Die erneuten Todesschüsse von Minneapolis markieren keinen Ausnahmezustand, sondern eine neue Normalität, erläutert der USA-Experte Josef Braml für Focus Online. Für viele Trump-Anhänger bestätigen die Schüsse genau das politische Versprechen, für das sie gestimmt haben.
Minneapolis zeigt, wie weit sich die Vereinigten Staaten von ihrem eigenen rechtsstaatlichen Ideal entfernt haben. Wo tödliche Gewalt reflexhaft gerechtfertigt wird und Zweifel als Illoyalität gelten, wird der Staat selbst zum politischen Akteur – und Kontrolle zur Nebensache.
Minneapolis: Staatliche Gewalt als neue Normalität
Ein Agent, offenbar von der US-Einwanderungsbehörde ICE, erschoss am 24. Januar 2026 in Minneapolis den 37 jährigen Intensivpfleger Alexander “Alex” Jeffrey Pretti während Protesten gegen die verschärfte Einwanderungspolitik der US-Regierung von Donald Trump. Der Vorfall wurde auf Video festgehalten und verbreitete sich weltweit.
Die tödlichen Schüsse von Minneapolis sind kein lokales Ereignis mehr. Sie markieren einen weiteren Schritt in einer Entwicklung, die weit über die Stadtgrenzen hinausweist: die schleichende Normalisierung staatlicher Gewalt in den Vereinigten Staaten – politisch gedeckt, rhetorisch legitimiert und institutionell abgesichert. Nach allem, was bislang bekannt ist, sind die jüngsten Todesschüsse noch weniger zu rechtfertigen als der tödliche Einsatz gegen Renee Good wenige Tage zuvor.
Bundesbehörden (u. a. das Heimatschutzministerium) erklären, Pretti habe bewaffnet und aggressiv gehandelt und eine unmittelbare Gefahr dargestellt. Staatliche und lokale Stellen sowie Augenzeugen widersprechen dem: In Videos sei Pretti mit einem Handy filmend zu sehen, nicht mit gezogener Waffe. Videos, Augenzeugenberichte und die bekannten Abläufe zeichnen das Bild einer Eskalation, nicht einer Notwehrsituation.
Schnell-Schüsse im Namen der Ordnung
Und doch ist das eigentliche Drama weniger das Ereignis selbst als die Geschwindigkeit, mit der seine Rechtfertigung vorbereitet wird. Denn auch diesmal folgt die offizielle Kommunikation einem bekannten Drehbuch. Noch bevor unabhängige Ermittlungen beginnen, wird der Rahmen gesetzt: von einer „Bedrohungslage“ ist die Rede, von „Selbstverteidigung“, von der angeblichen Gefährlichkeit des Opfers. Hochrangige Beamte des Weißen Hauses bezeichnete das Opfer als „inländischen Terroristen“.
Der Fokus liegt nicht auf dem Ablauf, sondern auf der Legitimation. Zweifel sollen nicht geklärt, sondern neutralisiert werden. Die Schüsse erscheinen so nicht als Ausnahme, sondern als notwendige Konsequenz.
Trump sieht Minneapolis nicht als Problem, sondern als Beleg
Donald Trump wird diese Logik in den kommenden Tagen weiter zuspitzen. Seine bisherigen Reaktionen auf vergleichbare Vorfälle lassen wenig Raum für Überraschungen. Der Präsident versteht Minneapolis nicht als Problem, sondern als Beleg.
Für ihn fügt sich das Geschehen nahtlos in eine politische Erzählung, in der der Staat Stärke beweist, indem er Härte zeigt. Kritik wird als Angriff auf „Law and Order“ umgedeutet, Zweifel an Behörden als Illoyalität gegenüber Sicherheitskräften – und letztlich gegenüber dem Staat selbst.
Gerade aus europäischer Perspektive wirkt diese Rhetorik befremdlich. In Deutschland gilt staatliche Gewalt als letztes Mittel, ihre Anwendung als rechtfertigungsbedürftig, ihre Kontrolle als unverzichtbarer Bestandteil des Rechtsstaats.
In den Vereinigten Staaten hingegen verschiebt sich die Beweislast zunehmend: Nicht mehr der Staat muss erklären, warum geschossen wurde, sondern die Gesellschaft, warum sie Zweifel anmeldet.
Eine unabhängige Untersuchung?
Vor diesem Hintergrund ist die Frage nach einer unabhängigen Untersuchung zentral – und ernüchternd. Zwar werden formale Ermittlungen angekündigt, doch das Vertrauen in ihre Unabhängigkeit ist gering. Zu häufig wurden in der Vergangenheit Untersuchungen verzögert, eingeschränkt oder vollständig durch Bundesbehörden kontrolliert.
Wenn politische Führung und Exekutive dieselbe Sprache sprechen, der Justizapparat dazu genutzt wird, politische Gegner zu verfolgen, verkommt Kontrolle zur Formalie. Die Institutionen wirken nicht mehr als Gegengewicht zur Macht, sondern als ihr Verstärker.
Minnesotas Gouverneur Tim Walz erklärte, dem Bund sei die Führung der Ermittlungen nicht zuzutrauen und verurteilte den Einsatz scharf, sprach von „Chaos und Gewalt“ durch föderale Kräfte. Präsident Donald Trump wiederum machte lokale Behörden verantwortlich. Der erneute Vorfall ist weniger ein isolierter Schusswaffengebrauch als vielmehr eine grundlegende Krise im Verhältnis zwischen Bundesstaaten und der Bundesregierung, ausgelöst durch aggressive Durchsetzung einer restriktiven Einwanderungspolitik, mangelhafte Transparenz und stark politisierte Deutungen der Ereignisse.
Minneapolis ist dabei mehr als ein Schauplatz. Die Stadt steht symbolisch für die Bruchlinien der amerikanischen Gesellschaft: für Rassismus, für Polizeigewalt, für föderale Machtkämpfe – und für eine Protestkultur, die immer wieder versucht, diese Konflikte sichtbar zu machen.
Es spricht viel dafür, dass die jüngsten Todesschüsse eine neue landesweite Protestwelle auslösen könnten. Nicht zwingend sofort, aber mit zeitlicher Verzögerung. Empörung speist sich aus Wiederholung. Jeder weitere Vorfall senkt die Schwelle, wieder auf die Straße zu gehen.
Militarisierung der Innenpolitik
Hinzu kommt ein Szenario, das bislang vor allem als Drohkulisse diente, inzwischen aber realpolitisch greifbar geworden ist: Trump hat offen damit gedroht, im Inneren die Nationalgarde zu föderalisieren oder sogar reguläres Militär einzusetzen. Mit Verweis auf den „Insurrection Act“ („Aufstandsbekämpfungsgesetz“) würde er sich die rechtliche Grundlage verschaffen, Soldaten für polizeiliche Aufgaben einzusetzen – auch gegen den erklärten Willen der Bundesstaaten.
Was in der amerikanischen Geschichte eine äußerste Ausnahme darstellte, wird so Teil des politischen Normalbetriebs. Allein die wiederholte Androhung senkt die Hemmschwelle. Sie verschiebt die Grenzen des Vorstellbaren und signalisiert, dass ziviler Protest nicht mehr als Ausdruck demokratischer Teilhabe verstanden wird, sondern als potenzieller Feind der Ordnung.
Für Trump-Fans bestätigen Schüsse das politische Versprechen
Der politische Effekt von Trumps unnachgiebiger Reaktion auf die Proteste bleibt vorerst ambivalent. Einerseits können sie Aufmerksamkeit bündeln, öffentliche Debatten verschieben und internationalen Druck erzeugen. Andererseits liefern sie jenen Bilder, die eine weitere Militarisierung rechtfertigen können.
Protest wird dann nicht als demokratisches Korrektiv wahrgenommen, sondern als Sicherheitsrisiko – ein Narrativ, das Trump gezielt bedient. Für den Präsidenten selbst stellen die Ereignisse daher weniger eine Belastung als eine Mobilisierung dar.
Während moderate Wähler sich möglicherweise abwenden, rückt sein politischer Kern enger zusammen. Für viele seiner Anhänger bestätigen die Schüsse genau das politische Versprechen, für das sie gestimmt haben: einen Staat, der nicht zögert, und eine Führung, die Härte nicht scheut. Gewalt erscheint so nicht als Scheitern staatlicher Ordnung, sondern als ihr sichtbarer Beweis.
Minneapolis könnte damit kein Wendepunkt werden, sondern ein Beschleuniger. Ein weiterer Schritt in Richtung eines politischen Klimas, in dem Gewalt nicht mehr Ausnahme, sondern Argument ist – und in dem sich die Frage immer dringlicher stellt, wer den Staat kontrolliert, wenn dieser selbst zur Partei geworden ist.
Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.
In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.