Die Straße von Hormus verschafft Teheran einen starken Hebel. Für Washington wird der Konflikt zunehmend zum Problem aus Munition, Geld und Zeit, analysiert der USA-Experte Josef Braml für Focus Online.
Die Krise um die Straße von Hormus offenbart die Grenzen amerikanischer Macht. Während Iran auf Unsicherheit und Erschöpfung setzt, gerät Washington militärisch, wirtschaftlich und politisch unter Druck.
Donald Trump inszeniert sich gern als starker Verhandler. Noch vor wenigen Wochen drohte der US-Präsident dem Iran mit massiven militärischen Schlägen. Inzwischen klingt Washington deutlich vorsichtiger. Offiziell ist von konstruktiven Gesprächen die Rede; tatsächlich spricht vieles für ein strategisches Patt. Denn Teheran verfügt mit der Straße von Hormus über einen wirkungsvollen Hebel, während die USA ausgerechnet bei moderner Präzisionsmunition und Luftabwehr an Grenzen stoßen.
Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob die USA militärisch stärker sind als Iran. Das sind sie. Entscheidend ist vielmehr, ob Washington seine Überlegenheit politisch, wirtschaftlich und logistisch lange genug durchhalten kann.
Irans Hebel: Hormus als Instrument der Unsicherheit
Im Zentrum des Konflikts steht die Straße von Hormus. Durch die nur wenige Dutzend Kilometer breite Meerenge verläuft unter normalen Umständen rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports. Wer Hormus kontrolliert, beeinflusst damit die Energiepreise von Shanghai bis Houston.
Teheran macht eine vollständige Wiederöffnung inzwischen von weitreichenden Forderungen abhängig. Die iranische Führung verlangt unter anderem Sanktionserleichterungen, die Freigabe eingefrorener Vermögenswerte, Sicherheitsgarantien sowie Entschädigungen für die Schäden des Krieges mit den USA und Israel.
Trump lehnt diese Forderungen öffentlich ab und erhebt seinerseits Kompensationsansprüche gegen Iran. Dennoch laufen über Oman intensive Vermittlungsgespräche. Zwar scheint eine technische Einigung über Schifffahrtsrouten näher zu rücken. Doch die politischen Differenzen bleiben erheblich.
Der eigentliche Hebel Irans besteht jedoch nicht darin, Hormus dauerhaft zu schließen. Das wäre riskant und auch für Teheran teuer. Viel wirksamer ist die Fähigkeit, die Passage immer wieder zu stören, Unsicherheit zu erzeugen und damit die Energiepreise nach oben zu treiben. Bereits die Angriffe auf die saudischen Anlagen von Abqaiq und Khurais im Jahr 2019 zeigten, wie verwundbar selbst hochgerüstete Energiemächte gegenüber vergleichsweise kostengünstigen Angriffen sind.
Amerikas Gegenhebel: militärische Überlegenheit mit politischen Grenzen
Die Machtbalance ist jedoch komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Die USA verfügen weiterhin über die militärischen Mittel, iranische Exporte massiv einzuschränken und eine selektive Sperrung der Straße von Hormus nicht dauerhaft zuzulassen.
Washington könnte verhindern, dass der Iran von einer Blockade profitiert und gleichzeitig seine eigenen Energieexporte fortsetzt. Militärisch bleiben die USA dem Iran deutlich überlegen.
Genau hier beginnt Trumps Problem: Militärische Überlegenheit garantiert noch keine außenpolitische Handlungsmacht.
Der Engpass: Wenn Hightech-Munition zur knappen Ressource wird
Der Krieg gegen Iran hat die amerikanischen Streitkräfte offenbar stärker belastet als viele Strategen erwartet hatten. Berichte unter Berufung auf Pentagon-nahe Quellen und Analysen des Center for Strategic and International Studies (CSIS) verweisen auf einen erheblichen Verbrauch von Patriot- und THAAD-Abfangraketen. Nach Schätzungen könnte nur noch etwa ein Drittel der ursprünglichen Patriot-Bestände verfügbar sein.
Das Problem wird durch die Produktionsrealität verschärft. Patriot-Raketen sind keine Massenware. Ihre Herstellung dauert lange, teilweise bis zu zwei Jahre. Selbst die nun angekündigte Ausweitung der Produktion bringt kurzfristig kaum Entlastung.
Der Faktor Zeit: Warum Teheran auf Erschöpfung setzen kann
Damit verschiebt sich die Logik des Konflikts. Je länger die Krise dauert, desto stärker zählt nicht nur Feuerkraft, sondern Durchhaltefähigkeit.
Autokratische Systeme verfügen in geopolitischen Krisen häufig über einen längeren Zeithorizont. Sie müssen sich nicht regelmäßig Wahlen stellen und können wirtschaftliche Belastungen leichter auf die Bevölkerung abwälzen.
Trump dagegen blickt auf die im Herbst anstehenden Kongresswahlen. Steigende Energiepreise treffen amerikanische Verbraucher unmittelbar. Hohe Benzinpreise zählen traditionell zu den sensibelsten politischen Themen in den USA. Jede zusätzliche Eskalation im Persischen Golf birgt daher das Risiko, die Inflation erneut anzuheizen und die Wahlchancen der Republikaner zu verschlechtern.
Die paradoxe Pointe lautet daher: Der Iran leidet wirtschaftlich stärker, doch Trump steht unter größerem politischem Zeitdruck.
Europas Lehre: Abhängigkeit, Knappheit und strategische Verwundbarkeit
Für Europa liegt die eigentliche Lehre des Konflikts nicht im Persischen Golf, sondern in der eigenen strategischen Verwundbarkeit.
Die Krise zeigt zum einen, wie abhängig die Weltwirtschaft weiterhin von wenigen maritimen Engpässen ist. Zum anderen macht sie die Grenzen amerikanischer Machtprojektion sichtbar. Sie verdeutlicht, dass selbst die USA Schwierigkeiten bekommen können, mehrere große Krisen gleichzeitig militärisch zu bewältigen.
Damit steht Washington vor einem strategischen Dilemma. Patriot- und THAAD-Systeme werden nicht nur im Nahen Osten benötigt. Auch die Ukraine ist auf diese Systeme angewiesen. Gleichzeitig müssen die USA ihre Abschreckungsfähigkeit im Indopazifik gegenüber China aufrechterhalten.
Der Krieg gegen Iran hat gezeigt, dass die USA Schwierigkeiten haben können, auch nur einen längeren hochintensiven Konflikt durchzuhalten, wenn täglich große Mengen moderner Präzisionsmunition und Raketenabwehrsysteme eingesetzt werden. Mehrere Experten weisen darauf hin, dass die amerikanische Rüstungsindustrie seit dem Ende des Kalten Krieges eher auf Effizienz als auf enorme Massenproduktion ausgelegt wurde. Der Konflikt mit Iran offenbart deshalb eine strukturelle Schwäche westlicher Verteidigungsplanung: Hochtechnologische Waffen sind außerordentlich effektiv, lassen sich aber im Ernstfall nicht beliebig schnell ersetzen.
Warum der Golf nicht mehr allein auf Washington setzt
Die Golfstaaten diversifizieren längst ihre Sicherheitsbeziehungen. Trotz hoher Zahlungen für amerikanischen Schutz und trotz ihrer Mitfinanzierung des US-Rüstungsaufbaus auf Kredit wollen sie sich nicht länger allein auf Washington verlassen. Neue regionale Arrangements, etwa zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan, deuten auf eine Sicherheitsordnung hin, die weniger stark von Washington dominiert wird.
Die eigentliche Botschaft aus Hormus lautet deshalb nicht, dass Amerika seine Vormachtstellung verloren hätte. Noch verfügen die Vereinigten Staaten über die stärksten Streitkräfte der Welt. Doch die Krise zeigt, dass Macht im 21. Jahrhundert nicht mehr allein von Flugzeugträgern und Bombern abhängt, sondern ebenso von industriellen Reserven, politischer Geduld und wirtschaftlichen Hebeln.
Entscheidend ist, wer über Zeit, Ausdauer und wirtschaftliche Hebel verfügt. In diesem strategischen Spiel besitzt der Iran mit der Straße von Hormus nach wie vor einen Trumpf, den selbst Donald Trump nicht einfach aus der Hand schlagen kann.
Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des in Kürze erscheinenden Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.

