Deutschlands Kanzler im Weißen Haus: „Merz ist die letzte Chance“

Das Treffen zwischen dem deutschen Kanzler und Trump war mehr als nur ein Antrittsbesuch. In einem Gespräch mit Dorina Pascher von den Salzburger Nachrichten erläutert der USA-Experte Josef Braml Europas Hoffnungen – und warum er Trump den Karlspreis verleihen will.

Der deutsche Kanzler Friedrich Merz wollte für das Treffen mit Donald Trump top vorbereitet sein – und hatte sich Ratschläge von Regierungschefs geholt, die auch schon bei dem US-Präsidenten zu Besuch waren. Ein Tipp: Die ersten 30 Sekunden sind bei Trump besonders wichtig.

Herr Braml, können Sie sich denken, weshalb Merz diesen Tipp bekommen hat?

Josef Braml: Ich glaube, bei solchen Treffen entscheidet sich in Sekunden, ob man miteinander kann – oft, ohne dass jemand ein Wort sagt.

Welche Rolle spielen denn persönliche Gemeinsamkeiten – wie die wirtschaftliche Expertise – aber auch Gegensätze?

In normalen Zeiten zählen nationale Interessen mehr als persönliche Beziehungen. Aber bei Trump ist vieles persönlich – sein Ego will beachtet werden, ohne dass man sich unterwirft. Merz bringt dafür die nötige Erfahrung mit, vor allem im Umgang mit dominanten US-Akteuren aus der Hochfinanz. Das unterscheidet ihn von anderen, die glauben, mit moralischen Appellen weiterzukommen. Persönliche Souveränität und Erfahrung sind entscheidend – und Merz hat beides.

Solche Antrittsbesuche von Regierungschefs haben oft einen symbolischen Wert.

Kein Besuch ist rein symbolisch. In einer unsicheren Welt ist es für die USA wichtig, ihre Partner nicht zu verlieren. Auch der weniger zu militärischer Gewalt neigende Trump sollte bedenken, ob seine Politik nicht eher zur Eskalation beiträgt – etwa gegenüber Russland, Iran oder China – und damit womöglich einen Krieg riskiert, der allen schadet.

Wie hat Washington auf den Besuch geblickt?

Ich hoffe, ich verletze damit keine Gefühle, aber: Wir in Europa – ob Österreich oder Deutschland – neigen dazu, den USA mehr Aufmerksamkeit zu schenken als umgekehrt. Dabei muss klar sein: Nur gemeinsam als Europäer können wir gegenüber den USA, China oder Russland Gewicht haben. Es ist schön, dass Merz nun im Weißen Haus zu Besuch war, aber vielleicht wäre es klug gewesen, wenn er seine Parteifreundin Ursula von der Leyen mitgenommen hätte – um zu zeigen, dass wir als Europäer auftreten. Viele Themen, etwa Zölle, lassen sich nur auf EU-Ebene mit den USA verhandeln.

Seine Vorvorgängerin Angela Merkel nannte man in Trumps erster Amtszeit Anführerin der freien Welt. Will Merz ihr nun nachfolgen?

Merkel hat früh erkannt, dass Europa sich weniger auf die USA verlassen kann, aber sie hat daraus kaum Konsequenzen gezogen. Auch ihr Nachfolger blieb eher wortreich als wirksam. Jetzt liegt es an Merz, die Versäumnisse der letzten beiden Kanzlerschaften aufzuholen. Es ist klar: Russland ist gefährlicher als viele dachten und Amerikas Schutz ist nicht mehr garantiert. Wir stehen vor einer Weltordnung ohne Pax Americana – in der militärische Macht zur wirtschaftlichen Erpressung eingesetzt wird. Europa muss lernen, sich selbst zu schützen.

Wie hat sich das deutsch-amerikanische Verhältnis seit Trumps zweiter Amtszeit in Ton und Substanz verändert?

Ich glaube, der Ton ist schärfer geworden, aber die strategische Verschiebung war absehbar: Amerika richtet seinen Fokus zunehmend auf Asien, um China einzudämmen. Das wäre auch ohne Trump passiert – nur nicht in diesem Ton, dieser Geschwindigkeit und Brutalität. Wer das nicht kommen sah, war ein Traumwandler. Jetzt sind viele aus ihrem Tiefschlaf aufgewacht, doch Europa muss sich endlich als Einheit aufstellen, um Sicherheit und Wohlstand selbst zu schützen.

Merz hatte beim Treffen das Fünf-Prozent-Ziel für die Nato im Gepäck. Wird sich Trump damit zufriedengeben?

Nein, Trump wird erst zufrieden sein, wenn wir tatsächlich fünf Prozent für Rüstung ausgeben – idealerweise bei Lockheed (Anm. US-Rüstungskonzern). Aber das wäre kurzsichtig. Auf den US-Schutz ist kein Verlass mehr, das Vertrauen ist weg.

Was bleibt vom transatlantischen Bündnis übrig?

Die Pax Americana ist vorbei. Merz ist die letzte Chance, Europa endlich auf Vordermann zu bringen – seine Vorgänger haben diese historische Gelegenheit verpasst. Jetzt entscheidet sich, ob Europa als eigenständiger Pol in einer multipolaren Welt bestehen kann oder weiter von anderen geteilt und beherrscht wird. Das darf nicht unser Schicksal sein.

Was kann im besten Fall nach diesem Treffen passieren?

Ich würde nicht alles auf ein Treffen setzen, aber das Best-Case-Szenario für Deutschland und Europa wäre, wenn Trump den Karlspreis für europäische Einigung bekommt – vielleicht hat er ihn mehr verdient als von der Leyen.

Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.

Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.

In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.