Der USA-Experte

Trumps Kriegsdesaster

A fractured suspension bridge collapses over turbulent waters as money, debris, and armored vehicles drift below.

Trumps Krieg droht zu zerstören, was Amerika aufgebaut hat. Der US-Präsident wollte Stärke zeigen – doch sein Iran-Krieg offenbart Amerikas Überdehnung und beschleunigt das Ende der Pax Americana, analysiert der USA-Experte Josef Braml für Focus Online.

US-Präsident Donald Trump wollte Stärke demonstrieren. Herausgekommen ist das Gegenteil: Mit seinem kurzsichtigen Waffengang gegen den Iran hat der amerikanische Präsident nicht nur Europas Sicherheit weiter preisgegeben.

Er hat zugleich die militärische Dominanz, die wirtschaftlichen Grundlagen amerikanischer Macht und damit die Weltmachtrolle der Vereinigten Staaten unterminiert – und noch viel schlimmer für die USA: Stück für Stück zerbricht das große Stillschweige-Abkommen Pax Amerikana, das Amerika über viele Jahrzehnte groß gemacht hat.

Moskau erkennt Amerikas Überdehnung

Die jüngsten Berichte über amerikanische Geheimdienstanalysen zeigen, wie aufmerksam Moskau die Schwächung der USA registriert. Der Kreml sieht Washington durch den Iran-Krieg militärisch gebunden, politisch abgelenkt und strategisch verwundbar.

Wenn Russland nun den Druck auf die Ukraine und die europäischen Verbündeten erhöht, dann nicht trotz, sondern wegen der amerikanischen Selbstüberforderung.

Auch USA haben keine unbegrenzten Ressourcen

Militärisch offenbart der Krieg eine unangenehme Wahrheit: Auch die USA verfügen nicht über unbegrenzte Ressourcen. Moderne Kriege werden nicht nur durch Flugzeugträger, Tarnkappenbomber und martialische Bilder entschieden, sondern durch Munition, Ersatzteile, Luftverteidigung, Drohnen, Präzisionswaffen und industrielle Nachschubfähigkeit.

Wer in einem Krieg Patriot-Abfangraketen, Tomahawk-Marschflugkörper, ATACMS-Systeme und Reaper-Drohnen in großem Umfang verbraucht, schwächt seine Fähigkeit, gleichzeitig andere Verpflichtungen zu erfüllen.

Putin muss gar nicht glauben, die Nato besiegen zu können

Europa spürt diese Schwächung unmittelbar. Die Ukraine ist auf amerikanische Luftverteidigung angewiesen. Wenn amerikanische Bestände schrumpfen, sinkt die Fähigkeit Kiews, russische Raketen- und Drohnenangriffe abzuwehren.

Europäische Ersatzlieferungen sind wichtig, kommen aber oft zu spät und in zu geringer Zahl. Putin muss nicht glauben, die NATO besiegen zu können. Es genügt, wenn er annimmt, dass Washington nicht mehr willens oder nicht mehr fähig ist, mehrere Krisen gleichzeitig zu kontrollieren.

Abschreckung verliert ihre Glaubwürdigkeit

Genau darin liegt der strategische Schaden. Abschreckung beruht nicht auf Ankündigungen, sondern auf glaubwürdiger Fähigkeit. Wenn die USA ihre wertvollsten militärischen Ressourcen in einem schlecht kalkulierten Krieg im Nahen Osten binden, senden sie an Rivalen in Moskau, Peking und Teheran ein gefährliches Signal: Amerika ist überdehnt. Die einstige Ordnungsmacht kann Feuer entfachen, aber immer weniger Brände gleichzeitig löschen.

Das betrifft nicht nur Russland. Auch China wird genau beobachten, ob Washington seine militärischen Verpflichtungen im Indopazifik noch glaubwürdig erfüllen kann. Wer in der Straße von Hormus Munition verbraucht, fehlt womöglich in der Taiwanstraße. Wer im Nahen Osten eskaliert, verschiebt strategische Aufmerksamkeit von jenem Schauplatz, an dem langfristig die globale Machtbalance entschieden wird.

Hinzu kommt die ökonomische Dimension, die in Washington gerne verdrängt wird. Die Straße von Hormus ist kein regionales Nadelöhr, sondern eine Schlagader der Weltwirtschaft. Wird sie blockiert oder auch nur dauerhaft gefährdet, steigen die Ölpreise. Steigende Energiepreise treiben Transportkosten, Produktionskosten und Verbraucherpreise. Sie wirken wie eine zusätzliche Steuer auf Bürger und Unternehmen – weltweit, aber auch in den USA.

Das Stillschweige-Abkommen Pax Amerikana zerbricht

Für eine amerikanische Volkswirtschaft, die ohnehin auf Pump lebt, ist das brandgefährlich. Die USA finanzieren ihren Wohlstand, ihre Steuersenkungen, ihre Rüstungsausgaben und ihre geopolitische Vorrangstellung seit Jahren durch Schulden.

Wenn ein Ölpreisschock die Inflation erneut antreibt, gerät auch die Geldpolitik unter Druck. Höhere Zinsen verteuern den Schuldendienst des Staates. Damit wird der Iran-Krieg nicht nur zu einem militärischen, sondern auch zu einem fiskalischen Problem.

Amerikas imperiale Rolle beruhte lange auf einem stillschweigenden Tauschgeschäft: Die USA garantierten Sicherheit, offene Seewege und eine halbwegs stabile internationale Ordnung.

Im Gegenzug akzeptierten Verbündete amerikanische Führung, kauften amerikanische Waffen, hielten Dollarreserven und finanzierten über ihre Kapitalanlagen einen Teil der amerikanischen Verschuldung mit. Das war das machtpolitische Geschäftsmodell der Pax Americana.

Doch dieser Vertrag zerbricht. Schutzbefohlene sind nicht länger bereit, Tribut für eine Ordnung zu zahlen, deren Schutzherr selbst zum Unsicherheitsfaktor geworden ist. Wer soll noch dauerhaft amerikanische Staatsanleihen kaufen, wenn Washington seine Finanzkraft durch Steuersenkungen, Schuldenexzesse und Kriege strapaziert? Wer soll noch an die amerikanische Sicherheitsgarantie glauben, wenn dieselbe Macht ihre Munitionslager leert und gleichzeitig Europa auffordert, mehr für den eigenen Schutz zu zahlen?

Trump hat den zentralen Widerspruch der amerikanischen Macht verschärft. Er will imperiale Gefolgschaft ohne imperiale Verantwortung. Er verlangt Loyalität, aber bietet Verlässlichkeit nur noch nach Kassenlage und persönlicher Laune. Er will, dass Verbündete zahlen, sich fügen und amerikanische Führung anerkennen – während er zugleich jene Ordnung beschädigt, die diese Führung überhaupt erst legitimierte.

Schlussfolgerung für Europa: Hoffnung ist keine Strategie

Für Europa ergibt sich daraus eine unbequeme, aber notwendige Schlussfolgerung: Die Zeit strategischer Bequemlichkeit ist vorbei. Europas Sicherheit darf nicht länger auf der Hoffnung beruhen, dass Amerika im Ernstfall schon handeln werde. Hoffnung ist keine Strategie. Europa muss lernen, sich selbst zu verteidigen, eigene industrielle Kapazitäten aufzubauen, Luftverteidigung, Drohnenabwehr und Munitionsproduktion zu stärken und seine wirtschaftliche Verwundbarkeit gegenüber geopolitischen Schocks zu verringern.

Das bedeutet nicht Anti-Amerikanismus. Es bedeutet Realismus. Eine erwachsene transatlantische Partnerschaft kann nicht auf kindlicher Schutzbedürftigkeit beruhen. Europa muss die USA nüchtern sehen: als weiterhin mächtige, aber zunehmend überforderte, innenpolitisch zerrissene und finanziell hoch belastete Nation. Wer sich dieser Realität verweigert, betreibt Selbsttäuschung.

US-Irankrieg als weiteres Symptom narzisstischen Selbstüberschätzung

Der Iran-Krieg könnte in der historischen Rückschau als Moment erscheinen, in dem die Welt endgültig erkannte, dass die Pax Americana vorbei ist. Nicht weil Amerika plötzlich schwach wäre. Sondern weil seine Führung ihre eigene Machtbasis falsch versteht. Militärische Dominanz ohne strategische Weisheit führt nicht zu Ordnung, sondern zu Erschöpfung.

Ökonomische Stärke ohne fiskalische Disziplin führt nicht zu Vertrauen, sondern zu Zweifel. Bündnismacht ohne Verlässlichkeit führt nicht zu Gefolgschaft, sondern zu Absetzbewegungen.

Trumps Krieg gegen den Iran ist deshalb mehr als ein weiterer Konflikt im Nahen Osten. Er ist ein Symptom jener narzisstischen Selbstüberschätzung, die ich in meinen Analysen der amerikanischen Politik seit Langem beschreibe: das Bedürfnis, Stärke zu inszenieren, gerade weil die eigene Verwundbarkeit nicht eingestanden werden kann. Doch wer Macht nur demonstriert, statt sie klug zu bewahren, beschleunigt ihren Verlust.

Putin, Xi und andere Rivalen müssen Amerika nicht besiegen. Es genügt, wenn Amerika sich selbst überdehnt. Genau das ist nun geschehen. Der Iran-Krieg ist kein Beweis amerikanischer Größe. Er ist ein Menetekel ihres Niedergangs. Und Europa sollte endlich verstehen: Wer seine Sicherheit an eine Macht delegiert, die ihre eigene strategische Vernunft verspielt, macht sich mitschuldig an der eigenen Verwundbarkeit.

Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des soeben erschienenen Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.

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