Die Welt verliert Vertrauen in die USA und China – und öffnet damit ein strategisches Fenster für Europa. Der Geopolitikexperte Josef Braml sieht darin eine seltene Chance: Wenn Großmächte an Glaubwürdigkeit einbüßen, kann auch Deutschland als stabiler Akteur an Einfluss gewinnen. Ein Beitrag für The Pioneer.
Die Weltbevölkerung lehnt USA und China ab – und öffnet Europa ein historisches Zeitfenster. Die globale Ordnung gerät ins Rutschen. Erstmals seit fast 20 Jahren liegt China in der weltweiten Zustimmung knapp vor den USA. Doch der Befund ist trügerisch: Es ist kein Siegeszug Pekings – sondern Ausdruck eines weltweiten Vertrauensverlusts in beide sogenannten Großmächte. Genau darin liegt eine historische Chance: für Europa. Und besonders für Deutschland.
Aktuelle Gallup‑Daten aus mehr als 130 Ländern zeigen ein klares Bild. 2025 bewerten im Median nur noch 31 Prozent der Befragten die US‑Führung positiv. China kommt auf 36 Prozent. Der Vorsprung ist der größte, den Gallup je gemessen hat. Entscheidend ist jedoch der Trend: Die USA verlieren massiv an Zustimmung, vor allem bei Partnern und Verbündeten. China gewinnt nur moderat hinzu – bleibt aber ebenfalls weit von breiter Akzeptanz entfernt.
Der Absturz der USA
Besonders alarmierend für Washington: In 44 Ländern brach die Zustimmung zur US‑Führung binnen eines Jahres um mindestens zehn Prozentpunkte ein. Darunter zahlreiche NATO‑Partner. Deutschland verzeichnete mit minus 39 Punkten den stärksten Rückgang weltweit, dicht gefolgt von Portugal. Auch Kanada, Großbritannien und Italien verloren deutlich an Vertrauen.
Parallel erreicht die Ablehnung der USA einen historischen Höchststand: 48 Prozent der Weltbevölkerung lehnen die amerikanische Führung inzwischen ab. Netto – Zustimmung minus Ablehnung – stehen die USA bei minus 15 Punkten. Das ist der schlechteste Wert seit Beginn der Messungen, sogar niedriger als auf dem Höhepunkt der Trump‑Jahre 2020.
Der Grund ist weniger einzelne politische Entscheidungen als ein strukturelles Problem: Die USA werden zunehmend als unberechenbar wahrgenommen. Innenpolitische Polarisierung, abrupte Kurswechsel und der Rückzug aus internationalen Institutionen untergraben das Vertrauen selbst langjähriger Partner. Darüber hinaus werden die globale Auswirkungen von Trumps kurzsichtigem und verantwortungslosem Krieg gegen Iran diesen Trend in Zukunft wahrscheinlich noch verstärken.
China profitiert – ohne zu überzeugen
China liegt zwar in der Zustimmung knapp vor den USA, doch auch hier gilt: Begeisterung sieht anders aus. Die Ablehnung gegenüber Peking bleibt stabil bei 37 Prozent. Die Netto‑Zustimmung ist mit minus 1 kaum weniger negativ als zuvor. Viele Länder wenden sich China nicht aus Überzeugung zu, sondern aus Frustration über Washington.
Fast die Hälfte aller Staaten bewertet inzwischen beide Großmächte negativ. Nur knapp ein Drittel sieht beide positiv. Die Welt ist nicht pro‑chinesisch – sie ist anti‑hegemonial. Und sie sucht Alternativen.
Bemerkenswert ist ein dritter Akteur im Gallup‑Ranking: Deutschland. Mit 48 Prozent Zustimmung liegt die Bundesrepublik 2025 deutlich vor China, den USA und Russland. Seit neun Jahren ist Deutschland die am positivsten bewertete große Macht – über Regierungswechsel hinweg.
Das ist mehr als ein Sympathiewert. Deutschland steht international für Berechenbarkeit, Multilateralismus und institutionelle Stabilität. Eigenschaften, die in einer fragmentierten Welt wieder gefragt sind. Doch bislang wird dieses Vertrauen politisch nicht konsequent genutzt.
Die Daten zeigen: Die Welt driftet nicht in ein neues bipolares System zwischen Washington und Peking. Sie wird multipolar – und instabiler. Viele Länder sind nur schwach ausgerichtet oder bewusst „umkämpft“. Sie balancieren, statt sich zu binden. Genau hier entsteht ein Vakuum: Es fehlt eine gestaltende Kraft, die Ordnung anbietet, ohne Dominanz auszuüben. Weder die USA noch China erfüllen diese Rolle. Beide werden zunehmend als Teil des Problems wahrgenommen – nicht als Teil der Lösung.
Europas Chance – wenn es sich traut
Für Europa ist das eine strategische Gelegenheit. Ein geeinter europäischer Akteur könnte genau das liefern, was vielen Staaten fehlt: Verlässlichkeit ohne Zwang, Regeln statt Willkür, Kooperation statt Machtpolitik. Doch dafür braucht es Führung. Und die kann – realistisch betrachtet – nur aus Berlin kommen.
Nicht im Sinne eines deutschen Alleingangs, sondern als Motor europäischer Handlungsfähigkeit: außen‑ und sicherheitspolitisch, wirtschaftlich, technologisch. Ein Europa, das spricht, statt nur zu reagieren. Das vermittelt, statt zu belehren. Und das seine normative Kraft mit politischem Gewicht verbindet.
Die Gallup‑Daten stammen aus dem Jahr 2025 – also noch vor den weiteren Eskalationen Anfang 2026. Der Vertrauensverlust in die beiden dominierenden Großmächte dürfte sich seither eher vertieft haben. Umso dringlicher stellt sich die Frage: Wer füllt das entstehende Macht‑ und Ordnungsvakuum?
Gerade bei den Kriegen, die Europa unmittelbar betreffen – in der Ukraine und im Nahen Osten –, wird sichtbar, was fehlt: glaubwürdige diplomatische Führung. Weder Washington noch Peking gelten derzeit als ehrliche Makler. Die USA sind Partei und zunehmend unberechenbar, China verfolgt primär eigene strategische Interessen. Genau hier könnte Europa ansetzen – wenn es politisch handlungsfähig ist.
Ukraine: Sicherheit durch Verhandlungsmacht
In der Ukraine geht es längst nicht mehr nur um militärische Unterstützung, sondern um die Frage, wie ein tragfähiger europäischer Sicherheitsrahmen aussehen kann, der über den Krieg hinausreicht. Europa – unter deutscher Führung – könnte den diplomatischen Raum öffnen, den andere blockieren: mit einem abgestuften Verhandlungsformat, das Sicherheitsgarantien, territoriale Fragen und langfristige Wiederaufbau‑Perspektiven zusammendenkt.
Deutschland bringt dafür Voraussetzungen mit, die andere nicht haben: ökonomisches Gewicht, zentrale Lage, Erfahrung in Rüstungskontrolle und Ost‑West‑Vermittlung. Ein europäischer Ansatz müsste klar machen: Unterstützung der Ukraine: ja, aber mit dem politischen Ziel, einen stabilen Frieden zu verhandeln – und nicht, um einen endlosen Abnutzungskrieg zu verwalten. Führung hieße hier nicht Nachgiebigkeit, sondern strategische Klarheit über das Endspiel.
Iran: Europas diplomatisches Kapital neu nutzen
Ähnlich beim Iran. Während die USA militärisch eskalieren und China taktisch laviert, besitzt Europa – trotz aller Rückschläge – weiterhin diplomatisches Kapital. Die Erfahrungen aus den Atomverhandlungen zeigen: Europa kann Gesprächskanäle offenhalten, wo andere sie schließen.
Ein europäisch geführter Ansatz könnte Sicherheit, Nichtverbreitung und regionale Stabilität wieder zusammendenken – nicht aus moralischer Überlegenheit, sondern aus eigenem Interesse. Ein Flächenbrand im Nahen Osten trifft Europa direkt: energiepolitisch, sicherheitspolitisch, migrationspolitisch. Führung hieße hier, Diplomatie als strategisches Instrument zurückzuerobern, statt sie der Militärlogik zu überlassen.
Wenn Europa diese Rolle nicht übernimmt, werden es andere tun – auf Kosten von Stabilität und demokratischen Standards. Die Welt sucht nicht die lauteste, sondern die glaubwürdigste Führung. Genau darin liegt Europas – und Deutschlands – Vorteil: weniger Drohkulisse und Ideologie, mehr Verlässlichkeit und institutionelle Erfahrung.
Deutschland wird international nicht wegen militärischer Macht geschätzt, sondern wegen Berechenbarkeit, Regelbindung und der Fähigkeit, Interessen auszugleichen. In einer Welt, in der fast die Hälfte der Staaten sowohl die USA als auch China ablehnt, ist das kein Nachteil – sondern ein strategischer Trumpf.
Deutschland und Europa haben heute bessere Voraussetzungen für globale Führungsverantwortung als viele wahrhaben wollen: wirtschaftliche Stärke, politische Legitimität, diplomatische Netzwerke. Was fehlt, ist nicht das Potenzial, sondern der politische Wille, es einzusetzen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Europa gebraucht wird. Sondern ob Berlin bereit ist, die Rolle anzunehmen, die andere längst nicht mehr ausfüllen können: als Motor eines geeinten Europas in einer neuen Weltordnung.
Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.
In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.