Donald Trump könnte die Schwächen von Kamala Harris nutzen, um ins Weiße Haus zurückzukehren. USA-Experte Josef Braml analysiert für Focus Online, wie das amerikanische Wahlsystem und entscheidende Swing States Trump den Weg ebnen könnten.
Seit den US-Präsidentschaftswahlen von 1984, bei denen der Republikaner Ronald Reagan den Demokraten Walter Mondale deklassierte, hat kein Sieger mehr deutlich über 53 Prozent der Stimmen erhalten. Einige Kandidaten haben sogar gewonnen, obwohl sie weniger als die Hälfte der abgegebenen Stimmen erhielten, darunter Bill Clinton in den Jahren 1992 und 1996 sowie George W. Bush im Jahr 2000 und Donald Trump im Jahr 2016.
Joe Biden wurde mit einer Rekordzahl von etwas über 81 Millionen Stimmen, was 51 Prozent der Gesamtstimmen entspricht, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Trotz der Befürchtungen vor einer umstrittenen Wahl wurde Biden am 14. Dezember 2020 mit einer Mehrheit von 306 der insgesamt 538 Wahlleute des „electoral college“ zum Präsidenten ernannt und am 20. Januar 2021 vereidigt und ins Amt eingeführt.
Bidens Wahlsieg war jedoch sehr knapp. Trump hätte nur etwa 45.000 zusätzliche Stimmen in Georgia, Arizona und Wisconsin gebraucht, um die Wahl zu gewinnen. Dass es trotz eines deutlichen Vorsprungs bei den Gesamtstimmen (popular vote) einmal mehr zu einer knappen Entscheidung beim Wahlausgang kam, liegt an der Zusammensetzung des Wahlkollegiums (electoral college) und dessen entscheidender Abstimmung (electoral vote).
Mit zwei Ausnahmen – Maine und Nebraska, die ihre Stimmen entsprechend den Mehrheiten in kleineren Einheiten (Wahlkreisen) auf beide Kandidaten verteilen – erhält der Gewinner eines Einzelstaates alle Wahlleutestimmen, die dieser zu vergeben hat: „The winner takes it all“ lautet das Prinzip. Gewählt ist schließlich derjenige, der mindestens 270 Stimmen, also mehr als die Hälfte der zu vergebenden 538 Wahlleutestimmen, erzielt.
Bevölkerungsreiche Staaten haben mehr Gewicht: Kalifornien entsendet 54, Wyoming nur drei Wahlleute ins Kollegium. Ausschlaggebend ist aber letzten Endes das Wählerverhalten in wenigen Einzelstaaten. Denn viele Staaten sind in der Regel sicher verteilt, wie Kalifornien und New York für die Demokraten oder Texas für die Republikaner. Nur wenige hart umkämpfte Einzelstaaten, sogenannte „battleground states“, sind wirklich entscheidend. Das sind vor allem solche, die in der Vergangenheit zwischen den beiden Parteien hin- und hergependelt sind und deshalb auch als „swing states“ bezeichnet werden.
Nur wenige hart umkämpfte Battleground States
Während die meisten US-Bürger von Wahlkampagnen mehr oder weniger unbehelligt bleiben, konzentrieren sich die Präsidentschaftskandidaten und unterstützende externe Organisationen in diesem Wahlzyklus auf nur etwas mehr als ein halbes Dutzend umkämpfte Staaten: Pennsylvania (19), Georgia (16), North Carolina (16), Michigan (15), Arizona (11), Wisconsin (10) und Nevada (6). Pennsylvania ist mit 19 Wahlleutestimmen der wichtigste der sieben „Swing“-Staaten und wird wahrscheinlich den Ausgang der Wahl bestimmen. Sowohl Kamala Harris als auch Donald Trump benötigen den Sieg in diesem Staat, um die erforderlichen 270 Wahlleutestimmen zu erreichen.
Um aussagekräftige Prognosen zu gewinnen, sollte man sich daher weniger – wie in Deutschland üblich – auf nationale Umfragen stützen, sondern auf jene Einzelstaaten konzentrieren, die den Ausschlag für Sieg oder Niederlage geben.
Obwohl knapp drei Wochen vor dem Wahltag am 5. November Vize-Präsidentin Harris in den nationalen Umfragen mit 49,3 versus 47,9 Prozent noch vor Trump liegt, könnte der ehemalige Präsident die Wahl am Ende doch gewinnen. Denn in allen sieben genannten „battleground states“ hat Trump laut den Umfrage-Analysen von Real Clear Politics einen (knappen) Vorsprung.
Noch beunruhigender für das Wahlkampfteam von Harris dürfte der Trend sein. Sowohl in nationalen als auch in den Umfragen für die umstrittenen Einzelstaaten hat Harris seit dem Honeymoon ihrer Parteitagsnominierung an Boden verloren.
Es gibt Hinweise darauf, dass Trump bei hispanischen und schwarzen Wählern besser abschneiden könnte als vor vier Jahren. Harris muss bei den Minderheiten ähnlich gute Ergebnisse wie Biden erzielen; doch es fällt ihr schwer, insbesondere hispanische und afroamerikanische Männer zu mobilisieren.
Trump punktet bei Latinos
Latinos sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe in den Vereinigten Staaten und stellen mittlerweile die größte ethnische Minderheit dar. Hispanische Wähler gewinnen demografisch bedingt zunehmend an Bedeutung, insbesondere in entscheidenden „Swing States“. Obwohl ihr Anteil an der Gesamtwählerschaft gering ist, verleiht ihnen das US-Wahlsystem politischen Einfluss. In umkämpften Bundesstaaten wie Arizona und Nevada kann ihre hohe Präsenz das Wahlergebnis maßgeblich beeinflussen.
Die Debatte darüber, ob das Land mehr Einwanderer aufnehmen und illegal eingewanderte Personen eingebürgert und sozialpolitisch unterstützt werden sollten, hat an politischer Brisanz gewonnen. Harris spricht sich freundlicher für Einwanderer aus, während Trump fälschlicherweise behauptet, sie würden Haustiere wie Hunde und Katzen entführen und essen.
Gleichwohl ist es Trump gelungen, bei den Latinos gegenüber den Demokraten aufzuholen. Latino-Wähler waren lange Zeit ein wichtiger Teil der demokratischen Koalition, aber die Republikaner haben bei den letzten Wahlen unter ihnen an Boden gewonnen. Im Jahr 2020 gewann Joe Biden mit 63 Prozent der Stimmen im Vergleich zu den 35 Prozent, die von hispanischen Wählern an Donald Trump gingen. Doch Trump machte bereits bei der letzten Wahl Zugewinne bei der hispanischen Wählerschaft. Laut den Exit Polls des National Election Pool schnitt Trump bei Latinas und Latinos ohne College-Abschluss wesentlich besser ab als bei hispanischen Wählerinnen und Wählern mit College-Ausbildung (41 versus 30 Prozent).
Eine kürzlich durchgeführte Umfrage des Wall Street Journal in den umkämpften Bundesstaaten ergab, dass Harris 50 Prozent der hispanischen Wähler auf sich vereinen konnte, während 39 Prozent für Trump stimmten, während 7 Prozent noch unentschlossen waren. Laut einer Umfrage des Pew Research Center ist die Wirtschaft das wichtigste Thema für Latino-Wähler. Denn drei Viertel (77 Prozent) von ihnen bewerten die nationalen wirtschaftlichen Bedingungen als eher schlecht. Das könnte Trump nutzen, dem in Wirtschaftsfragen allgemein mehr Kompetenz zugetraut wird als Harris.
Harris‘ Probleme mit schwarzen Männern
Harris kämpft auch gegen Trumps Zugewinne bei schwarzen Männern. Eine Umfrage des Wall Street Journal zeigt, dass Harris bei ihnen weniger Unterstützung findet als Biden vor vier Jahren. Sie muss daher noch Bemühungen unternehmen, um ihre Unterstützung bei schwarzen Männern, insbesondere in wichtigen Metropolen wie Detroit, Philadelphia und Atlanta zu stärken.
Harris setzt dabei auch auf prominente Unterstützer wie den Schauspieler Don Cheadle und den NFL-Spieler Thomas Booker, die bei Veranstaltungen wie einer „Monday Night Football“-Party in Detroit für sie werben. Diese Strategie folgt auf Bemerkungen des ehemaligen Präsidenten Barack Obama, der schwarze Männer aufforderte, Harris zu unterstützen, was jedoch nicht bei allen gut ankam und teilweise als kontraproduktiv angesehen wurde.
Auf der Zielgeraden im Wahlkampf versucht die Vizepräsidentin ihre Verwundbarkeit auszugleichen, indem sie unter anderem eine Million Geschäftskredite für schwarze Unternehmer und mehr Ausbildungsprogramme verspricht.
It’s the Economy, Stupid!
Allzu lange konzentrierte Harris ihre relativ kurze Kampagne darauf, die Demokratie und die Abtreibungsrechte schützen zu wollen. Einer Gallup-Umfrage zufolge ist jedoch die Wirtschaft das dominierende Thema bei der Wahl 2024. 52 Prozent der Wähler betrachten die Wirtschaft als „äußerst wichtigen“ Einfluss auf ihre Wahlentscheidung, und weitere 38 Prozent bewerten sie als „sehr wichtig“.
Die aktuelle Bedeutung der Wirtschaft ist die höchste seit Oktober 2008, während der Großen Rezession nach der Wirtschafts- und Finanzkrise, als 55 Prozent der Wähler sie als äußerst wichtig einstuften.
Donald Trump wird von den Wählern als besser geeignet angesehen, die Wirtschaft (54% zu 45%), Einwanderung (+9 Prozentpunkte) und Außenpolitik (+5) zu bewältigen.
Oktober- oder November-Überraschung?
In der Außenpolitik wird Trump als kompetenter wahrgenommen, insbesondere wird ihm als möglicher Oberbefehlshaber von seinen Landsleuten mehr Vertrauen entgegengebracht.
Vor US-Wahlen gab es in der Vergangenheit oft eine „October Surprise“ – ein unerwartetes innen- oder außenpolitisches Ereignis, das die Wahl beeinflusste. Es wäre nicht wirklich eine Oktober-Überraschung, sollte etwa Israel die jüngsten Raketen-Angriffe des Iran erwidern. Eine Eskalation der Kriegsherde im Nahen Osten würde einmal mehr Trump in die Karten spielen.
Die große Mehrheit der Deutschen erwartet indes einen Wahlsieg von Kamala Harris. Obwohl die Umfragen in den USA ein knappes Rennen zeigen, glauben gemäß dem aktuellen ZDF-Politbarometer knapp drei Viertel der Deutschen an einen Sieg von Harris gegen Trump. Sollte jedoch Donald Trump erneut ins Weiße Haus einziehen, müsste sich Deutschland auf erhebliche außenpolitische Folgen für Sicherheit und Wohlstand einstellen.
Dr. Josef Braml ist USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt erschienen beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“.