Der USA-Experte

Trump steht für ein Amerika, das wütend gegen Abstieg kämpft

The U.S. Capitol glows against a dramatic sunset and evening-blue sky.

Trumps zweite Amtszeit verändert die USA. Vor den Midterms stellt sich die Frage, wie viel Rückhalt sein konfrontativer Kurs noch hat. Eine Zwischenbilanz von USA-Experte Josef Braml für Focus Online.

Donald Trump tut, was Donald Trump angekündigt hat. Viele seiner Kritiker hatten gehofft, dass der ehemalige Immobilienunternehmer nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus gemäßigter auftreten würde. Das Gegenteil ist eingetreten.

Trumps zweite Amtszeit bestätigt eine Erkenntnis, die inzwischen auch die letzten Optimisten ernst nehmen müssen: Seine Präsidentschaft ist kein Betriebsunfall der amerikanischen Geschichte. Er ist vielmehr Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen, die tief in den Vereinigten Staaten verwurzelt sind.

Trump verkörpert das Bild einer Nation, die aggressiv gegen Abstieg kämpft

Wer verstehen will, warum Trump seinen konfrontativen Kurs weiterverfolgen kann, sollte weniger auf seine Persönlichkeit als auf die psychologische Verfassung der amerikanischen Gesellschaft blicken.

Trump verkörpert das Selbstbild einer Nation, die ihre globale Vorrangstellung schwinden sieht und darauf mit Trotz, Selbstbehauptung und aggressiver Abgrenzung reagiert. Was hat Trump in den ersten zwei Jahren seiner zweiten Amtszeit gemacht? Eine Zwischenbilanz:

Migration: Trump versucht es mit einfachen Antworten

Kaum ein Thema hat Trump stärker geprägt als die Einwanderungspolitik. Die Verschärfung der Grenzkontrollen und die Einschränkung von Asyl- und Einwanderungsmöglichkeiten gehören zu den Kernanliegen seiner Anhänger.

Auch hier bedient Trump ein tiefes gesellschaftliches Bedürfnis nach Kontrolle und Ordnung. Viele Bürger erleben Migration nicht primär als wirtschaftliche oder humanitäre Frage, sondern als Herausforderung für ihre kulturelle Identität. Trump bietet darauf einfache Antworten: geschlossene Grenzen, nationale Souveränität und klare Unterscheidungen zwischen „wir“ und „sie“.

Die politische Wirksamkeit dieser Strategie erklärt sich daher weniger aus den tatsächlichen Migrationszahlen als aus der Wahrnehmung vieler Wähler, die ihren Status gefährdet sehen und den Eindruck haben, die Kontrolle über ihr Land verloren zu haben. Dasselbe Bedürfnis nach Kontrolle und nationaler Selbstbehauptung prägt auch Trumps Handelspolitik.

Zollpolitik: Teuer für alle, aber politisch wirksam

Zu den sichtbarsten Maßnahmen seiner zweiten Amtszeit gehören die erneuten Strafzölle gegen Handelspartner und die weitere wirtschaftliche Entkopplung von China. Ökonomisch sind die Kosten erheblich. Zölle belasten Unternehmen, deren Lieferketten global organisiert sind, und verteuern letztendlich Produkte für amerikanische Verbraucher.

Doch in der Wahrnehmung seiner MAGA-Basis ist Trumps Kurs erfolgreich. Er vermittelt vielen Amerikanern den Eindruck, dass endlich jemand nationale Interessen gegen internationale Konkurrenten verteidigt. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Handel. Die Wirtschaftspolitik wird zum Instrument geopolitischer Machtpolitik.

Trump hat damit eine Entwicklung beschleunigt, die bereits unter seinen Vorgängern begann. Neu ist vor allem, wie offensiv er wirtschaftliche Konflikte inszeniert und für seine politischen Ziele nutzt. Diese Verknüpfung von Handel und Macht weist über die Zollpolitik hinaus – und führt unmittelbar zu seinem außenpolitischen Verständnis von „America First“.

Außenpolitik: „America First“ statt westliche Führungsmacht

Besonders deutlich wird Trumps Weltbild in der Außenpolitik. Seine Distanz gegenüber traditionellen Verbündeten und seine transaktionsorientierte Sicht internationaler Beziehungen markieren einen Bruch mit dem Selbstverständnis der USA als liberale Führungsmacht des Westens.

Der Kurs gegenüber der Ukraine ist dafür beispielhaft. Trump betrachtet internationale Konflikte vor allem durch die Kosten-Nutzen-Brille amerikanischer Interessen. Indem er die Russland-Sanktionen aushöhlt und russische Dieselexporte fördert, will er die infolge seines kurzsichtigen Irankriegs gestiegenen Energiepreise senken und so den Druck an der heimischen Wahlurne mindern.

Der kurzfristige innenpolitische Nutzen wird jedoch mit einem hohen strategischen Preis erkauft: Trump gefährdet die Sicherheit der Ukraine und Europas und verspielt zugleich die Verlässlichkeit und den Führungsanspruch der Vereinigten Staaten. Warum sollten sich Amerikas Verbündete im Nahen Osten und in Europa weiterhin einer vermeintlichen Schutzmacht unterordnen, die ihre Sicherheitsgarantien dem innenpolitischen Kalkül opfert – und deren hochverschuldeten Staat und Unternehmen durch Investitionen und Rüstungskäufe mitfinanzieren?

Wo Trump an Grenzen stößt

Selbst ein mächtiger US-Präsident kann Marktkräfte nicht dauerhaft außer Kraft setzen. Wenn Zölle Inflation verstärken, Investitionen bremsen oder die Finanzmärkte verunsichern, wächst der politische Preis seiner Politik.

Sollte Trump bei den Zwischenwahlen am 3. November mindestens eine Kongresskammer verlieren, könnten ihm die US-Wähler damit die Rechnung für seine inflationstreibende Zoll- und Irankriegspolitik präsentieren.

Die amerikanische Verfassung verteilt Macht bewusst auf verschiedene Institutionen. Der Kongress und Gerichte können Initiativen verzögern oder blockieren.

Auch die gesellschaftliche Polarisierung bleibt eine Schwäche. Trump dominiert zwar die republikanische Partei, ist aber zugleich eine der umstrittensten Figuren der amerikanischen Politik. Die Hälfte des Landes sieht in ihm den Retter Amerikas, die andere Hälfte eine Gefahr für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Europas strategische Lektion

Die wichtigste Erkenntnis aus Trumps zweiter Amtszeit betrifft jedoch nicht Amerika, sondern Europa. Trumps Politik macht deutlich, dass die Vereinigten Staaten ihre Interessen zunehmend unabhängig von europäischen Erwartungen definieren werden.

Für Europa ist das eine ernüchternde Erkenntnis. Viele europäische Regierungen hofften, Trump sei lediglich eine Episode. Tatsächlich verdeutlicht seine Rückkehr, dass sich die amerikanischen Prioritäten strukturell verändert haben. Die Konzentration auf innenpolitische Konflikte und die strategische Rivalität mit China verdrängen europäische Interessen zunehmend an den Rand der amerikanischen Agenda.

Europa muss deshalb aufhören, auf die Rückkehr eines vermeintlich alten Amerika zu warten. Die transatlantische Partnerschaft bleibt wichtig, doch sie wird asymmetrischer und transaktionaler. Wer Sicherheit, wirtschaftliche Stabilität und geopolitischen Einfluss bewahren will, muss mehr Eigenverantwortung übernehmen.

Trump ist Symptom, nicht Ursache

Trump ist nicht die Ursache dieser Entwicklung. Er ist ihr sichtbarstes Symptom. Gerade deshalb greift die übliche Personalisierung zu kurz. Die eigentliche Geschichte handelt nicht von Donald Trump allein. Sie handelt von einer amerikanischen Gesellschaft, die sich in einer Phase tiefgreifender Verunsicherung befindet und in Trump den politischen Ausdruck ihrer Sehnsucht nach Stärke, Anerkennung und Kontrolle gefunden hat.

Die narzisstische Nation hat ihren narzisstischen Präsidenten zurückgewählt. Und genau darin liegt die eigentliche Botschaft seiner zweiten Amtszeit.

Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des soeben erschienenen Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.

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