Der Krieg gegen den Iran sollte dessen Atomprogramm stoppen. Nun zeigt sich das Gegenteil: Teheran fühlt sich bestätigt, während ein US-Nuklearabkommen Saudi-Arabien den Weg zur Urananreicherung ebnet. Droht ein atomarer Dominoeffekt? Eine Analyse des Politikwissenschaftlers Josef Braml für The Pioneer.
Der Krieg der USA gegen den Iran sollte verhindern, dass Teheran eines Tages über Atomwaffen verfügt. Doch immer deutlicher zeichnet sich ab, dass dieser Krieg genau das Gegenteil bewirken könnte. Statt das iranische Regime zu schwächen, hat die militärische Konfrontation dessen Machtposition im Inneren gefestigt, nationalistische Reflexe ausgelöst und den Anreiz erhöht, sich eine ultimative Lebensversicherung zu beschaffen: die Atombombe.
Die Logik dahinter ist einfach. Staaten ohne nukleare Abschreckung werden angegriffen; Staaten mit Atomwaffen dagegen weitgehend verschont. Nordkorea liefert das prominenteste Beispiel. Aus Sicht vieler iranischer Strategen dürfte deshalb die Lehre der jüngsten Ereignisse lauten: Nicht weniger, sondern mehr nukleare Abschreckung erhöht die Überlebenschancen des Regimes.
Dabei verfügt der Iran bereits heute über eine zweite strategische Versicherungspolice: die Ölwaffe. Im Krisenfall kann – wie aktuell klar wird – Teheran den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus massiv beeinträchtigen, eine der wichtigsten Energieadern der Weltwirtschaft. Darüber hinaus besitzt der Iran die Fähigkeit, die Ölinfrastruktur seiner regionalen Rivalen, insbesondere Saudi-Arabiens, anzugreifen. Die Angriffe auf die saudischen Anlagen von Abqaiq und Khurais im Jahr 2019 haben gezeigt, wie verwundbar selbst hochgerüstete Energiemächte sind.
Doch die iranische Führung weiß auch, dass Öl allein keinen ausreichenden Schutz gegen militärische Interventionen bietet. Die eigentliche Überlebensgarantie liegt aus ihrer Sicht in glaubwürdiger nuklearer Abschreckung. Genau deshalb könnte der jüngste Krieg die politischen Kräfte in Teheran stärken, die seit langem für eine tatsächliche atomare Bewaffnung plädieren.
Die saudische Reaktion ist vorhersehbar
Damit beginnt eine weitere Gefahr. Denn Saudi-Arabien hat wiederholt deutlich gemacht, dass es auf eine iranische Bombe mit eigenen nuklearen Fähigkeiten reagieren würde. Kronprinz Mohammed bin Salman erklärte bereits vor Jahren, dass sein Land nachziehen werde, falls der Iran Atomwaffen entwickelt. Diese Position hat Riad nie zurückgenommen.
Die naheliegendste Option für Saudi-Arabien wäre dabei Pakistan. Zwischen beiden Staaten bestehen seit Jahrzehnten enge sicherheitspolitische Beziehungen. Pakistan verfügt nicht nur über Nuklearwaffen, sondern auch über das entsprechende technische Know-how. Seit Jahren spekulieren Experten darüber, dass Riad im Ernstfall auf pakistanische Unterstützung zurückgreifen könnte.
Vor diesem Hintergrund erhält eine aktuelle Entscheidung Washingtons besondere Brisanz. Die USA haben nun ein weitreichendes Nuklearabkommen mit Saudi-Arabien unterzeichnet, das dem Königreich grundsätzlich einen Weg zur Urananreicherung eröffnet. Offiziell geht es um die Entwicklung ziviler Kernenergie. Doch die Grenze zwischen ziviler und militärischer Nutzung ist bei der Urananreicherung bekanntermaßen schmal. Urananreicherung bleibt die zentrale Schlüsseltechnologie auf dem Weg zur Atombombe.
Der strategische Widerspruch Washingtons
Die Befürworter des Abkommens argumentieren, Washington könne die Entwicklung kontrollieren. Nach den bisher bekannten Details soll zunächst eine zweijährige Studie prüfen, ob Urananreicherung auf saudischem Boden überhaupt notwendig und wirtschaftlich sinnvoll ist. Falls es dazu kommt, sollen amerikanische Unternehmen die Technologie kontrollieren und eine Weitergabe sensibler Verfahren verhindern.
Doch genau hier liegt der strategische Widerspruch. Die USA haben ihren Krieg gegen den Iran unter anderem damit begründet, dass Teheran die Fähigkeit zur Urananreicherung besitze und dadurch potenziell atomwaffenfähig werde. Gleichzeitig eröffnet Washington nun Saudi-Arabien einen Pfad zur gleichen Technologie. Selbst wenn die amerikanischen Kontrollmechanismen zunächst funktionieren sollten, schafft diese Politik einen Präzedenzfall.
Besonders problematisch ist dabei, dass das Abkommen offenbar nicht den strengen Kontrollen des sogenannten „Additional Protocol“ der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) unterliegt. Stattdessen sollen amerikanische Teams zentrale Überwachungsaufgaben übernehmen. Kritiker warnen, dass dies die Glaubwürdigkeit des internationalen Nichtverbreitungsregimes schwächen könnte.
Man muss kein iranischer Hardliner sein, um die Frage zu stellen: Warum soll Teheran internationalen Beschränkungen unterliegen, während Riad Sonderregelungen erhält?
Die atomare Ironie Amerikas
Die Geschichte wird dadurch noch ironischer. Denn das iranische Nuklearprogramm hat seine Wurzeln nicht in einer antiwestlichen Revolution, sondern in der engen Kooperation zwischen den Vereinigten Staaten und dem Schah-Regime. Im Rahmen des amerikanischen Programms „Atoms for Peace“ unterstützten die USA den Iran beim Aufbau nuklearer Infrastruktur. Viele der technologischen Grundlagen, die heute Washington und Jerusalem Sorgen bereiten, wurden damals mit westlicher Unterstützung geschaffen.
Heute führen die Vereinigten Staaten Krieg, um die Folgen einer Entwicklung einzudämmen, die sie selbst einst gefördert haben. Und nun wiederholt sich ein ähnliches Muster: Aus geostrategischen und wirtschaftlichen Gründen helfen die USA einem anderen autoritär regierten Staat beim Einstieg in sensible Nukleartechnologien.
Dabei spielen auch industriepolitische Interessen eine Rolle. Das Abkommen verschafft amerikanischen Unternehmen – insbesondere dem Reaktorbauer Westinghouse – erhebliche wirtschaftliche Chancen. Kritiker im Kongress werfen der Regierung bereits vor, Nichtverbreitungsgrundsätze zugunsten lukrativer Geschäfte aufzuweichen. Der Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen von 1968 ist bislang das wichtigste Instrument zur Kontrolle der nuklearen Rüstungsbegrenzung.
Der Beginn einer nuklearen Kettenreaktion?
Die eigentliche Gefahr liegt jedoch nicht in Saudi-Arabien allein. Sobald Washington bereit ist, einem zentralen Staat der Region die Möglichkeit zur Urananreicherung einzuräumen, werden andere Länder ähnliche Rechte einfordern. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei und Ägypten beobachten die Entwicklung aufmerksam. Bereits heute warnen Nichtverbreitungsexperten davor, dass der saudische Sonderweg einen regionalen nuklearen Dominoeffekt auslösen könnte.
Damit droht genau das Szenario, das die amerikanische Politik jahrzehntelang verhindern wollte: ein multipolarer Naher Osten mit mehreren atomwaffenfähigen Staaten und sinkenden politischen Hemmschwellen für nukleare Bewaffnung.
Ein Krieg, der sein eigenes Ziel untergräbt
Die vielleicht bitterste Erkenntnis ist daher, dass militärische Gewalt das zugrunde liegende Problem nicht gelöst, sondern möglicherweise verschärft hat. Tatsächlich könnte der Krieg Teheran von der Notwendigkeit einer eigenen Abschreckung überzeugt haben. Gleichzeitig öffnet Washington Saudi-Arabien den Weg zu jener Technologie, die man dem Iran mit Bomben verwehren wollte.
Am Ende droht eine paradoxe Bilanz: Der Krieg zur Verhinderung von Proliferation könnte den Anstoß für einen nuklearen Wettlauf im Nahen Osten gegeben haben. Wer verhindern wollte, dass eine Atommacht entsteht, könnte dazu beitragen, dass mehrere entstehen. Das wäre nicht nur ein strategischer Fehlschlag historischen Ausmaßes. Es wäre die gefährlichste Form geopolitischer Kurzsichtigkeit.
Dr. Josef Braml ist USA-Experte und European Director der Denkfabrik Trilaterale Kommission. Er verfügt über 20 Jahre Erfahrung in angewandter Forschung und Beratung weltweit führender Think Tanks und ist Autor des in Kürze erscheinenden Buches „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“.

