Der USA-Experte

Kanadas Not gibt Europa historische Chance

Glowing routes connect continents and iconic landmarks across a dramatic twilight world map.

Trump treibt Kanada weg von den USA. Eine engere Bindung an Europa könnte beide Seiten wirtschaftlich und geopolitisch stärken, erläutert der USA- und Geopolitik-Experte Josef Braml für Focus Online.

Der Handelskrieg mit den USA zwingt Kanada zur Neuorientierung. Die EU sollte die historische Gelegenheit nutzen und dem Land eine assoziierte Mitgliedschaft anbieten.

Gemeinsam könnten beide Seiten wirtschaftlich, finanziell und sicherheitspolitisch erheblich stärker werden.

Kanadas Not bietet Europa eine historische Chance. Die Gemeinschaft könnte von einem Binnenmarkt mit außenpolitischen Ambitionen zu einer strategischen Allianz demokratischer Mittelmächte heranwachsen. Gemeinsam wären Kanada und Europa wirtschaftlich widerstandsfähiger, militärisch glaubwürdiger und politisch souveräner. Die Tür steht offen. Europa sollte den Mut haben, hindurchzugehen.

Kanada würde seine einseitige Abhängigkeit von den USA verringern

Aus Kanadas Not könnte eine europäische Tugend werden. Der Handelskrieg mit den Vereinigten Staaten hat dem Land schmerzhaft vor Augen geführt, wie gefährlich die Abhängigkeit von einem übermächtigen Nachbarn ist. Nun sucht Premierminister Mark Carney einen engeren Anschluss an Europa.

Nach aktuellen Berichten sondieren kanadische und europäische Regierungsvertreter sogar einen bislang nicht vorgesehenen Status als „assoziiertes Mitglied“ der Europäischen Union. Dabei geht es um den möglichst freien Verkehr von Gütern, Dienstleistungen und Arbeitskräften in strategischen Branchen wie Energie, Verteidigung, künstlicher Intelligenz und kritischen Rohstoffen.

Auch gemeinsame Datenzentren, Satellitennetze, Unterseekabel und Energieinfrastrukturen werden erwogen.

Die EU sollte diese Initiative nicht bürokratisch zerreden, sondern strategisch weiterdenken. Eine assoziierte Mitgliedschaft Kanadas wäre kein bloßes Handelsabkommen. Sie könnte der Ausgangspunkt einer neuen transatlantischen Machtarchitektur sein.

Kanada würde seine einseitige Abhängigkeit von den USA verringern. Europa gewänne einen verlässlichen Partner mit wirtschaftlichem Gewicht, strategischen Ressourcen, militärischen Fähigkeiten und einem unmittelbaren Zugang zum arktischen Raum.

Die Integration hat längst begonnen

Die Grundlagen sind längst gelegt. Der Erfolg der wirtschaftlichen Integration ist bereits sichtbar: Seit dem vorläufigen Inkrafttreten des Freihandelsabkommens CETA im Jahr 2017 hat der Handel zwischen der EU und Kanada laut Europäischer Kommission um 71 Prozent zugenommen. Im Juni 2025 vereinbarten beide Seiten zudem eine umfassende Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft.

Inzwischen ist Kanada das erste außereuropäische Land, dessen Unternehmen sich am europäischen Rüstungsinstrument SAFE beteiligen können. Eine assoziierte Mitgliedschaft wäre deshalb kein Sprung ins Ungewisse, sondern die politische Vollendung einer bereits weit fortgeschrittenen Integration.

Carney spricht von Bruch der bisherigen Weltordnung

Carney hat die intellektuelle Begründung dafür bereits in Davos geliefert. In seiner Rede vom Januar 2026 diagnostizierte er nicht weniger als einen Bruch der bisherigen Weltordnung. Die Vorstellung, eine regelgebundene Ordnung werde auch künftig Schutz und Berechenbarkeit gewährleisten, sei zur bequemen Fiktion geworden.

In der neuen Realität versuchten die Starken zu tun, was sie könnten, während die Schwachen erdulden müssten, was ihnen auferlegt werde. Mittelmächte seien jedoch keineswegs machtlos, sofern sie ihre Kräfte bündelten und strategische Autonomie entwickelten.

Mittelmächte müssen ihre Kräfte bündeln

Genau hier treffen sich die Interessen Kanadas und Europas. Beide haben jahrzehntelang von einer amerikanisch garantierten Ordnung profitiert. Beide müssen nun erkennen, dass daraus eine riskante Abhängigkeit geworden ist.

Russlands Präsident Wladimir Putin setzt auf militärische Gewalt und nukleare Einschüchterung. US-Präsident Donald Trump nutzt Zölle, Marktzugang und Sicherheitsgarantien als Druckmittel.

Bei allen Unterschieden verbindet sie eine machtorientierte Vorstellung internationaler Politik: Regeln gelten nur so lange, wie sie den Mächtigen nützen.

Europa wird in dieser Welt nicht dadurch bestehen, dass es auf die Wiederkehr früherer Verhältnisse hofft. Es muss selbst machtpolitisch handlungsfähig werden. Dasselbe gilt für Kanada.

Gemeinsam verfügen beide Seiten über einen großen Markt, hoch entwickelte Volkswirtschaften, Forschungszentren, Verteidigungsindustrien und enorme politische Gestaltungskraft. Getrennt bleiben sie stark von Washington abhängig. Verbunden könnten sie einen eigenständigen Pol zwischen den USA und China bilden.

Rohstoffe für Europas strategische Autonomie

Kanada bringt zudem etwas ein, was Europa schmerzlich fehlt: Rohstoffe und Energiesicherheit. Das Land verfügt nicht nur über Öl- und Gasvorkommen, sondern auch über Uran, Nickel, Kobalt, Lithium, Graphit, seltene Erden und weitere strategische Mineralien.

Kanadas offizielle Liste umfasst 34 kritische Rohstoffe, die für Verteidigung, Halbleiter, Batterien, Energietechnik und digitale Infrastruktur unverzichtbar sind. Eine engere Verbindung könnte Europa helfen, seine Abhängigkeit von China bei kritischen Lieferketten und von autoritären Energieexporteuren zu reduzieren.

Gemeinsame Interessen in der Arktis

Von besonderer Bedeutung ist die Arktis. Durch den Klimawandel werden Seewege, Rohstoffvorkommen und militärische Räume leichter zugänglich. Russland baut dort seine Präsenz aus. Zugleich hat Trump seinen Anspruch auf Grönland zum Symbol einer Politik gemacht, die selbst Verbündete als Verfügungsmasse behandelt. Kanada ist eine arktische Nation und liegt Grönland unmittelbar gegenüber.

Ottawa hat im Februar 2026 ein Verteidigungsabkommen mit Dänemark und Grönland geschlossen, das Überwachung, gemeinsame Operationen und die Zusammenarbeit im hohen Norden vertieft. Kanada und Grönland kooperieren außerdem bei kritischen Rohstoffen, Energie und arktischer Infrastruktur.

Europäische Position in der Arktis stärken

Eine institutionelle Anbindung Kanadas würde deshalb auch die europäische Position in der Arktis stärken. Gemeinsam mit Dänemark könnten Europa und Kanada Grönlands Souveränität glaubwürdiger schützen, die Nordatlantikrouten überwachen und russischen wie amerikanischen Machtansprüchen mehr entgegensetzen.

Kanada ersetzt keine europäische Aufrüstung. Aber es würde Europas militärische Reichweite, industrielle Basis und geographische Handlungsfähigkeit erweitern.

Carneys Erfahrung als europäischer Gewinn

Auch finanzpolitisch wäre Carney ein Gewinn. Bevor er Premierminister wurde, hatte er von 2008 bis 2013 die Bank of Canada und anschließend bis 2020 die Bank of England geleitet. Er kennt Bankenregulierung, Kapitalmärkte und Krisenmanagement ebenso wie die politischen Folgen des Brexit.

Gerade einer Europäischen Union, die für Verteidigung, Digitalisierung, Energieversorgung und industrielle Erneuerung privates Kapital in großem Umfang mobilisieren muss, könnte diese Erfahrung helfen.

Nicht zuletzt ist Kanada kulturell und politisch europäischer, als manche EU-Mitglieder es inzwischen sein wollen. Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Minderheitenschutz und eine pluralistische Einwanderungsgesellschaft gehören dort zum demokratischen Selbstverständnis. Kanada wäre deshalb nicht lediglich ein Rohstofflieferant oder sicherheitspolitischer Vorposten. Es könnte die normative Substanz Europas stärken.

Wer sich aber zum Wurm macht …

Dabei geht es nicht um moralische Selbstgefälligkeit. Werte besitzen nur dann politische Bedeutung, wenn Staaten bereit sind, sie zu verteidigen. Europas großer Vordenker Immanuel Kant formulierte drastisch: „Wer sich aber zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, dass er mit Füßen getreten wird.“ Der Satz steht in der „Metaphysik der Sitten“ und richtet sich gegen Selbsterniedrigung. Kriecherei ist mit menschlicher Würde unvereinbar.

Das gilt auch für Staaten. Wer sich aus Angst vor Zöllen, Drohungen oder dem Entzug von Schutzgarantien permanent anpasst, ermuntert die Mächtigen zu weiteren Forderungen. Carney hat in Davos vor der Illusion gewarnt, Wohlverhalten kaufe Sicherheit. Es kauft allenfalls Zeit, meist zu einem steigenden Preis.

Europa muss seine Grenzen neu denken

Eine assoziierte Mitgliedschaft Kanadas erfordert neue Verträge und politischen Mut. Sie wird Widerstände hervorrufen, zumal selbst CETA noch nicht von allen EU-Mitgliedstaaten ratifiziert ist.

Aber Europa darf seine Zukunft nicht länger von den Langsamsten und Ängstlichsten bestimmen lassen. Wenn die EU geopolitisch bestehen will, muss sie bereit sein, ihre institutionellen Grenzen neu zu denken.

Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des soeben erschienenen Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.

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