Donald Trump erweist sich in seinem Iran-Krieg zunehmend als Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr loswird. USA-Experte Josef Braml analysiert die fatale Lage des amerikanischen Präsidenten für Focus Online.
Mit der Eskalation gegenüber Iran wollte US-Präsident Donald Trump vor allem Stärke demonstrieren und Abschreckung erzeugen – kalkuliert, begrenzt, kontrolliert. Doch statt eines schnellen politischen Effekts setzte er eine Dynamik in Gang, die sich seiner Steuerung entzieht.
Trumps wollte Macht demonstrieren, er bekam einen Flächenbrand
Iran antwortete nicht dort, wo die USA militärisch überlegen sind, sondern dort, wo die globale Ordnung verwundbar ist: im Energiesystem.
Die faktische Blockade der Straße von Hormus verwandelte Trumps Machtdemonstration in einen geoökonomischen Flächenbrand. Öl‑ und Gaspreise schossen in die Höhe, Versicherungen zogen sich zurück, Märkte reagierten panisch.
Was als gezielte Eskalation gedacht war, entwickelte eine Eigendynamik – mit unmittelbaren Rückwirkungen auf die US‑Innenpolitik. Aus Abschreckung wurde Selbstschädigung.
Trump hat damit genau das ausgelöst, was er vermeiden wollte: steigende Energiepreise, inflationären Druck und wachsende politische Kosten im eigenen Land. Die Geister der Energie‑ und Marktkräfte lassen sich nicht per Tweet oder Drohkulisse bannen.
Sie folgen ihrer eigenen Logik – und zwingen Washington nun, internationale Hilfe zu erbitten, um die Folgen einer selbst herbeigeführten Eskalation einzudämmen.
Trumps Motive: Energiepreise, Innenpolitik und Wahlkampf
Donald Trump verfolgt mit seinem Ruf nach internationaler Unterstützung in erster Linie ein innenpolitisches Ziel. Seine Erzählung von bezahlbarer Energie und wirtschaftlicher Stärke ist ein zentraler Pfeiler seiner politischen Agenda.
Doch steigende Energiepreise infolge einer Blockade der Straße von Hormus könnten die Inflation anheizen und die Kaufkraft der amerikanischen Verbraucher schmälern – ein Risiko, das Trump vor den anstehenden Kongresswahlen 2026 unbedingt vermeiden will.
Bereits mehrfach kündigte er an, die USA würden „um jeden Preis den freien Fluss von Energie sichern“, notfalls auch mit militärischen Mitteln.
Militärische und praktische Grenzen: Herausforderungen für die US-Marine
Hinter Trumps Forderung nach internationaler Beteiligung steht auch ein militärisches Problem. Die US-Marine ist derzeit nicht in der Lage, flächendeckend alle Tanker zu schützen.
Laut US-Energieminister Chris Wright konzentrieren sich die amerikanischen Streitkräfte momentan vor allem auf die Zerstörung iranischer Offensivfähigkeiten, nicht auf dauerhafte Geleitschutzmissionen.
Eine breite internationale Marinepräsenz könnte helfen, Ressourcen zu strecken, die politische Verantwortung zu verteilen und das Risiko einer weiteren Eskalation speziell für die USA zu senken.
Trumps Forderung nach internationaler Beteiligung
Trump argumentiert, dass die Sicherung der Straße von Hormus nicht allein Aufgabe der USA sein könne. Besonders Länder, die von den Öllieferungen profitieren – darunter China, Japan, Südkorea und europäische Staaten – müssten selbst Verantwortung übernehmen.
Damit bleibt er seiner bekannten Linie treu, wonach Sicherheitsleistungen nicht länger kostenlos sein sollen, sondern durch Lastenteilung oder politische Gegenleistungen kompensiert werden.
Sein Ansatz: Die Kosten und Risiken einer militärischen Eskortierung sollen auf möglichst viele Schultern verteilt werden.
Reaktionen der Verbündeten: Zurückhaltung und rechtliche Hürden
Die Resonanz auf Trumps Vorstoß ist bislang verhalten. Deutschland schloss eine militärische Beteiligung explizit aus, Japan und Südkorea verweisen auf hohe rechtliche Hürden. Großbritannien und Frankreich reagieren vorsichtig und betonen die Notwendigkeit einer Deeskalation.
China, das öffentlich immer wieder als Profiteur der Öllieferungen genannt wird, zeigt bisher kein klares Engagement.
Trump droht eine Schlacht im Energie-Krieg gegen China zu verlieren
Peking hält sich aus guten Gründen zurück: Ebenso wie die Ausschaltung der venezolanischen Führung sind auch die Angriffe auf den Iran Teil des amerikanischen Energie-Konflikts mit China. Was auf den ersten Blick wie eine Eskalation regionaler Konflikte aussieht, folgt einer größeren geopolitischen Logik.
Die US-Angriffe auf Venezuela und den Iran richten sich nicht nur gegen ungeliebte Regime in Lateinamerika und im Nahen Osten. Sie sind Teil einer indirekten Strategie gegen den eigentlichen Hauptgegner der Vereinigten Staaten: China.
Trumps triviale Rechnung geht nicht auf
US-Strategen haben Chinas Abhängigkeit von Energieimporten als Schwachpunkt ausgemacht. Sein Wirtschaftsmodell, seine industrielle Leistungsfähigkeit und nicht zuletzt seine politische Stabilität hängen in hohem Maße von verlässlichen Energielieferungen ab.
Die Logik dahinter ist simpel: Wenn Öl knapper und teurer wird, leidet das Wachstum, der innenpolitische Druck steigt, der außenpolitische Handlungsspielraum schrumpft.
Aus dem erhofften Signal wurde ein geoökonomischer Bumerang
Doch Trumps Rechnung ging nicht auf. Er rechnete ähnlich der Militäraktion gegen die Führung in Venezuela auch gegen den Iran mit einem schnellen entscheidenden Schlag und unterschätzte die Zweitschlagskapazität des iranischen Regimes, das den Konflikt ausweitete und durch die Blockade der Straße von Hormus die Ölpreise hochschnellen ließ – die auch die Energiekosten in den USA verteuern und damit auch Trump politisch hohe Kosten verursachen.
Aus einem vermeintlich kontrollierten militärischen Signal wurde so ein geoökonomischer Bumerang. Statt Stärke zu demonstrieren, erzeugte Trump politische Folgekosten im eigenen Land.
Die Eskalation traf nicht primär das iranische Regime, sondern seine eigene Wählerbasis – und zwang Washington schließlich dazu, internationale Unterstützung einzufordern, um einen selbst ausgelösten Energieschock einzudämmen.
Trumps Strategie: Verantwortung abwälzen statt Kooperation
Donald Trumps Wunsch nach internationaler Unterstützung in der Straße von Hormus ist weniger Ausdruck einer neuen Wertschätzung multilateraler Kooperation als ein pragmatischer Versuch, Kosten, Risiken und Verantwortung auf andere abzuwälzen.
Ob es Trump gelingt, die internationalen Partner in größerem Umfang einzubinden, bleibt angesichts der zurückhaltenden Reaktionen abzuwarten.
Klar ist jedoch: Die Entwicklungen in der Straße von Hormus bleiben ein Gradmesser für die globale Energie- und Sicherheitspolitik der USA – und Trumps Kurs wird dabei mit Argusaugen beobachtet.
Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.
In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.