Bei Bundeskanzler Merz ungewöhnlich deutlicher Kritik an US-Präsident Trumps Iran-Kurs ging es vordergründig um Krieg und Strategie. Doch die politische Schärfe des Konflikts erklärt sich tiefer: Merz rührt an einem Prinzip, das Trumps Politik – innen wie außen – prägt: Loyalität als bedingungsloser Gehorsam. Welche Folgen Trumps narzisstischer Führungsstil sowohl für Europa als auch für die USA hat, erläutert der USA-Experte Josef Braml für Focus Online.
Genau dort, wo demokratische Systeme Korrektive brauchen, will Trump Bestätigung. Und genau diese Logik begünstigt Entscheidungen, die am Ende für die USA wie für Europa schädlich sind.
Trumps Antwort auf die Merz-Kritik ist typisch
Merz’ Kritik zielte nicht nur auf einzelne Maßnahmen, sondern auf das Muster: Er sprach von einer „massiven Eskalation mit offenem Ausgang“ und äußerte Zweifel an der Tragfähigkeit der Strategie. Zugleich machte er klar, Deutschland sei „nicht Teil dieses Krieges und wir wollen es auch nicht werden“.
Trumps Antwort kam prompt – und typisch: nicht als sachliche Auseinandersetzung, sondern als öffentliche Zurechtweisung. Trump nannte die Aussage „Das ist nicht unser Krieg“ „sehr unangemessen“ und zog demonstrativ eine Parallele zur Ukraine („dann sei der Ukraine‑Krieg auch nicht der der USA“). Die Botschaft ist eindeutig: Wer nicht folgt, ist illoyal.
Politik als Bühne der Dominanz
Diese Szene ist mehr als ein transatlantischer Schlagabtausch. Sie passt in ein Führungsverständnis, das Politik nicht als Abwägen von Optionen, sondern als Bühne der Dominanz begreift – mit einem Hofstaat, der die Inszenierung stabilisiert. Grandiose Führungsstile sind auf ko‑narzisstische Gefolgschaft angewiesen: Netzwerke von Mitläufern, Eliten und Apparaten, die Widersprüche rationalisieren und Verantwortung nach außen verlagern. Loyalität zeigt sich dann nicht im Dienst am Staat, sondern im Dienst am Führer‑Narrativ. Genau so wird Kritik zur Illoyalität – und Beratung zur Störung.
Der Mechanismus ist politisch hochgefährlich, weil er das System der Rückmeldungen zerstört. Wo Loyalität über Kompetenz steht, entstehen Echokammern. Je stärker Macht auf eine Person konzentriert ist, desto größer die Gefahr, dass staatliche Interessen von persönlichen Ängsten, Machtphantasien und Loyalitätstests verdrängt werden. Das ist der Kern des Problems: Nicht jede Fehleinschätzung ist vermeidbar – aber Demokratien sind darauf gebaut, sie durch Widerspruch zu korrigieren. Trumps Stil produziert das Gegenteil: Er belohnt Zustimmung und bestraft Einwand – und macht so Fehlentscheidungen wahrscheinlicher und Korrekturen später.
Trump hörte nicht auf seinen Generalstabschef – und ist sich jetzt keiner Schuld bewusst
Wie konkret diese Logik wirkt, zeigt ein zweiter Strang der Berichterstattung: Warnungen aus der militärischen Führung, die sich Trump trotz jüngster Säuberungen noch nicht vollständig gefügig gemacht hat. Mehrere Medien berichteten, General Dan Caine, der US‑Generalstabschef, habe Trump vor Risiken eines Iran‑Einsatzes gewarnt – insbesondere vor der Gefahr eines langwierigen Konflikts, vor Engpässen bei Munition und vor mangelnder Unterstützung durch Verbündete. Dem Wall Street Journal zufolge habe Caine in Briefings insbesondere auf die Straße von Hormus als strategisches Nadelöhr hingewiesen. Caine warnte, dass Iran eine Blockade der Meerenge, unter anderem durch Seeminen, Drohnen und Raketenangriffe, anstreben und als Hebel nutzen könne.
Trump reagierte auf die Einwände nicht mit Transparenz oder Abwägung, sondern mit Abwehr: Er bezeichnete entsprechende Berichte als „100 Prozent falsch“ und betonte, er selbst treffe die Entscheidung; zugleich behauptete er, Caine halte einen Krieg im Zweifel für „leicht zu gewinnen“.
Das ist exakt die narzisstische Verschiebung: Nicht die Substanz der Warnung zählt, sondern die Kränkung, dass sie existiert – und öffentlich wird. Solche Vorgänge sind – unabhängig von der endgültigen Faktenklärung im Detail – ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn politische Führung Warnungen als Schwäche liest und Risiko als Bühne für Stärke.
Trumps Politik: Verbündete werden nicht als Partner, sondern als Untergeordnete behandelt
Hier schließt sich der Kreis zur Merz‑Episode. Denn Trumps Außenpolitik folgt dem Muster einer personalisierten Dominanzlogik: Verträge und Beistandsverpflichtungen werden flexibel, Institutionen zur Bühne, Diplomatie zur Inszenierung. In so einem System ist Kritik nicht „Input“, sondern „Affront“ – und Verbündete werden nicht als Partner, sondern als Untergeordnete behandelt, die Tribut entrichten oder im Zweifel beschämt werden.
Der Konflikt mit Merz eskaliert, weil sie die Erwartung verletzt, dass der engste Kreis – die eigene Entourage und die Bündnispartner – die Rolle der „Ja-Sager“ übernimmt. Dass Trump diesen Maßstab auch nach außen anlegt, zeigen die Begleitreaktionen aus seinem Umfeld. Der frühere US‑Botschafter und Trump-Vertraute Richard Grenell griff Merz öffentlich an und deutete dessen Kritik als Heuchelei: Merz habe im Oval Office anders gesprochen als in Berlin – in den USA nenne man das „schwach oder heuchlerisch“. Auch das ist ein Loyalitäts‑Frame: Nicht die Frage „Ist die Strategie klug?“, sondern „Warst du folgsam – überall und jederzeit?“. Wer so argumentiert, will keine Debatte, sondern Disziplin.
Die Lehre für Europa
Für Europa ist das die eigentliche Lehre. Die EU‑ und NATO‑Partner stehen nicht nur vor einem taktischen Problem („Wie reagieren wir auf diesen Konflikt?“), sondern vor einem strukturellen: Ein US‑Präsident, der Loyalität als Gefolgschaft versteht, wird Beratung, Widerspruch und multilaterale Rücksicht als Schwäche auslegen.
Das erhöht das Risiko von Entscheidungen, die nicht aus strategischer Notwendigkeit, sondern aus innenpolitischer Dramaturgie und persönlichem Dominanzbedürfnis entstehen. Wenn Macht sich personalisiert, werden staatliche Interessen durch „Loyalitätstests“ verdrängt – und damit steigen auch für Verbündete die Kosten, weil sie in diese Tests hineingezogen werden.
Merz stellt mit seiner Kritik den Grundcode der Trump-Führung infrage
Merz’ Kritik ist deshalb so brisant, weil sie nicht nur eine einzelne Entscheidung infrage stellt, sondern den Grundcode der Trump‑Führung: Bestätigung statt Korrektiv. Genau das macht sie in Washington zur Provokation – und in Europa zur Notwendigkeit.
Denn wer sich in ein Bündnis mit einem narzisstisch geführten Zentrum begibt, muss damit rechnen, dass die nächste Krise nicht nur militärisch oder ökonomisch, sondern psychologisch entschieden wird: als Kränkung, als Loyalitätstest, als Machtspiel. Und aus solchen Spielen entstehen selten stabile, vernünftige Strategien – sondern häufig teure Eskalationsspiralen.
Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission– einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.
In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.