische Bedeutung dieser Meerenge ist kaum zu überschätzen: Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls passiert hier täglich. Die Folgen sind bereits sichtbar. Der Ölpreis sprang zeitweise auf mehr als 125 Dollar pro Barrel – ein Vierjahreshoch.

Damit wird aus einem regionalen Konflikt ein globales Risiko: steigende Energiepreise, wachsender Inflationsdruck, zunehmende wirtschaftliche Unsicherheit – nicht zuletzt auch in den USA. Und vor allem: eine offene strategische Frage. Wer hält länger durch – die amerikanische Wirtschaft und Politik oder das sanktionierte, aber resiliente Regime in Teheran?

Der juristische Konflikt: Präsident gegen Kongress

Der innenpolitische Druck auf Trump wächst vor allem aus juristischen Gründen. Die „War Powers Resolution“ von 1973 verpflichtet den Präsidenten, nach 60 Tagen entweder den Rückzug einzuleiten oder die Zustimmung des Kongresses einzuholen. Abgeordnete beider Parteien drängen darauf, dass Trump eine formelle Zustimmung des Kongresses für die Kriegserklärung einholt.

Doch genau das will die Trump-Regierung offenbar vermeiden. Trump dürfte versuchen, juristische Schlupflöcher zu nutzen. Das Gesetz sieht eine einmalige Frist von 30 Tagen vor, um die Streitkräfte aus Kampfhandlungen zurückzuziehen – vorausgesetzt, die offensiven Operationen werden eingestellt.

Verteidigungsminister Pete Hegseth argumentiert, ein Waffenstillstand mit Iran habe die Frist schlicht „angehalten“. Eine Interpretation, die von Verfassungsrechtlern und zahlreichen Abgeordneten vehement zurückgewiesen wird: Der Gesetzestext sehe keinen solchen Mechanismus vor.

Hinzu kommt ein offensichtlicher Widerspruch: Die USA führen keine groß angelegten Luftschläge mehr – aber sie blockieren weiterhin aktiv iranische Exporte. Kritiker werten genau das als fortgesetzte „Feindseligkeiten“. Der Konflikt wird damit zu einem Präzedenzfall: Kann ein Präsident einen Krieg juristisch beenden, während er ihn faktisch fortführt?

Wachsende Kosten – und bröckelnder Rückhalt

Parallel wächst der politische Druck aus einem zweiten Grund: den Kosten. Das Pentagon beziffert den Konflikt derzeit auf rund 25 Milliarden Dollar – allein nach zwei Monaten. Interne Schätzungen gehen teilweise deutlich darüber hinaus.

Das macht den Iran-Krieg zunehmend zu einem innenpolitischen Risiko. Denn gleichzeitig steigen die Energiepreise weltweit – und damit auch die Belastung für amerikanische Verbraucher.

Laut einer aktuellen Post-ABC News-Ipsos-Umfrage beurteilt eine deutliche Mehrheit der US-Bevölkerung den Militäreinsatz gegen Iran als Fehler: 61 Prozent sprechen sich dagegen aus, während lediglich eine Minderheit die Intervention als Erfolg bewertet. Die Ablehnung erreicht ein Niveau, das historisch mit der Kritik am Irakkrieg im Jahr 2006 sowie dem Vietnamkrieg in den frühen 1970er-Jahren vergleichbar ist.

Besonders die wirtschaftlichen Auswirkungen prägen das Meinungsbild: Viele Amerikaner befürchten eine bevorstehende Rezession und berichten von spürbaren Anpassungen ihres Alltags – darunter selteneres Autofahren, reduzierte Ausgaben und die Änderung von Reiseplänen infolge der gestiegenen Benzinpreise.

Kein Wunder also, dass sich im Kongress erste Risse zeigen. Zwar haben Republikaner bisher mehrere Versuche blockiert, den Einsatz zu beenden. Doch einzelne Abgeordnete signalisieren zunehmend Skepsis gegenüber einem unbegrenzten Engagement ohne klare Strategie. Die entscheidende Frage lautet damit: Wie lange bleibt Trumps politische Koalition stabil, wenn der Krieg teurer und unübersichtlicher wird?

Die Blockade als Druckmittel – und als Risiko

Strategisch setzt Trump konsequent auf wirtschaftlichen Druck. Die US‑Marine blockiert iranische Häfen, um Teheran zur Aufgabe zu zwingen. Gleichzeitig versucht Washington, eine internationale Koalition zur Sicherung der Schifffahrt aufzubauen. Laut einem von der Nachrichtenagentur Reuters eingesehenen Telegramm des US-Außenministeriums wirbt die Regierung weltweit für eine Allianz zur „Wiederherstellung der Navigationsfreiheit“ in der Straße von Hormus.

Doch diese Strategie birgt ein Dilemma: Je länger die Blockade dauert, desto stärker steigen die globalen Kosten. Und je höher diese Kosten werden, desto größer wächst der Druck auf die USA – nicht nur auf Iran.

Zugleich nutzt Teheran die Situation selbst als Hebel. Die faktische Schließung der Meerenge bleibt eines der effektivsten geopolitischen Druckmittel des Landes. Das Ergebnis ist eine klassische Eskalationsspirale: Beide Seiten erhöhen den Druck – ohne dass sich ein klarer Weg zur Deeskalation abzeichnet.

Zeit als strategischer Faktor

Ein entscheidender Faktor wird in der politischen Debatte oft unterschätzt: Zeit. Trump hatte darauf gesetzt, Iran schnell in die Defensive zu zwingen. Doch Experten gehen davon aus, dass die ökonomischen Effekte der Blockade erst verzögert wirken. Iran verfügt über Lagerkapazitäten und Anpassungsmechanismen, die kurzfristige Ausfälle abfedern können.

Gleichzeitig wächst Irans strategisches Druckpotenzial im nuklearen Bereich. Das Land hat in den vergangenen Jahren große Mengen angereicherten Urans aufgebaut – teilweise bis zu 60 Prozent Reinheit und damit nahe am waffenfähigen Niveau. Das verändert die Ausgangslage fundamental: Mit jeder Woche ohne Einigung steigt der Preis für eine diplomatische Lösung – und das Risiko einer weiteren Eskalation.

Eine Entscheidungsschlacht – nicht nur im Nahen Osten

Der Iran-Konflikt entwickelt sich für Donald Trump zunehmend zu einer doppelten Herausforderung: außenpolitisch als strategische Sackgasse und innenpolitisch als Macht- und Rechtskonflikt. Die ursprüngliche Logik – maximaler Druck führt schnell zur Kapitulation – geht bislang nicht auf. Stattdessen verlängert sich der Konflikt. Kosten, Risiken und politische Spannungen steigen.

Am Ende entscheidet sich dieser Konflikt nicht nur im Persischen Golf. Sondern in Washington – im Verhältnis zwischen Präsident und Parlament, zwischen militärischer Macht und rechtlicher Kontrolle. Oder zugespitzt: Nicht nur Iran steht unter Druck. Sondern auch der Präsident.

Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.

Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.

In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.