Die Wette auf Rechenzentren

Waage mit traditioneller Infrastruktur links und digitaler Energiestadt rechts

Milliarden fließen in Stromnetze, Glasfaser und Rechenzentren. Warum der wachsende Bedarf an Infrastruktur Anlegern noch keine Rendite garantiert, erläutert der USA- und Geo-Ökonomie-Experte Josef Braml für Finanzen100.

Infrastruktur gilt plötzlich als neue Wunderwaffe der Kapitalmärkte. Institutionelle Anleger strömen in Rechenzentren, Stromnetze, Batteriespeicher und Glasfaserverbindungen. Die Begründung klingt bestechend: Künstliche Intelligenz (KI), Energiewende und Digitalisierung erzeugen einen angeblich unstillbaren Bedarf an neuer Infrastruktur. Was Wachstum, Inflationsschutz und Krisenresistenz zugleich verspricht, muss schließlich eine sichere Wette sein.

Genau diese Gewissheit sollte Anleger misstrauisch machen. Denn die Argumentation ähnelt zunehmend jener Euphorie, die derzeit rund um Künstliche Intelligenz (KI) zu beobachten ist. Investoren werden früher oder später nicht mehr Visionen, sondern reale Erträge verlangen. AI wird die Wirtschaft verändern, zweifellos. Doch wer damit tatsächlich Geld verdient und ob die enormen Investitionen jemals ihre Kapitalkosten einspielen, ist alles andere als ausgemacht.

Wenn alle dieselbe Wette eingehen

Dasselbe gilt für den Infrastrukturboom. Die Investoren argumentieren, die Welt benötige mehr Rechenzentren. Das stimmt. Daraus folgt jedoch keineswegs, dass jede neue Anlage rentabel sein wird. Bereits 62 Prozent der befragten Investoren befürchten laut einer IFM-Studie selbst, dass der Kapitalzustrom in diese Megatrends die künftigen Renditen untergräbt. Mit anderen Worten: Je mehr Anleger gleichzeitig dieselbe Strategie verfolgen, desto geringer werden die Erträge. Das ist kein Randaspekt, sondern der Kern des Problems.

Die Geschichte der Finanzmärkte zeigt, dass sich technologische Revolutionen regelmäßig als hervorragende Innovationen, aber schlechte Investments erweisen können. Eisenbahnen, Telekommunikation oder das Internet veränderten die Welt nachhaltig. Dennoch verloren viele Investoren erhebliche Vermögen, weil Kapazitäten aufgebaut wurden, die sich wirtschaftlich nicht rechtfertigen ließen.

Die Knappheit von heute kann der Überfluss von morgen sein

Heute droht eine ähnliche Fehlallokation von Kapital. Der KI-Boom erzeugt die Erwartung, dass jeder investierte Euro in Rechenleistung, Kühlung, Stromversorgung und Netzinfrastruktur später automatisch hohe Renditen abwerfen wird. Doch technologische Entwicklung verläuft selten linear.

Effizientere Open-Source-Modelle, sinkende Rechenkosten oder neue Hardwarearchitekturen könnten den Bedarf großer zentralisierter Infrastruktur deutlich reduzieren. Was heute als Knappheit erscheint, kann morgen Überkapazität sein.

Das unterschätzte Risiko der Finanzierung

Hinzu kommt ein zweites Risiko, das in den Schönwetterprognosen der Branche meist ausgeblendet wird: die Finanzierung. Die eigentliche Verwundbarkeit liegt weniger in überhöhten Technologieaktien als in den Kreditmärkten. Ein wachsender Teil der KI- und Infrastrukturinvestitionen wird über Private Credit finanziert. Pensionsfonds, Versicherungen und Kreditfonds stellen Kapital bereit, bevor überhaupt klar ist, ob die erwarteten Erträge jemals realisiert werden.

Besonders problematisch ist, dass ein erheblicher Teil der Investitionen fremdfinanziert wird und immer stärker über wenig transparente Private-Credit-Strukturen läuft. Wenn die erhofften Zahlungsströme ausbleiben, könnte aus einer Neubewertung der Technologieperspektiven schnell eine finanzielle Kettenreaktion werden.

Genau deshalb ist Infrastruktur nicht automatisch defensiv. Sie ist nur dann defensiv, wenn Nachfrage, Auslastung und Finanzierung tragfähig sind. Werden jedoch Anleger von Zukunftserzählungen getrieben, kann auch eine vermeintlich sichere Anlageklasse spekulative Züge annehmen.

Aus Diversifikation wird Herdentrieb

Die Ironie besteht darin, dass viele Investoren Infrastruktur heute kaufen, um ihre Portfolios widerstandsfähiger zu machen. Tatsächlich könnten sie damit genau jene Konzentrationsrisiken aufbauen, vor denen sie sich schützen wollen. Wenn nahezu alle institutionellen Investoren in dieselben Datenzentren, Stromnetze und KI-getriebenen Infrastrukturprojekte drängen, entsteht keine Diversifikation, sondern Herdentrieb.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob KI und Infrastruktur langfristig Gewinner sind. Wahrscheinlich sind sie das. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob die heutigen Bewertungen und die dahinterliegende Verschuldung realistische Ertragserwartungen widerspiegeln.

Technologische Revolutionen schaffen Wohlstand. Finanzblasen entstehen, wenn Anleger diesen Wohlstand bereits vollständig vorwegnehmen. Genau diese Gefahr zeichnet sich derzeit ab. Nicht in den Schlagzeilen über KI. Sondern im milliardenschweren Kapitalstrom, der ihnen folgt.

Der Infrastrukturbedarf ist real – die versprochenen Renditen sind es noch nicht. Wer einen technologischen Megatrend mit einem sicheren Investment verwechselt, wiederholt einen der ältesten Fehler der Finanzgeschichte. Diesmal jedoch wird er im Schatten der Private Markets auf Kredit finanziert.

Dr. Josef Braml ist USA-Experte, Buchautor und European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission. Er verfügt über 20 Jahre Erfahrung in angewandter Forschung und Beratung weltweit führender Think Tanks, unter anderem bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), dem Aspen Institut, der Brookings Institution, der Weltbank und als legislativer Berater im US-Abgeordnetenhaus. Soeben ist sein Buch „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“ erschienen.