Die Dollar-Dominanz verliert ihre Selbstverständlichkeit

Traders working at multiple monitors displaying BOJ intervention in EUR/JPY forex market

Die gemeinsame Intervention der USA und Japans zugunsten des Yen ist mehr als eine Episode am Devisenmarkt. Sie zeigt, dass Washington die Grenzen seiner eigenen Finanzmacht erkennt – und dass Europa daraus endlich Konsequenzen ziehen sollte. Ein Gastbeitrag von USA-Experte Josef Braml für The Pioneer.

Auf den ersten Blick war die jüngste Stützung des Yen eine klassische Währungsintervention: Japan kauft seine eigene Währung, um deren weiteren Verfall zu bremsen. Doch wer nur auf den kurzfristigen Wechselkurseffekt schaut, übersieht die eigentliche Botschaft.

Das wirklich Bemerkenswerte liegt nicht in Tokio, sondern in Washington. Zum ersten Mal seit mehr als 15 Jahren beteiligte sich das US-Finanzministerium wieder gemeinsam mit Japan an einer Yen-Intervention. Noch aussagekräftiger war, wie die Vereinigten Staaten vorgingen: Sie kauften Yen mit Euro, nicht mit Dollar. Damit vermied Washington offenbar, zusätzliche US-Staatsanleihen verkaufen zu müssen – in einem Markt, der ohnehin nervös auf steigende Renditen, wachsende Defizite und die fiskalische Disziplinlosigkeit der amerikanischen Politik reagiert.

Auch Japans Hinweis, bei Bedarf die sogenannte FIMA-Fazilität der Federal Reserve zu nutzen, passt in dieses Bild. Diese Repo-Fazilität bietet ausländischen Zentralbanken Liquidität gegen US-Staatsanleihen, ohne dass die Zentralbanken diese Treasuries unmittelbar verkaufen müssen.

Was technisch klingt, ist politisch brisant: Die wichtigste Reservewährung der Welt wird nicht mehr nur an ihrer Größe und Liquidität gemessen, sondern auch daran, ob ihre Halter sie noch uneingeschränkt nutzen können, ohne Marktverwerfungen oder politischen Druck aus Washington zu provozieren.

Damit wird sichtbar, was ich im Wirtschaftskapitel meines in Kürze erscheinenden Buches „Die narzisstische Nation“ als strukturelle Schwäche des amerikanischen Modells beschreibe: Die USA leben seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse. Staat, Unternehmen und private Haushalte haben Wachstum immer wieder durch Kredit finanziert. Die besondere Stellung des Dollars machte dies möglich. Weil die Welt Dollarreserven hält und US-Staatsanleihen als sicheren, liquiden Hafen betrachtet, konnten die Vereinigten Staaten Defizite finanzieren, die anderen Staaten längst die Bonität gekostet hätten.

Doch dieses Privileg ist kein Naturgesetz. Es beruht auf Vertrauen: in die amerikanische Zahlungsfähigkeit, in die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte, in die politische Verlässlichkeit Washingtons und in die Annahme, dass Dollarreserven im Krisenfall tatsächlich frei verfügbar sind. Wenn ausgerechnet die US-Regierung vermeiden möchte, dass alliierte Zentralbanken in größerem Umfang Dollarreserven mobilisieren, dann ist das ein Warnsignal. Der Dollar bleibt dominant, aber seine Dominanz wirkt weniger selbstverständlich.

Besonders heikel ist Japans Rolle als einer der größten ausländischen Halter US-amerikanischer Staatsanleihen. Verteidigt Tokio den Yen klassisch durch den Einsatz von Dollarreserven und den Verkauf von Treasuries, kann das deren Kurse drücken, Renditen erhöhen und die US-Finanzierungskosten weiter verteuern. So wird die Währungsfrage zur Schuldenfrage – und diese zur Machtfrage.

Europa sollte die Episode daher nicht als fernöstliches Sonderproblem abtun. Die Lehre reicht weiter: Wenn selbst die USA verhindern wollen, dass ein enger Verbündeter seine Dollarreserven abrupt mobilisiert, zeigt sich die Verwundbarkeit einer Weltordnung, die ihre finanzielle Sicherheit auf US-Staatsanleihen und Washingtons Berechenbarkeit stützt.

Gerade diese Berechenbarkeit ist in den USA brüchiger geworden. Haushaltsblockaden, Schuldenobergrenzen, ungedeckte Steuersenkungen, industriepolitische Alleingänge und die politische Nutzung von Handel, Sanktionen und Sicherheitsgarantien schaffen internationale Finanzrisiken. Der Dollar ist damit nicht nur Währung, sondern politisches Machtinstrument.

Für Europa folgt daraus kein naiver Ruf nach sofortiger Entdollarisierung. Der Euro kann den Dollar absehbar nicht ersetzen; dafür fehlen Kapitalmarktunion, ein großer gemeinsamer sicherer Anlagewert, fiskalische Handlungsfähigkeit und politischer Wille. Doch Europa darf seine Dollarabhängigkeit nicht länger als Komfortzone betrachten. Strategische Autonomie beginnt auch bei Zahlungsinfrastrukturen, Kapitalmärkten und Reservepolitik.

Die Eurozone muss ihre Währung daher mehr als rhetorisch stärken: durch tiefere Anleihemärkte, glaubwürdige gemeinsame Finanzinstrumente, eine größere internationale Rolle der Europäischen Zentralbank und mehr politische Handlungsfähigkeit. Solange Europa seine Finanzmacht fragmentiert, überlässt es Washington den entscheidenden Hebel – und bleibt monetär wie geopolitisch kleiner, als es wirtschaftlich sein müsste.

Die Yen-Intervention war kein Abgesang auf den Dollar, sondern seine Entzauberung: Er bleibt mächtig, weil Alternativen fehlen – aber gefährlich für Europa ist nicht seine Stärke, sondern die eigene Abhängigkeit von ihr.

Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des in Kürze erscheinenden Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.