Der USA-Experte

Die narzisstische Nation

A dramatic world map monument rises above a reflective pool beneath turbulent clouds.

Warum Amerikas Krise auch für Europa von großer Bedeutung ist – und welche Lehre daraus für den gesellschaftlichen Zusammenhalt als Grundlage der Demokratie folgt, erläutert der USA-Experte Josef Braml in einem Gastbeitrag für die Fuldaer Zeitung.

Noch immer sehen viele Europäer die Vereinigten Staaten als unverzichtbare Führungsmacht des Westens. Doch Amerika befindet sich in einer tiefen Krise. Die politische Polarisierung wächst, das Vertrauen in staatliche Institutionen schwindet, und gesellschaftliche Konflikte werden immer erbitterter ausgetragen. Donald Trump ist dabei weniger die Ursache als vielmehr das sichtbare Symptom einer Entwicklung, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat.

Amerika ist eine Gesellschaft, die zunehmend von kollektiven Kränkungen, Statusverlustängsten und Identitätskonflikten geprägt wird. Globalisierung, technologische Umbrüche und wachsende Ungleichheit haben nicht nur Gewinner hervorgebracht. Viele Menschen fühlen sich wirtschaftlich und gesellschaftlich zurückgelassen.

Hinzu kommt eine psychologische Dimension: Die Vereinigten Staaten verstanden sich lange als die „unverzichtbare Nation“, als Vorbild und dominante Weltmacht. Doch der Aufstieg Chinas, kostspielige Kriege und innenpolitische Probleme haben dieses Selbstbild erschüttert. Wo Erwartungen und Wirklichkeit auseinanderfallen, entstehen Enttäuschung, Verbitterung und politische Radikalisierung. Politik wird dann zunehmend von Emotionen statt von nüchternen Interessen geleitet.

Diese Entwicklung ist keineswegs auf Amerika beschränkt. Auch in Europa profitieren populistische Bewegungen von Unsicherheit, Abstiegsängsten und Identitätsfragen. Die Konflikte unserer Zeit lassen sich daher nicht allein mit wirtschaftlichen Kennzahlen oder machtpolitischen Analysen erklären. Wer die Gegenwart verstehen will, muss auch die Psychologie der Macht verstehen.

Für Europa hat die innere Krise Amerikas weitreichende Folgen. Unabhängig davon, wer künftig im Weißen Haus regiert, werden sich die USA stärker auf eigene Probleme und die strategische Konkurrenz mit China konzentrieren. Europa kann sich deshalb nicht dauerhaft auf den amerikanischen Schutzschirm verlassen.

Es muss mehr Verantwortung für seine Sicherheit und wirtschaftliche Zukunft übernehmen: durch eine stärkere Verteidigung, mehr technologische Innovationskraft und eine gemeinsame außenpolitische Handlungsfähigkeit. Nur ein strategisch selbstbewusstes Europa wird seine Interessen und Werte in einer von Großmachtrivalitäten geprägten Welt behaupten können.

Die wichtigste Lehre aus Amerikas Entwicklung lautet: Demokratien leben nicht allein von wirtschaftlicher Stärke. Sie brauchen gesellschaftlichen Zusammenhalt, Vertrauen und das Gefühl der Bürger, gehört und respektiert zu werden. Gehen diese Voraussetzungen verloren, geraten selbst stabile politische Systeme ins Wanken. Amerikas Krise sollte daher auch Europa eine Warnung sein.

Dr. Josef Braml ist USA-Experte, European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission und Autor des soeben erschienenen Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.

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