Kanadas Widerstand kann Preise erhöhen und Unternehmen belasten. Trotzdem könnte die riskante Strategie erfolgreicher sein als Europas ständiges Einlenken, erläutert der USA- und Geoökonomie-Experte Josef Braml für Finanzen100, das Wirtschafts- und Börsenportal von Focus Online.
Die Europäische Union verfügt über erheblich mehr wirtschaftliches Gewicht als Kanada. Dennoch hat Brüssel gegenüber Donald Trumps Zollpolitik nachgegeben, während Ottawa Widerstand leistet. Kanadas Premier Mark Carney zeigt, dass strategische Gegenwehr Risiken birgt, Unterwerfung aber langfristig noch teurer wird.
Nachgiebigkeit bestätigt Trumps Machtlogik
Donald Trump versteht internationale Politik nicht als regelgebundenen Interessenausgleich, sondern als Kräftemessen. Wer ihm entgegenkommt, darf deshalb nicht darauf hoffen, damit seine Großzügigkeit zu gewinnen. Nachgiebigkeit bestätigt vielmehr sein Weltbild: Der Stärkere setzt die Bedingungen, der Schwächere fügt sich.
Mark Carney hat Trumps politische Psychologie verstanden: Wer vor Drohungen zurückweicht, lädt zu neuen Forderungen ein. Deshalb setzt Kanadas Premierminister auf gezielte wirtschaftliche Gegenwehr. Ottawa hat angekündigt, ab dem 8. September auf mehr als 700 amerikanische Produkte Gegenzölle von 15, 25 oder 50 Prozent zu erheben. Das Volumen beträgt 27,6 Milliarden kanadische Dollar, umgerechnet knapp 20 Milliarden US-Dollar. Bei Stahl und Aluminium werden die bisherigen Zölle von 25 auf 50 Prozent verdoppelt. Betroffen sind außerdem unter anderem Milchprodukte, Fisch und Meeresfrüchte, Haushaltsgeräte, Elektronik, Möbel, Kleidung sowie Produkte der Papier- und Agrarindustrie.
Kanadas Gegenwehr ist riskant, aber strategisch kalkuliert
Kanada ist nach Mexiko der zweitgrößte Handelspartner der Vereinigten Staaten. Beide Volkswirtschaften sind eng miteinander verflochten. Gerade deshalb ist der Konflikt riskant. Gegenzölle verteuern Importe und können die kanadische Inflation zusätzlich anheizen. Sie belasten nicht nur amerikanische Produzenten, sondern wirken auch wie eine Steuer auf kanadische Verbraucher.
Carneys Regierung verschweigt diese Kosten nicht. Sie verbindet die Gegenmaßnahmen mit einem milliardenschweren Hilfspaket für Unternehmen und Beschäftigte und fordert die Bevölkerung auf, gezielt kanadische Produkte zu kaufen. Politische Selbstbehauptung wird so mit wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit verbunden.
Entscheidend ist, dass Ottawa nicht wahllos zurückschlägt. Die Liste der betroffenen Waren ist politisch kalkuliert. Käse aus Wisconsin, Fischereiprodukte aus Maine sowie Waschmaschinen und Trockner aus Kentucky treffen Bundesstaaten, in denen republikanische Politiker vor schwierigen Kongresswahlen stehen oder Trump besonders starken Rückhalt genießt.
Wirtschaftlicher Druck muss politisch gezielt wirken
Damit richtet Kanada seine Reaktion nicht nur gegen abstrakte Handelsströme. Es übersetzt wirtschaftlichen Druck in innenpolitische Kosten. Amerikanische Unternehmen, Arbeitnehmer und Abgeordnete sollen erkennen, dass Trumps Zollpolitik nicht folgenlos bleibt. Der Adressat ist letztlich das politische System der Vereinigten Staaten.
Kanadas Stärke liegt dabei nicht in seinem größeren Wirtschaftspotenzial. Im Vergleich zur EU ist es der deutlich kleinere Akteur. Seine Stärke besteht im glaubwürdigen Willen, die eigene Handlungsfähigkeit zu nutzen. Europa dagegen leidet weniger unter einem Mangel an Macht als unter einem Mangel an politischer Entschlossenheit.
Anpassung schützt nicht vor Machtpolitik
Mark Carney hat das bereits im Januar in seiner Davoser Rede auf den Punkt gebracht. Die regelbasierte internationale Ordnung sei in ihrer bisherigen Form an ein Ende gekommen. Mittelmächte seien deshalb aber keineswegs machtlos. Gefährlich sei vielmehr der Versuch, durch Anpassung und Wohlverhalten Sicherheit und Frieden zu kaufen.
Wer hinnimmt, dass Macht Recht ersetzt, fördert nicht den Frieden, sondern die nächste Machtdemonstration. Das gilt gegenüber narzisstischen Persönlichkeiten ebenso wie gegenüber politischen Systemen, die sich um einen dominierenden Führer organisieren. Entgegenkommen wird dort nicht als moralische Größe verstanden, sondern als Schwäche gelesen.
Autoritäre und hegemoniale Ordnungen bestehen fort, weil andere Akteure sich den Erwartungen des Mächtigen fügen und dessen Narrative übernehmen. Ihre Macht beginnt indes zu bröckeln, sobald diese Anpassung verweigert wird.
Gegenwehr bedeutet deshalb nicht, Trump zu imitieren. Europa sollte weder in nationalistische Rhetorik verfallen noch einen unbegrenzten Handelskrieg anstreben. Es muss gesprächsbereit bleiben, zugleich aber deutlich machen, dass Verhandlungen nur auf der Grundlage von Gegenseitigkeit stattfinden können. Genau das ist Carneys Botschaft: Kanada ist zu Gesprächen bereit, aber nicht unter der Voraussetzung, dass seine Industrie wie die eines amerikanischen Anhängsels behandelt wird.
Freiheit braucht Ordnung und Widerstandskraft
Europa sollte denselben Anspruch formulieren. Es ist kein wirtschaftlicher Vasall der Vereinigten Staaten. Seine Unternehmen, Arbeitnehmer und Verbraucher dürfen nicht dauerhaft schlechter gestellt werden, nur weil Washington bereit ist, bestehende Abhängigkeiten rücksichtslos als Druckmittel einzusetzen.
Kanadas Strategie ist nicht kostenlos. Aber Widerstand muss nicht sofort gewinnen, um wirksam zu sein. Er muss zunächst den Preis der Aggression erhöhen und deutlich machen, dass weitere Drohungen zusätzliche Gegenmaßnahmen auslösen. Nur wenn Trump auf politischen und wirtschaftlichen Widerstand trifft, entsteht ein Anreiz zu ernsthaften Verhandlungen. Die Europäische Union hat mehr Einwohner, einen größeren Binnenmarkt, regulatorische Macht und erheblich mehr wirtschaftliche Ressourcen als Kanada. Wenn Ottawa trotz seiner viel stärkeren Abhängigkeit von den USA seine Souveränität verteidigen kann, kann Europa das erst recht. Es muss nur den Mut aufbringen, seine Macht auch einzusetzen.
Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des soeben erschienenen Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.