Entgegen Trumps Plänen entwickelt sich der Krieg gegen den Iran zu einem langwierigen und kostspieligen Konflikt. Das bringt den US-Präsident in eine politische Zwickmühle, erläutert der USA-Experte Josef Braml für Focus Online.
Donald Trump wollte Stärke demonstrieren. Doch die Militärschläge gegen Iran könnten genau das Gegenteil bewirken. Statt Abschreckung droht ein langer Konflikt, steigende Energiepreise – und politische Kosten für die USA und ihre Verbündeten.
Der Präsident liebt den kurzen Krieg. Für Donald Trump war der Angriff auf Iran vor allem eines: politisch attraktiv. Ein schneller Schlag. Klare Bilder. Klare Botschaft: Amerika schlägt zu. Solche Militäraktionen passen perfekt in Trumps innenpolitisches Drehbuch. Sie lenken ab von innenpolitischen Konflikten, schweißen Anhänger zusammen und erlauben es dem Präsidenten, Härte zu demonstrieren – ohne langwierige Debatten im Kongress. Doch genau hier liegt das Problem.
Für eine Siegeserzählung ignorierte Trump jegliche Bedenken
Präsident Trump ignorierte sicherheitspolitische Bedenken zugunsten einer politischen Siegeserzählung, die innenpolitisch Entschlossenheit signalisieren sollte. Der Präsident setzte sich bei seinem Vorgehen gegen den Iran über interne Warnungen hinweg – auch über jene seines eigenen Generalstabschefs. Nach übereinstimmenden Medienberichten hatte der Vorsitzende der Joint Chiefs of Staff, General Dan Caine, den Präsidenten vor erheblichen Risiken eines Militärschlags gewarnt: vor der Gefahr einer Eskalation, knappen Munitionsbeständen, möglichen US‑Opfern und einer langfristigen Überlastung der Streitkräfte. Trump wies diese Berichte öffentlich als „Fake News“ zurück und stellte die militärische Lage als leicht beherrschbar dar.
Aus begrenztem Militärschlag wurde offener Konflikt
Die gezielten Luftschläge der USA gegen die iranische Führung sollten das Regime in Teheran handlungsunfähig machen und eine klare Botschaft der Stärke senden. Doch die Reaktion Irans ließ nicht lange auf sich warten: Bereits wenige Stunden später antwortete Teheran mit massiven Raketen- und Drohnenangriffen. Die Signale waren unmissverständlich – Iran ist weiterhin handlungsfähig, schlägt zurück und ist bereit, die Eskalation weiterzutreiben.
Durch diese unmittelbare, entschlossene Antwort verwandelte sich ein ursprünglich als begrenzt gedachter Militärschlag in einen offenen Konflikt, dessen Auswirkungen weit über die Region hinausreichen. Die Lage ist nun geprägt von Unsicherheit und einer neuen Dynamik, bei der die Gefahr einer weiteren Eskalation stetig wächst.
Irans Strategie: Politischer Verschleiß statt militärischer Konfrontation
Der Iran hat erkannt, dass eine direkte militärische Konfrontation mit den Vereinigten Staaten aussichtslos ist. Daher verzichtet Teheran bewusst auf den Versuch, die USA militärisch zu besiegen. Stattdessen verlagert der Iran den Schwerpunkt seiner Strategie und weitet den Konflikt gezielt aus – sowohl geografisch als auch wirtschaftlich und politisch.
Die Angriffe und Drohungen des Irans richten sich nicht nur gegen Israel, sondern betreffen die gesamte Region. Besonders betroffen sind Länder, in denen US-Stützpunkte stationiert sind. Mit dieser Vorgehensweise verfolgt Teheran nicht das Ziel, einen militärischen Sieg auf dem Schlachtfeld zu erringen.
Vielmehr geht es dem Regime darum, die politische Widerstandsfähigkeit der USA und ihrer Verbündeten zu schwächen und einen langfristigen Verschleiß zu erzeugen. So soll die Unterstützung für die amerikanische Strategie untergraben und die Kosten für Washington und seine Partner erhöht werden.
Trumps Strategie scheitert – und bringt ihn in politische Zwickmühle
Donald Trump setzt bei seinen politischen und militärischen Entscheidungen auf schnelle Erfolge und klare Ergebnisse. Doch der Krieg gegen den Iran entwickelt sich zu einem langwierigen, unübersichtlichen und kostspieligen Konflikt. Die erhoffte rasche Wirkung bleibt aus, während die innenpolitischen Risiken mit jedem Tag wachsen.
Ein besonders spürbarer Faktor ist der Anstieg der Energiepreise, der nicht nur die Wirtschaft belastet, sondern auch direkt die amerikanischen Verbraucher trifft. Zusätzlich wächst die Skepsis in der Bevölkerung, die sich zunehmend gegen eine Ausweitung des militärischen Engagements im Nahen Osten stellt. Selbst innerhalb von Trumps loyaler MAGA-Basis formiert sich Widerstand, da viele Anhänger „endlose Kriege“ ablehnen und eine Rückkehr zu einer Politik des Rückzugs fordern.
Trump, der im Wahlkampf versprochen hatte, Amerika aus den Konflikten im Nahen Osten herauszuhalten, droht nun – entgegen seiner ursprünglichen Strategie – immer tiefer in die Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden. Damit gerät er in eine politische Zwickmühle: Statt Stärke und Entschlossenheit zu demonstrieren, wächst die Unsicherheit und Unzufriedenheit im eigenen Land.
Militärische Macht allein reicht oftmals nicht aus
Die historische Warnung ist eindeutig. Die Beispiele aus Vietnam und Kosovo zeigen deutlich, dass die Überlegenheit in der Luft nicht automatisch den Ausgang eines Krieges bestimmt. Entscheidend ist vielmehr, ob der Gegner über ausreichende politische Standhaftigkeit verfügt. Selbst wenn eine Partei militärisch dominiert, führt dies nicht zwangsläufig zu einer nachhaltigen politischen Kontrolle oder zur gewünschten Stabilisierung des Konflikts.
Im Gegenteil: Häufig wird der Konflikt lediglich verschoben, wobei die militärisch stärkere Partei am Ende Nachteile erleidet. Die Erfahrung aus diesen historischen Kontexten unterstreicht, dass militärische Macht ohne politische Durchsetzungskraft und strategische Geduld nicht ausreicht, um langfristige Sicherheit und Stabilität zu garantieren.
Der Iran kämpft nicht um Gelände, sondern um Geduld
Donald Trump hat militärische Entschlossenheit gezeigt. Doch strategisch hat er Iran genau das geliefert, was Teheran braucht: Zeit, Eskalationsspielräume und politische Hebel. Iran kämpft nicht um Gelände. Iran kämpft um Geduld.
Und das ist eine Disziplin, in der westliche Demokratien – und besonders ein auf Schlagzeilen fixierter Präsident – selten gewinnen.
Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.
In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.