Warum Donald Trump erneut zum Präsidenten gewählt werden könnte und weshalb Anleger, die angesichts der exorbitanten Schuldenlast der USA weiterhin in US-Staatsanleihen investieren, ein hohes Risiko eingehen, erläutert der USA-Experte Josef Braml im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin €uro.
€uro: Herr Braml, Donald Trump liegt trotz diverser Strafverfahren in Vorwahl-Umfragen vor US-Präsident Joe Biden. Wie erklärt sich seine Popularität?
Josef Braml: Trump gibt den Kämpfer gegen das Establishment. Seiner Behauptung, die vielen Anklagen seien alle politisch motiviert, wird zunehmend geglaubt. Trump ist nicht nur populär bei Bürgern, die sich durch die Globalisierung abgehängt fühlen und in ihm die Handgranate gegen die Eliten in Washington sehen. Wachsende Zustimmung und finanzielle Unterstützung erfährt er auch bei Marktapologeten, die Steuersenkungen fordern und jegliche Einmischung des Staates in die Wirtschaft ablehnen.
Sind von Trump schon jetzt in Aussicht gestellte Steuersenkungen angesichts der enormen Staatsverschuldung möglich?
Politisch ja. Doch das Defizit mit 33 Billionen US-Dollar ist unhaltbar, insbesondere seitdem die Zinsen gestiegen sind. Anleger, die dennoch in US-Staatsanleihen investieren, gehen ein hohes Risiko ein. Mir scheint, sie haben aus der Finanzkrise 2007/2008 keine Lehren gezogen.
Trump hat den Handelskrieg gegen China begonnen. Biden setzt ihn unvermindert fort?
Nicht nur. Biden hat ihn mit dem Chips Act noch verschärft. Dadurch aber erfährt die De-Globalisierung und damit die Inflation noch mehr Dynamik. Vor allem wird die letzte Chance verpasst, mit der zweitgrößten Volkswirtschaft zusammenzuarbeiten, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Ohne China geling die dringend notwendige Reduzierung von CO2-Emissionen nicht.
Statt notwendiger Kooperation verschärft sich die Konfrontation zwischen Washington und Peking?
Ja. Sowohl bei den Demokraten als auch bei den Republikanern herrscht die Meinung vor, die Globalisierung habe den USA geschadet und China genutzt. Die US-Sanktionen sind die Folge, diese aber treffen nicht nur China schwer, sondern verursachen auch hohe Kosten für die US-Verbrauer. Die Gefahr, dass beide Länder sich nicht nur wirtschaftlich schaden, sondern auch in einen militärischen Konflikt hineinschlittern, ist gegeben.
Biden will mit dem Inflation Reduction Act die Teuerung stoppen und die Konjunktur ankurbeln. Bringt ihm dies Wähler zurück?
Nein. Biden entfacht damit nur Strohfeuer. Der Kaufkraftverlust wird zunehmen, weil Bidens Protektionismus die Inflation befeuert. Die Zinsen bleiben daher hoch. Das wird sich mittelfristig auch negativ auf den Arbeitsmarkt und die Finanzmärkte niederschlagen. Eine verschlechtere Wirtschaftslage könnte Trumps Chancen bei den Wahlen erhöhen.
Welche Folgen hätte eine Wiederwahl Trumps für Europa?
Der europäische Kontinent sollte sich auf wirtschaftliche Nachteile einstellen. Vor allem aber muss Europa mehr für seine Verteidigung tun. Auf die USA wäre dann kein unbedingter Verlass mehr. Wer militärisch nicht stark ist, ist kein Akteur in der internationalen Politik, sondern wird zum Objekt.
Dr. Josef Braml ist USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens. Zuletzt erschienen beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch “Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“.