Unsichere Allianzen, neue Märkte

Wenn die USA kein Garant mehr für internationale Sicherheit sein wollen, suchen Kapitalmärkte neue Anker. Europa hat nun die Chance, von Trumps Nato-Poker zu profitieren, argumentiert Josef Braml in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.

Aus Verärgerung über die Weigerung der Nato-Partner, sich am Krieg im Persischen Golf zu beteiligen, hat US-Präsident Donald Trump erneut den Sinn des Verteidigungsbündnisses in Frage gestellt. Das ist nicht nur ein sicherheitspolitisches Signal, sondern entfaltet auch unmittelbare ökonomische Nebenwirkungen.

Denn Bündnisse sind nicht allein militärische Arrangements, sondern auch Stabilisatoren für Märkte, Kapitalströme und Investitionsentscheidungen. Wer die Glaubwürdigkeit kollektiver Sicherheitsgarantien unterminiert, greift indirekt auch in die Architektur der globalen Finanzordnung ein.

Trump hat schon beim Streit über die Höhe der Verteidigungsausgaben der Nato-Mitglieder durchblicken lassen, dass die USA sich auch aus dem Verteidigungsbündnis zurückzuziehen könnten. Solche Drohungen wirken wie ein Aufrüstungsbeschleuniger. Europäische Staaten sehen sich gezwungen, ihre Verteidigungsausgaben nicht nur zu erhöhen, sondern rasch zu erhöhen – weniger aus strategischer Überzeugung als aus politischem Zwang.

Diese erzwungene Nachfrage kommt allerdings nur begrenzt europäischen Anbietern zugute. Mangels integrierter Beschaffungsstrukturen fließen große Teile der zusätzlichen Mittel in amerikanische Rüstungskonzerne, die über Skaleneffekte, technologische Dominanz und politische Rückendeckung verfügen.

Damit verschränkt Trump Sicherheits‑ und Industriepolitik: Mehr europäische Verteidigungsausgaben bedeuten zugleich Exportförderung für die US‑Industrie und eine Entlastung des amerikanischen Staatshaushalts. Die Nato‑Drohungen fungieren so als ökonomisches Druckmittel, mit dem Washington seine Partner zu Investitionen bewegt, die letztlich die eigene industrielle Basis stärken.

Internationale Investoren zweifeln an den USA

Weniger sichtbar, aber langfristig womöglich folgenreicher, sind die Auswirkungen auf die internationalen Kapitalmärkte. Sicherheitspolitische Verlässlichkeit ist ein unterschätzter Faktor für das Vertrauen in Staatsanleihen, Währungen und Finanzplätze. Die jahrzehntelange Dominanz von US‑Staatsanleihen als globalem „Safe Asset“ beruhte nicht allein auf der wirtschaftlichen Stärke der USA, sondern auch auf ihrer Rolle als Garant der internationalen Ordnung.

Wenn jedoch selbst Bündnisverpflichtungen offen zur Disposition gestellt werden, steigt die wahrgenommene politische Unsicherheit. Höhere Zinsen für US-Staatsanleihen mögen kurzfristig Investoren anziehen, sie signalisieren jedoch zugleich steigende Risiken – fiskalisch wie geopolitisch. Angesichts einer US‑Staatsverschuldung von deutlich über 38 Billionen Dollar und dauerhaft hohen Defiziten wächst bei internationalen Anlegern die Bereitschaft, ihre Portfolios breiter zu diversifizieren.

Genau hier eröffnet sich für Europa eine strategische Gelegenheit. Seit Jahren wird über das Fehlen eines tiefen, liquiden und einheitlichen europäischen „Safe Asset“ geklagt. Nationale Staatsanleihen – allen voran deutsche Bundesanleihen – erfüllen diese Rolle nur eingeschränkt, da der Markt fragmentiert bleibt und politische Risiken unterschiedlich bewertet werden.

Die zunehmende Ausgabe gemeinschaftlich garantierter EU‑Anleihen im Rahmen von Programmen wie dem nach der Pandemie aufgelegten NextGenerationEU hat jedoch erstmals gezeigt, dass europäische Schuldtitel global nachgefragt werden können.

Trump treibt Europa zu mehr Autonomie

Angesichts wachsender Zweifel an der fiskalischen Tragfähigkeit der USA und der politischen Verlässlichkeit ihrer Sicherheitszusagen könnte ein skalierter Markt für europäische Safe Assets zu einer echten Alternative werden. Internationale Investoren suchen nicht nach ideologischen Projekten, sondern nach Stabilität, Liquidität und Berechenbarkeit. Ein echter europäischer Anleihemarkt würde nicht nur die Finanzierung gemeinsamer Aufgaben – etwa Verteidigung, Infrastruktur oder Energiewende – erleichtern, sondern zugleich die internationale Rolle des Euro stärken.

Trumps Nato‑Drohungen zeigen, wie eng Sicherheits‑ und Finanzordnung miteinander verwoben sind. Wer militärische Garantien zur Disposition stellt, verändert auch die Kalkulation von Investoren. Vertrauen, einmal beschädigt, lässt sich nicht beliebig wiederherstellen – weder politisch noch ökonomisch.

Paradoxerweise treibt Trump Europa so in eine Richtung, die seine eigene Machtbasis langfristig untergraben könnte: hin zu mehr strategischer Autonomie, zu einer eigenständigeren Rüstungs‑ und Industriepolitik – und zu einem europäischen Kapitalmarkt, der nicht länger vollständig vom Dollar‑System abhängig ist. Die NATO‑Drohungen werden damit zu einem Katalysator für eine multipolarere Finanzordnung.

In einer Welt, in der Sicherheit verhandelbar wird, suchen Kapitalmärkte nach neuen Ankern. Europa hätte erstmals seit Einführung des Euros die Möglichkeit, selbst ein solcher Anker zu werden.

Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.

Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.

In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.