Die Straße von Hormus wird zum geoökonomischen Hebel mit globalen Folgen. Warum eine vollständige Blockade ein riskantes Machtspiel ist, erläutert der USA- und Geoökonomie-Experte Josef Braml für Focus Online.
US-Präsident Donald Trump droht im Iran-Krieg nun seinerseits mit einer Blockade der Straße von Hormus – jener Meerenge, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels fließt. Paradox daran: Zugleich fordert Trump Iran öffentlich auf, die Passage „unbedingt“ wieder freizugeben. Warum also mit einer Blockade drohen, wenn das erklärte Ziel Offenheit ist?
Die Antwort liegt weniger in militärischer Logik als in ökonomischem Kalkül – und im politischen Druck steigender Energiepreise.
Die Straße von Hormus ist nicht dicht – sie ist selektiv offen
Entgegen der öffentlichen Darstellung ist die Straße von Hormus derzeit nicht vollständig blockiert. Iran lässt ausgewählte Öltanker passieren – gegen teils hohe Gebühren von bis zu zwei Millionen US‑Dollar pro Schiff. Vor allem aber hält Teheran den eigenen Ölfluss aufrecht. Nach Daten des Analyseunternehmens Kpler exportierte Iran im März durchschnittlich rund 1,85 Millionen Barrel Rohöl pro Tag – etwa 100.000 Barrel mehr als in den drei Monaten zuvor. Die Exporte konnten darüber hinaus auch noch zu einem deutlich höheren Marktpreis abgesetzt werden.
Mit anderen Worten: Iran nutzt die Meerenge nicht als totale Abriegelung, sondern als Einnahmequelle. Der Nadelöhr‑Status der Route wird strategisch ausgeschöpft – ökonomisch wie politisch.
Der gefährliche US‑Hebel: Irans Öl-Einnahmen treffen
Genau hier setzt Trumps Drohung an. Eine US‑Marineblockade würde nicht nur fremde Tanker aufhalten, sondern könnte vor allem Irans eigene Exporte stoppen. Das träfe die wichtigste Einnahmequelle des Regimes – und damit die Finanzierung von Regierung, Militär und regionalen Stellvertreterkonflikten.
Doch dieser Hebel ist gefährlich. Denn iranisches Öl verschwindet nicht lautlos vom Markt. Ein abrupter Ausfall würde das ohnehin angespannte Angebot weiter verknappen. Die Folge: steigende Öl‑ und Benzinpreise weltweit – auch in den USA.
Warum Washington bisher wegsah
Gerade deshalb hatte die US‑Regierung bislang genau diesen Schritt vermieden. Trotz harter Rhetorik ließ die US‑Marine iranische Tanker passieren. Mehr noch: Im März genehmigte Washington zeitweise sogar den Verkauf von iranischem Öl, das auf Tankern gelagert war. De facto wurde damit zusätzlicher Ölfluss ermöglicht – um den Preisauftrieb zu dämpfen.
Das ist geopolitische Realpolitik: Solange Iran Öl verkauft, stabilisiert das den Markt. Und niedrige Energiepreise sind für jede US‑Regierung ein politisches Gut – erst recht für Trump, der seit Monaten unter dem Druck hoher Benzinpreise steht.
Trumps Hormus-Blockade würde Amerikaner an der Zapfsäule treffen
Die angedrohte Blockade der Straße von Hormus durch die USA ist mehr als eine geopolitische Machtdemonstration – sie hat unmittelbare Konsequenzen für den Alltag amerikanischer Verbraucher. Da ein Großteil des weltweiten Ölhandels durch diese Meerenge läuft, würde ein plötzlicher Ausfall iranischer Exporte das globale Angebot drastisch verknappen. Die daraus resultierenden Preissprünge treffen nicht nur die internationalen Märkte, sondern führen auch in den USA zu höheren Benzin- und Energiepreisen.
Für die US-Regierung stellt sich deshalb ein Dilemma: Einerseits soll der Druck auf Teheran erhöht und Irans Einnahmequellen beschnitten werden. Andererseits steht die Stabilität der Energiepreise im eigenen Land auf dem Spiel, was innenpolitisch besonders heikel ist. Trumps Drohung zeigt, wie eng außenpolitische Maßnahmen mit den Interessen der eigenen Bevölkerung verwoben sind – und wie riskant es ist, dieses Gleichgewicht aus den Augen zu verlieren.
Machtpoker mit fatalen Nebenwirkungen
Die widersprüchliche US‑Politik ist Ausdruck dieses Dilemmas. Einerseits soll der Druck auf Teheran erhöht werden. Andererseits darf der Ölpreis nicht explodieren. Deshalb griff Washington zuletzt parallel zu mehreren Mitteln: Freigabe strategischer Reserven, befristete Lockerungen von Sanktionen, sogar Teil‑Entsanktionierungen russischen Öls.
Doch diese Strategie hat Grenzen. Je länger der Konflikt andauert, desto geringer wird die Wirkung solcher temporären Maßnahmen. Und desto stärker wächst der innenpolitische Druck.
Trumps Blockadeandrohung ist daher weniger ein sofortiger Militärbefehl als eine Eskalationswarnung. Sie signalisiert: Wenn Teheran den Status quo weiter ausnutzt, ist Washington bereit, auch einen Preisschock in Kauf zu nehmen – um maximale Hebelwirkung zu erzielen.
Für Trump zählt am Ende nicht die Durchhaltefähigkeit Irans, sondern die Schmerzgrenze amerikanischer Wähler. Anhaltend hohe Energie‑ und Lebensmittelpreise könnten sich bei den Kongresswahlen am 3. November schneller politisch rächen, als wirtschaftlicher Druck Wirkung in Teheran entfaltet.
Hormus birgt permanentes Eskalationspotenzial
Hinzu kommt Irans strategische Geographie, die militärische Überlegenheit relativiert. Das Land verfügt über eine rund 1.800 Kilometer lange Südküste, die sich vom Irak bis zur pakistanischen Grenze erstreckt. Große Teile dieser Küstenregion sind zerklüftet und inselreich; in weiten Abschnitten rücken zudem die Ausläufer der Zagros‑ und Makran‑Bergzüge unmittelbar an den Küstenraum heran. Diese Topographie erschwert klassische militärische Kontrolle und bietet zugleich zahlreiche Möglichkeiten, US‑Truppen, maritime Routen und regionale Stützpunkte aus der Tiefe heraus unter Druck zu setzen.
Entlang der iranischen Küste und rund um die Straße von Hormus schafft die Kombination aus natürlicher Enge, unübersichtlichem Terrain und Nähe zu internationalen Schifffahrtsrouten ein permanentes Eskalationspotenzial. Bereits die glaubhafte Androhung von Störungen genügt, um Versicherungsprämien steigen zu lassen, Lieferketten zu verzögern und Energiepreise in Bewegung zu setzen – auch mit unmittelbaren innenpolitischen Folgen in den USA.
Teherans Kalkül mit der Zeit
Genau darin liegt Teherans Kalkül: Nicht militärische Überlegenheit, sondern asymmetrische Ausdauer soll den Ausschlag geben. Während Washington auf schnelle Erfolge angewiesen ist und jede Eskalation an den Zapfsäulen und im Supermarkt spürbar wird, kann das iranische Regime Konflikte prolongieren – gestützt auf Geographie, Dezentralisierung und die Bereitschaft, politische Kosten zu externalisieren.
Darüber hinaus wäre Teheran in der Lage, strategische Ölanlagen sowie Pipelines in Saudi-Arabien ins Visier zu nehmen, um den Exportfluss zum Roten Meer zu unterbinden. Dies würde die ohnehin angespannte globale Versorgung weiter verschärfen und die Ölpreise auf ein neues Rekordniveau treiben.
Ob es dazu kommt, bleibt offen. Klar ist jedoch: Eine tatsächliche Blockade würde nicht nur Iran treffen, sondern das globale Energiesystem – mit direkten Folgen für Verbraucher, Unternehmen und Finanzmärkte weltweit.
Ein gefährliches Spiel mit offenem Ausgang
Trump steht vor einer klassischen Zwickmühle: Entweder ökonomische Stabilität oder maximale geopolitische Härte. Beides gleichzeitig ist kaum möglich. Die Straße von Hormus zeigt deshalb exemplarisch, wie eng Energiepreise, Innenpolitik und Machtprojektion verflochten sind.
Was als Druckmittel gegen Iran gedacht ist, könnte sich schnell als Brandbeschleuniger für die Weltwirtschaft erweisen. Genau deshalb ist Trumps Drohung so wirkungsvoll – und so gefährlich.
Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.
In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.