Harris‘ gravierender Fehler

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Trotz derzeit guter Umfragewerte könnte Kamala Harris aufgrund ihrer Schwächen im Wahlkampf gegen Trump verlieren, erläutert der USA-Experte Josef Braml in einem Gastbeitrag für die Fuldaer Zeitung.

Die US-Wahlkampfdynamik hat sich verändert, seit Kamala Harris die Spitzenkandidatin der Demokraten ist und Joe Biden nicht mehr kandidiert. Hatte Donald Trump bislang Biden als „Sleepy Joe“ verspottet, könnte er nun selbst als der ältere Kandidat angesehen werden – eine Wendung, die viele europäische Beobachter begrüßen würden, die Harris vorziehen. Allerdings offenbart eine detaillierte Betrachtung auch Schwächen der amtierenden Vizepräsidentin, die Trump im Wahlkampf nutzen könnte.

Zwar hat sich Harris als sehr effektiv in der Beschaffung von Wahlkampfspenden erwiesen. Doch erhielt sie einen massiven Zufluss an Geldern, die Großfinanziers zuvor zurückgehalten hatten, um Biden den Rücktritt nahezulegen.

Indem sie Bidens wenig wirksame Wahlkampftaktik fortsetzt, begeht Harris einen gravierenden Fehler. Ähnlich wie Biden will die ehemalige Staatsanwältin die US-Demokratie vor Trump retten. Den meisten Amerikanerinnen und Amerikanern ist jedoch das eigene Hemd, ihr wirtschaftliches Auskommen, näher als die institutionelle Jacke der Demokratie. „It’s the economy, stupid!“

Die interventionistische und protektionistische Wirtschaftspolitik von Biden und Harris hat zur Inflation beigetragen, eine Ansicht, der auch traditionell den Demokraten zugeneigte Ökonomen wie Larry Summers zustimmen.

Trotz der Abnahme im Inflationstrend fühlen viele Amerikaner die Auswirkungen der weiterhin hohen Preise und erleben eine verringerte Kaufkraft. Einige greifen auf ihre Ersparnisse zurück, während andere sich höher verschulden. Die als Reaktion auf die Inflation angehobenen Zinssätze verstärken diese Problematik noch und dämpfen die Kauflust, was sich negativ in den Verbraucherindizes widerspiegelt und möglicherweise auf größere wirtschaftliche Probleme hindeutet – ein Umstand, den die Republikaner im Wahlkampf gezielt thematisieren.

Bislang hat Harris im Gedächtnis der Wähler keinen bedeutenden Eindruck durch inhaltliche Beiträge hinterlassen. In ihrer Rolle als Vizepräsidentin war es klug, nicht in Konkurrenz zum Präsidenten zu treten. Jetzt, nachdem Biden zurückgetreten ist, hat sie indes nur wenig Zeit, um ihr eigenes Profil zu stärken.

Es wäre ratsam, dass sie sich von umstrittenen Themen wie Abtreibung fernhält, um dem politischen Gegner keinen Vorteil zur Gegenmobilisierung zu verschaffen. Dennoch neigt sie dazu, genau diese Themen aufzugreifen, um ihre liberalen Unterstützer anzusprechen.

Während Harris bei der liberalen Basis und vor allem auch bei afroamerikanischen Wählerinnen und Wählern punkten kann, könnte sie andererseits zur Zielscheibe jener teilweise auch rassistisch motivierten Republikaner werden, die eine schwarze Präsidentin verhindern wollen.

Im bisherigen Wahlkampf äußerten die Republikaner Bedenken hinsichtlich Bidens Alter, insbesondere wegen der Befürchtung, dass der Präsident, der manchmal einen gebrechlichen und verwirrten Eindruck machte, möglicherweise bald die Amtsgeschäfte an die jüngere Vizepräsidentin Kamala Harris abgeben könnte.

Präsident Biden und seine Unterstützer haben der Partei möglicherweise geschadet, indem sie Bedenken über Bidens mentale und physische Gesundheit als Verschwörungstheorien zurückgewiesen haben. Während Donald Trump bekannt für seine zahlreichen Unwahrheiten ist, stehen nun auch die Demokraten und deren Spitzenkandidatin Kamala Harris vor einem Glaubwürdigkeitsproblem.

Dr. Josef Braml ist USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.

Zuletzt erschienen beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“.