Der USA-Experte

Trumps Zollregime und Europas Antwort

A busy container port frames a message about tariffs, presidential power, and changing U.S. trade policy.

Zölle sind zu Werkzeugen geopolitischer Machtausübung geworden. Ist dies der Beginn einer neuen Phase der internationalen Ordnung, in der wirtschaftliche Beziehungen zunehmend durch Macht und weniger durch Regeln definiert werden? Ein Gastbeitrag des USA- und Geo-Ökonomie-Experten Josef Braml für LGP News.

Die Vereinigten Staaten haben sich in der Handelspolitik grundlegend verändert. Was über Jahrzehnte ein regelgebundenes, multilaterales System war, ist heute ein flexibles, präsidial gesteuertes Machtinstrument. Zölle sind nicht länger bloß wirtschaftspolitische Stellschrauben – sie sind zu Werkzeugen geopolitischer Machtausübung geworden. Dieser Systemwechsel ist nicht vorübergehend. Er markiert den Beginn einer neuen Phase der internationalen Ordnung, in der wirtschaftliche Beziehungen zunehmend durch Macht, nicht durch Regeln definiert werden.

Diese Entwicklung fügt sich nahtlos in ein grundlegendes Muster ein, das ich ausführlicher analysiert habe: In einer „narzisstischen Nation“ – so der Titel meines vor Kurzem erschienenen Buches – tritt Gemeinsinn hinter Selbstbehauptung zurück und Kooperation wird durch Nullsummendenken ersetzt. Genau dieses Denken prägt die amerikanische Handelspolitik unter Donald Trump. Zölle dienen nicht mehr primär der Korrektur von Marktverzerrungen, sondern als Mittel der Dominanz – ökonomisch, politisch und psychologisch.

Vom Regelwerk zur Willkür

Das Nachkriegssystem basierte auf Verlässlichkeit: Zölle wurden in internationalen Verhandlungen festgelegt, galten nach dem Meistbegünstigungsprinzip und konnten nur unter klar definierten Verfahren verändert werden. Dieses System schuf Planungssicherheit für Unternehmen und Partner.

Trumps Politik hat dieses Fundament aufgebrochen. Zölle werden heute situativ verhängt, wieder aufgehoben, modifiziert – je nach politischer Opportunität. Sie sind nicht mehr Ergebnis von Regeln, sondern Ausdruck präsidialer Beliebigkeit. Damit werden sie zu einem zentralen Instrument einer Außenpolitik, die zunehmend innenpolitischen Logiken folgt und auf kurzfristige Machtgewinne angelegt ist.

Die Konsequenz: Für Unternehmen wird Handelspolitik zur unkalkulierbaren Variable. Investitionen, Lieferketten und Produktionsentscheidungen müssen unter permanentem Vorbehalt getroffen werden. Die eigentlichen Kosten liegen daher weniger in den Zöllen selbst als in der Unsicherheit, die sie erzeugen.

Zölle als Ausdruck narzisstischer Machtpolitik

Die neue US-Zollpolitik lässt sich nicht allein ökonomisch erklären. Sie folgt einer Logik, die tief in der politischen Psychologie des Landes verankert ist. Die USA erleben einen relativen Machtverlust gegenüber China, der als narzisstische Kränkung empfunden wird.

Trumps Antwort darauf ist typisch für narzisstische Systeme: Er sucht nach Symbolen der Kontrolle und Überlegenheit. Zölle bieten sich dafür ideal an. Sie sind sichtbar, schnell einsetzbar und demonstrieren Handlungsfähigkeit. Vor allem aber erlauben sie es, Beziehungen in Gewinner und Verlierer zu übersetzen.

Damit verschiebt sich die Funktion von Handelspolitik grundlegend. Sie zielt nicht mehr auf Effizienz oder Wohlstand, sondern auf Hierarchie. Handelsbeziehungen werden zu Machtbeziehungen – und Deals zu Dominanzbeweisen. Für Trump ist ein „guter Deal“ nur dann gegeben, wenn der andere geschwächt hervorgeht.

Ökonomische Wirklichkeit: hohe Kosten, begrenzter Nutzen

Ökonomisch bleibt die Bilanz ernüchternd. Zölle wirken wie eine Steuer auf die eigene Wirtschaft. Studien zeigen, dass die Kosten größtenteils von amerikanischen Unternehmen und Verbrauchern getragen werden, während die erhofften Industrieeffekte ausbleiben.

Zwei überparteiliche Berichte – der aktuelle Report des Congressional Budget Office zu Haushalts- und Wirtschaftsaussichten sowie eine Studie der Federal Reserve Bank of New York – kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass die von Trump erhobenen Zölle größtenteils von amerikanischen Haushalten und Unternehmen getragen werden.  

Zwar haben sich Handelsströme verschoben – insbesondere zulasten Chinas –, doch eine breite industrielle Renaissance ist bislang nicht erkennbar. Gleichzeitig steigen die Inputkosten für viele Unternehmen, während andere Länder ihre Abhängigkeit von den USA reduzieren.

Langfristig entsteht so ein paradoxes Ergebnis: Ein Instrument, das Stärke demonstrieren soll, untergräbt die strukturelle Wettbewerbsfähigkeit. Genau hier zeigt sich die Ambivalenz narzisstischer Machtpolitik: Sie erzeugt kurzfristige Effekte, aber langfristige Instabilität.

Eine neue Geoökonomie der Unsicherheit

Mit dem sprunghaften Anstieg der US-Zölle – von niedrigen einstelligen Werten auf zweistellige Durchschnittssätze – ist zudem ein neues Normal entstanden. Entscheidend ist dabei weniger das Niveau als die Volatilität.

Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr, ob es Zölle gibt oder nicht, sondern auf welchem dauerhaft höheren und vor allem unsicheren Niveau sie sich einpendeln. Märkte werden fragmentierter, Lieferketten komplexer, politische Risiken zentraler Bestandteil wirtschaftlicher Entscheidungen.

Diese Entwicklung ist Ausdruck einer tiefergehenden Transformation: Die Globalisierung wird nicht rückgängig gemacht, aber politisiert. Wirtschaft wird zum Spielfeld geopolitischer Konkurrenz.

Europas strategische Bewährungsprobe

Für Europa stellt sich damit eine doppelte Herausforderung. Erstens muss es sich gegen wirtschaftlichen Druck behaupten. Zweitens muss es verhindern, selbst in die Logik narzisstischer Machtpolitik zu verfallen.

Die gute Nachricht: Europa verfügt über erhebliche wirtschaftliche Machtressourcen. Die EU ist eine Handelsmacht auf Augenhöhe mit den USA und besitzt mit Instrumenten wie dem Anti-Coercion Mechanismus neue Möglichkeiten, auf ökonomischen Druck zu reagieren.

Die entscheidende Frage ist jedoch strategischer Natur: Nutzt Europa diese Macht defensiv – zur Schadensbegrenzung – oder offensiv, um eigene Regeln zu setzen?

Doch genau hier offenbart sich Europas Verwundbarkeit. Besonders aufschlussreich war das Treffen zwischen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Donald Trump am 27. Juli 2025 auf dessen Golfplatz im schottischen Turnberry. Offiziell ging es darum, ein drohendes amerikanisches Zollpaket abzuwenden und ein Handelsabkommen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten zu finalisieren. Politisch aber war die Szenerie mehr als ein diplomatischer Termin: Sie war eine Inszenierung asymmetrischer Macht. Trump setzte auf persönliche Druckdiplomatie, auf „Arm-Twisting“ auf höchster Ebene – und behielt die Oberhand.

Die Ergebnisse folgten einer klaren Machtlogik: Die EU akzeptierte höhere Zölle, sagte umfangreiche Käufe amerikanischer Energie zu und stellte zusätzliche Investitionen in den Vereinigten Staaten in Aussicht. Damit wurde sichtbar, was Europas Rede von „strategischer Autonomie“ oft verdeckt: Wer sicherheitspolitisch von Washington abhängig ist und zugleich darauf hofft, dass amerikanische Zollpolitik die eigenen Autoexporte verschont, verhandelt nicht aus einer Position souveräner Stärke. Wer Schutz braucht, ist erpressbar – und zahlt Schutzgeld, sei es in Form politischer Gefälligkeiten oder wirtschaftlicher Vorteile für Washington.

Der Widerspruch könnte kaum größer sein: Während von der Leyen öffentlich ein „souveränes Europa“ fordert, das die Sprache der Macht beherrschen müsse, sprachen die Bilder aus Turnberry eine andere Sprache. Statt eines Dialogs auf Augenhöhe wirkte die Begegnung wie eine Machtdemonstration. Der amerikanische Präsident diktierte Bedingungen, die von den Europäern letztlich akzeptiert wurden. Nicht Selbstbehauptung prägte den Eindruck, sondern Abhängigkeit, Ohnmacht und der Versuch, Eskalation um nahezu jeden Preis zu vermeiden.

Dieses Muster setzte sich im Mai 2026 fort. Nach längerem Hin und Her gab die EU im Zollstreit weiter nach. Auslöser war massiver Druck aus Washington: Trump setzte Brüssel eine Frist bis zum 4. Juli und drohte zugleich mit Strafzöllen auf Autoimporte – also gezielt dort, wo Europas Exportwirtschaft besonders verwundbar ist. Unter diesem Druck öffnete die EU ihren Markt für US-Industriegüter sowie für Agrar- und Fischereiprodukte. Formal blieben die Zugeständnisse reversibel. Faktisch aber zeigte sich erneut dieselbe Dynamik: Washington eskaliert, Brüssel weicht aus.

Das eigentliche Machtgefälle liegt daher nicht allein in Zollsätzen, sondern in der Risikobereitschaft. Die USA setzen Drohungen gezielt ein; die EU versucht, Konflikte zu vermeiden – und bezahlt dafür mit politischem Spielraum. Solche Bilder und Entscheidungen untergraben die Glaubwürdigkeit des europäischen Anspruchs auf strategische Autonomie. Sie werfen die Frage auf, ob Europa bereit ist, bei politischem und wirtschaftlichem Druck von außen standzuhalten – oder ob es seine Autonomie vor allem rhetorisch behauptet, während es praktisch weiter Schutzgeld zahlt.

Europas Antwort: zwischen Anpassung und Gegenmacht

Eine reine Anpassungsstrategie wäre fatal. Wer sich in einem System zunehmender Machtpolitik passiv verhält, lädt zu weiterem Druck ein. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt: Nachgiebigkeit wird in Washington nicht als Kooperationssignal, sondern als Schwäche interpretiert.

Gleichzeitig darf Europa nicht einfach spiegelbildlich reagieren. Eine Eskalation in einen umfassenden Handelskonflikt würde beiden Seiten schaden. Stattdessen braucht es eine doppelte Strategie:

Vor allem aber muss Europa seine Rolle neu definieren: nicht als Anhängsel einer amerikanischen Ordnung, sondern als eigenständiger Pol in einer multipolaren Weltwirtschaft.

Fazit: Ordnung im Zeitalter des Machtdenkens

Trumps Zollregime steht exemplarisch für eine neue Phase internationaler Politik. Regeln verlieren an Bedeutung, Macht gewinnt an Gewicht. Der Übergang von Multilateralismus zu unilateraler präsidialer Entscheidungsmacht ist mehr als eine handelspolitische Verschiebung – er ist Ausdruck eines tieferen Wandels in der Weltordnung.

In einer „narzisstischen“ internationalen Umwelt, in der Staaten primär ihre eigene Bestätigung suchen, wird Kooperation schwieriger und Konflikt wahrscheinlicher. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob Europa auf diese Entwicklung reagieren muss, sondern wie.

Europa darf sich nicht von der Suche nach Anerkennung leiten lassen, sondern muss Verantwortung übernehmen und aktiv Grenzen setzen. Die Antwort auf Trumps Zollpolitik liegt daher nicht im Rückzug in alte Gewissheiten – sondern in der bewussten Gestaltung einer neuen, selbstbewussten europäischen Handels- und Machtpolitik.

Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des soeben erschienenen Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.

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