Mit Kamala Harris und ihrem potenziellen Vize Tim Walz hat die Kampagne der US-Demokraten Fahrt aufgenommen. Welche Chancen haben die beiden? Der USA-Experte Josef Braml im Gespräch mit Natalie Kettinger von der Abendzeitung.
AZ: Herr Braml, seit Dienstag ist klar: Kamala Harris wird mit dem Gouverneur von Minnesota Tim Walz als potenziellem Vizepräsidenten ins Rennen ums Weiße Haus gehen. Wer ist dieser Mann?
JOSEF BRAML: Das haben sich auch viele Demokraten gefragt. Aber er war unter den verbliebenen Kandidaten – es ging zuletzt ja nur noch um Männer, die möglichst weiß sein sollten – die beste Wahl.
Warum?
Weil er ausgleichen kann, wo es bei Kamala Harris hapert: Sie spricht mit ihrer progressiven Agenda, etwa für Abtreibungsrechte, zwar viele Frauen an, hat aber größere Probleme bei Männern. Gerade bei weißen Männern liegt sie weit hinten. Tim Walz hingegen ist ein „Guy’s Guy“, wie man in Amerika sagen würde: ein ganzer Kerl. Er ist ein Veteran der Nationalgarde, ehemaliger Football-Coach, war Highschool-Lehrer und seine klare Sprache kommt gut bei Arbeitern ohne Hochschulbildung an.
Was trauen Sie den beiden zu? Könnten sie den Einzug ins Weiße Haus schaffen?
Harris und Walz haben eine größere Chance als Joe Biden sie gehabt hätte. Es war doch klar, dass der nicht mehr viel reißen würde. Herausforderer Donald Trump wähnte sich bereits auf der Siegerstraße und nur mit dieser Überheblichkeit lässt sich meiner Ansicht nach erklären, warum er J. D. Vance zu seinem Running Mate erkoren hat. Das war ein Fehler, der ihm zum Verhängnis werden könnte. Vance ist ein Mini-Trump, der ihm nichts bringt. Die Basis ist mit ihrem Messias hochzufrieden. Warum braucht er noch einen Apostel an seiner Seite? Jeder Stratege, mit dem ich auf dem Parteitag der Republikaner gesprochen habe, hat über diese Personalie den Kopf geschüttelt. Trump hätte mehr Mitte signalisieren müssen, ist aber voll auf MAGA (steht für: Make America Great Again, d. Red.) gegangen. Trotzdem: Wenn ich mein Geld auf einen setzen müsste, wäre es nach wie vor Trump.
Das Trump-Lager wirkte nach dem Rückzug von Joe Biden allerdings irritiert, hatte es seine Kampagne doch auf den greisen Amtsinhaber abgestellt. Haben sich die Republikaner mittlerweile wieder gefangen?
Die Angriffe gegen Biden galten eigentlich schon immer Harris. Das Alter von Biden war ja auch deshalb ein Problem, weil viele gesagt haben: Wir wählen den – aber dann kriegen wir die andere. Jetzt steht Harris mitten in der Zielscheibe und das ist für ihre Gegner noch besser. Man darf nicht übersehen, dass es in Amerika Rassismus gibt und viele sich nicht zu schade dafür sind, in dieser Hinsicht gegen sie zu mobilisieren. Außerdem kommt sie aus Kalifornien, einem liberalen Staat. Auch das lässt sich ideal instrumentalisieren. Zudem konnte Trump die Gelegenheit nutzen, den Demokraten vorzuwerfen, sie hätten nicht mit offenen Karten gespielt – und die Menschen über den wahren Gesundheitszustand Joe Bidens belogen. Natürlich ist es befremdlich, so etwas von einem Serien-Lügner zu hören, aber die Demokraten haben hier in der Tat ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Inwiefern?
Alle, die die beginnende Demenz Bidens nicht wahrhaben wollten, werfen nun dem inneren Zirkel vor, die Krankheit verschwiegen zu haben. Aber das ist doch Quatsch: Es war ein offenes Geheimnis.
Warum hat er dann so lange an der Kandidatur festgehalten?
Biden ist genau so narzisstisch wie Trump und ich glaube nicht, dass er freiwillig zurückgezogen hat, weil er an das Gute, Wahre und Schöne glaubt. Die Finanziers haben das Geld zurückgehalten und so Druck gemacht. Außerdem haben viele Parteifreunde, insbesondere Senatoren und Abgeordnete im Kongress, befürchtet, dass eine Klatsche im Kampf ums Weiße Haus sich negativ auf ihre Jobs auswirkt. Die haben ihre Felle davonschwimmen sehen. Auch von dieser Seite gab es deshalb massiven Druck. Eigentlich hätte Joe Biden ganz zurücktreten müssen, weil er nicht mehr fähig ist, die Regierungsgeschäfte auszuführen. Er hat Selenskyj als Putin vorgestellt! Wir schauen zurecht immer ganz genau hin, was bei Trump schief läuft, aber bei den Demokraten und Biden ist eben auch einiges im Argen. Er ist offensichtlich dement – und führt ein Land, von dem unsere Sicherheit abhängt.
Was würde ein Sieg Trumps und was ein Sieg Harris’ für Europa bedeuten?
Bei Trump könnte man die Nato mehr oder weniger vergessen. Dafür müsste er nicht einmal aus dem Bündnis austreten, woran ihn der Kongress auch hindern würde. Aber was wäre die Nato wert, wenn der Oberbefehlshaber das Beistandsversprechen so ausfüllt, wie er gerade mag? Er könnte in einer Krise einfach Helme schicken, wie wir es anfangs bei der Ukraine gemacht haben, und damit wäre Artikel 5 erfüllt. Da darf man sich nichts vormachen. Er hat ja schon gesagt: Wer nicht genug zahlt, mit dem soll Putin zum Teufel machen, was er will. Trump mag keine multilateralen Organisationen. Er mag 1-zu-1-Situationen um sich das Gegenüber zur Brust zu nehmen und über den Tisch zu ziehen.
Und wie wäre die Lage, würde Kamala Harris Präsidentin?
Auch da sollten wir nicht blauäugig sein: Die Amerikaner haben Wichtigeres zu tun, als das Museum Europa zu verteidigen. Ihnen geht es um Asien-Pazifik und darum, China einzudämmen. Sie engagieren sich in der Ukraine vor allem auch deshalb, um die Alliierten in Asien zu beschwichtigen. Hätten sie die Ukraine fallen gelassen, hätten sich die Japaner und Südkoreaner Gedanken darüber gemacht, ob das Geld, das sie für ihren Schutz an die Amerikaner zahlen, gut angelegt ist. Also haben diese genau so viel getan wie nötig: Es wird kein Amerikaner für die Ukraine sterben, es werden Waffen geliefert, die wir bezahlen – und Russland wird als möglicher Partner Chinas geschwächt. Ein gutes Geschäft! Daran würde sich nicht viel ändern. Und im wirtschaftlichen Bereich war Biden härter als Trump! Trump hat gebellt, Biden hat gebissen.
Was genau meinen Sie?
Biden hat Trumps Zölle nicht nur beibehalten, sondern verschärft und mit dem Inflation Reduction Act auch den Industriestandort Deutschland angegriffen. Er hat den Protektionismus verstärkt und mit dem Chips-Act einen Wirtschaftskrieg gegen China vom Zaun gebrochen. Das haben in Europa wenige verstanden, obwohl die USA auch alliierte Länder nötigen, ihre Wirtschaftsbeziehungen mit China im Hochtechnologiebereich abzubauen. Dieser Konflikt wird verschärft werden – egal, wer ins Weiße Haus einzieht, und aus diesem Wirtschaftskrieg kann ein heißer oder gar ein Dritter Weltkrieg werden. Biden ist in dieser Hinsicht viel gefährlicher als Trump: Er hat bereits vier Mal gesagt, dass er Taiwan verteidigen würde und damit die bisherige Politik der Ambiguität preisgegeben, die bislang das Gelichgewicht und den Frieden bewahrt hat. Der Dealmaker Trump würde vermutlich sagen: Taiwan hat die ganze Zeit nichts gezahlt, deshalb gibt es kein Schutzversprechen. Er würde das Land als Verhandlungsmasse nutzen.
Was raten Sie den Europäern vor diesem Hintergrund?
Von Amerika abzurücken, wäre Harakiri. Aber wir müssen unsere Sicherheit mit eigenen Mitteln auf die Beine stellen. Wir haben doch eine eigene Rüstungsindustrie und sehr viel Geld, das wir nicht länger dazu verwenden sollten, um Amerikas Aufrüstung auf Pump zu finanzieren. Wir müssen stärker in die Ertüchtigung Europas investieren und können uns ein eigenes europäisches Militär leisten, wenn wir in dieser neuen Weltordnung unsere wirtschaftlichen und Sicherheitsinteressen verteidigen wollen. Dafür müssen wir einfach souveräner denken und handeln lernen!
Dr. Josef Braml ist USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.
Zuletzt erschienen beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“.